Verfasst von: Eva | 15/10/2013

Traut euch!

Angeregt durch den Austausch über Kommentare zu meinem Artikel „Kritisches zu The Work“ möchte ich heute nach längerer Zeit wieder hier zu einem Thema schreiben.

Mir ist klar geworden, dass sich die meisten Menschen nicht wirklich trauen, selbständig zu denken bzw. ihrem Gespür zu trauen. Wobei Ersteres von Letzerem abhängt. Es wird so unglaublich viel im Außen gesucht, als wären die Menschen, die dort ihre Weisheiten verbreiten, eine höhere Spezies. Das sind sie aber nicht – sie sind ganz genau so Menschen wie wir alle, sie haben eine Vorgeschichte, sie waren mal Kinder, die mehr oder weniger Gutes erlebt haben und sie haben alle eine subjektive Sichtweise, die sehr davon abhängt, was sie erlebt haben und wie sie damit umgegangen sind.

Wenn man das, was sie von sich geben, als absolut wahr ansieht, obwohl man doch eine ganz andere Geschichte hatte und eine ganz andere subjektive Sichtweise, bedeutet das nicht mehr, als dass man die Richtlinien für sein Leben im Außen sucht. Und vor allem eine hilfreiche Autorität außerhalb seiner selbst, weil man sich selbst nicht dafür hält.

Eigentlich ein Wahnsinn – denn niemand, absolut niemand auf der Welt ist mehr Autorität fürs eigene Leben als man selbst. Niemals steckte jemand in der eigenen Haut und niemals hat jemand gefühlt und gespürt, was wir selbst spüren. Wir können uns tausende Informationen holen, wir können alles, was wir erfahren und wissen dazu verwenden, den eigenen Horizont zu erweitern – aber wenn wir brav einer außenstehenden Autorität folgen, sind wir innerlich Kinder geblieben, die jemand suchen, der ihnen sagt, wo’s lang geht.

Und je mehr sich der Überzeugung anschließen, umso sicherer werden wir, dass das der richtige Weg sein muss. Der Mensch ist ein Herdentier und fühlt sich bestätigt, wenn er von anderen umgeben ist, die auch so denken. Dann noch das Ganze in Frage zu stellen, kommt selten bis gar nicht vor. Wenn XY sagt, das ist so und viele, viele kleine xy das glauben, wird man selbst zum kleinen xy, das sich den anderen anschließt.

Ich hatte mal vor vielen Jahren einen Freund, der meinte, warum müsse er anderen glauben, er hätte doch selbst ein intaktes Gehirn. Damals habe ich das nicht verstanden, empfand ihn als überheblich. Aber im Laufe der Jahre ist mir klargeworden, wie unglaublich recht er hatte. Vielleicht war ihm das selber nicht bewusst und er hat es nur aus Oppositionsdenken heraus gesagt. Aber das macht nichts. Er hatte trotzdem recht.

Das Problem ist, dass wir alle als Kinder (jedenfalls die meisten) viel zu wenig Wertschätzung erlebt haben. Wir wurden in den meisten Belangen nicht ernst genommen und Erwachsene waren die Autoritäten (egal, wie dumm sie auch gewesen sein mögen). Und das haben wir verinnerlicht. Wenn jemand, der offenbar „über uns“ steht, etwas Wichtiges behauptet, dann trauen wir uns selten, das ernsthaft in Frage zu stellen. Es sei denn mit anderen Autoritäten, die uns den Rücken stärken. Die aber wiederum dasselbe Spiel bedingen.

In meiner Wohnumgebung gibt es ringsum etliche Siedlungen, wo sehr ungebildete Menschen oder sogar Sozialfälle leben. Eine Weile habe ich mich unter diese Menschen begeben und ihre Ansichten kennengelernt. Ich sage das nicht aus Arroganz heraus, denn das mag ich nicht, aber es war einfach so leicht zu durchschauen, was da läuft. Es gibt eine Gruppenmeinung. Ausnahmen bestätigen die Regel, aber die allermeisten erzählen sich immer dasselbe von derselben Warte aus und damit sind sie so ziemlich gleichgeschaltet.

Diese Leute sind extrem ausländerfeindlich und glauben jedem Populisten, der ihnen das Heil verspricht, wenn nur die leidigen Ausländer endlich weg wären. Der Populist hat schlüssige Argumente, behauptet Dinge, die bei näherer Betrachtung blanker Unsinn sind und Folgen nach sich ziehen würden, die diesen Menschen extrem schaden würden. Aber – sie glauben ihm, weil er ihre Illusionen nährt.

Und wie läuft das bei „Höherstehenden“ ab? Ganz genau so! Es ist keine Sache der Bildung oder der Intelligenz oder des Status: sich an äußeren Autoritäten, die einem das Heil versprechen, gibt es überall und in jeder Schicht.

Das einzige – wirklich das einzige – Mittel dagegen ist, sich seinen alten Verletzungen zuzuwenden, um sie zu heilen und dann selber authentisch zu denken und zu spüren. Das macht immun gegen Beeinflussung von außen, weil man dort nicht mehr die Orientierung suchen muss. Da die allermeisten Menschen diesen Weg nicht beschreiten, wird sich auch leider nicht so schnell daran etwas ändern. Selbst reflektierende gescheite Menschen haben sich oft nie schonungslos und aufrichtig ihren eigenen Verletzungen zugewendet. Sie leben darüber hinweg und sind damit sehr anfällig für Konstruktionen von außen, die ihnen Heilsversprechen machen.

Aber warum traut sich Mensch nie, abseits aller Vordenker selber zu denken? Ist er nur passiver Genießer von „Lösungswegen“, die andere vorgeben? Ich denke – allzu oft leider ja. Er traut sich schlicht nicht zu, selber seinen Lösungsweg zu finden. Es würde Zeitaufwand bedeuten, Engagement (für sich selbst) bedeuten. Einfacher ist es da schon, etwas einfach zu übernehmen.

Aber es bringt letztlich nichts. Niemand kann jemand anderem seine Wege vorgeben. Er geht damit ja doch nur den Weg eines anderen.

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