Verfasst von: Eva | 17/11/2013

Gedanken zu Glück

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Jeder Mensch strebt danach, ein gutes Leben zu führen. Ich denke, dass dies nicht nur zum Menschsein gehört, sondern zum Leben an sich. Wer ein Leben führt, das er selber als (wirklich) gut ansieht, verfügt über Freude am Leben. Und Lebensfreude ist ein Synonym für Glücklichsein.

Ich meine damit nicht jene Menschen – von denen es sicherlich sehr viele gibt – die ihr Leben als gut bezeichnen, obwohl es das nicht ist. Das erinnert mich an Kinder, die weinen, aber keine Antwort auf die Frage geben können, warum sie weinen und ihre wenig einfühlsamen Eltern, die danach eine Ohrfeige mit dem Spruch androhen „damit du weißt, warum du weinst“. Was ich damit sagen will, ist, dass Menschen sehr wohl unzufrieden bis hin zu sehr unglücklich sein können, aber den Grund dafür aus verschiedensten nicht Gründen nicht kennen. Das hebt aber das Unglücklichsein nicht auf.

Vor kurzem unterhielt ich mich mit einem Mann, der über Depressionen klagte. Er meinte, sein größtes Problem sei, dass er nicht wisse, warum er sie hätte. Alles in seinem Leben verliefe gut. Es gäbe keine finanziellen Probleme, er führe seit langem eine gute Ehe und der Lebensverlauf seiner erwachsenen Tochter sei auch erfolgreich.

Spontan fiel mir sofort ein, dass die Ursache wohl darin zu finden sein würde, dass dieser Mann überhaupt keinen Zugang zu den Gründen für seine Depressionen – und damit seinen tieferen Gefühlen und Bedürfnissen – hat. Er sagte ja schon selber, das sei sein größtes Problem. Aber er hat nicht weiter gedacht und hinterfragt, warum er (sich) so wenig spürt.

Mir ist das wesensfremd, ich spüre eher zu viel als zu wenig. Ich wusste immer, warum es mir schlecht ging – sei es aufgrund unbefriedigter wichtiger Bedürfnisse, heftiger Ängste oder tiefer Traurigkeit über Verluste. Zuweilen waren es auch Auslöser in der Gegenwart, die alte (noch nicht verarbeitete) Wunden berührten. Das war zwar oft nicht gleich zu begreifen, aber letztlich doch immer.

Ich glaube nicht an die Theorie, dass sich ein glückliches Leben zu je xy % aus genetischer Anlage , äußeren Umständen und der eigenen Haltung zusammen setzt. Ich glaube nämlich überhaupt nicht, dass sich Einflüsse auf das Leben von Menschen zu einem bestimmten Prozentsatz fein säuberlich aufteilen lassen. Erstens ließe sich das gar nicht messen und zweitens ist das ein Gedankenkonstrukt, das allzu viele unkritisch hinnehmen. Wir sind es so sehr gewöhnt, alles zu messen, dass wir dies auch auf Bereiche anwenden, wo es völlig unsinnig ist.

Nehmen wir einmal einen anderen Blickwinkel bei diesen Prozentgeschichten ein: eine Person sagt, sie wäre nicht glücklich. Sie erzählt, das läge zu 50% an ihren genetischen Anlagen, zu 10% an ihren Lebensumständen und zu 40% an ihrer Haltung. Würden Sie diese Aussage ernst nehmen? Ich ganz sicher nicht! Sobald nämlich ein Subjekt, also ein Mensch aus Fleisch und Blut ins Spiel kommt, hört sich das Ganze nur mehr absurd an.

Trotzdem spricht die „Glücksforschung“ von solchen Prozentsätzen – für den einzelnen Menschen. Wenn man es noch grotesker und komplizierter haben möchte, könnte man damit auch neue Berechnungen anstellen. Wie wichtig ist die genetische Anlage, wenn diese Person zwar kein naturgegeben sonniges Wesen hat, aber auch kein allzu schweres? Würden sich damit die 50% des genetischen Einflusses neutralisieren und Umstände und Haltung zu den einzigen Einflussfaktoren (im Verhältnis 20:80) werden?

Oder wie ist das, wenn die äußeren Umstände grottenschlecht und kaum aushaltbar sind? Ist dann ihr Einfluss auch nur 10%ig? Mit gesundem Menschenverstand müsste das eigentlich jeder ablehnen, denn etwas, das so schlimm ist, beeinflusst sicherlich ganz stark.

Außerdem kann jemand mit sonnigem Gemüt auch aus einem einzigen Grund tief unglücklich sein und jemand anderer mit ernster Veranlagung kann ein sehr erfülltes, glückliches Leben führen.

Was einem überall weis gemacht wird, ist, dass die Haltung dermaßen wichtig ist und wenn man bei dieser ansetzt, alles besser wird. Damit wird aber negiert, dass die Haltung oft unglücklichen Umständen entspringt. Und solange diese sich nicht ändern (lassen), kann man oft nur sehr schwer ehrlich die Haltung verändern.

Was überhaupt ganz ignoriert wird, sind Haltungen, die aus unverarbeiteten Verletzungen und Kränkungen entstehen, zu denen man keinen Zugang mehr hat. Sie beeinflussen das gesamte Leben und werden nicht weniger wichtig, indem man sie verdrängt. Eher im Gegenteil – über etwas, das mir nicht bewusst ist, habe ich überhaupt keine Macht.

Eigentlich ist es ja ein Spezialgebiet der Esoterik, dass durch „neues Denken“ alles wunderbar wird. Sich einem Denksystem anzuschließen, das erfundenen Sinn verkauft (zum Beispiel schlechtes Karma, das abzuarbeiten ist), ist gefährlich und letztlich äußerst kontraproduktiv für Menschen. Sie versuchen nicht mehr, ihre Probleme adäquat zu lösen, sondern finden sich damit ab, bewerten sie vielleicht aber nicht mehr so negativ. Künstliche Seligkeit gefällt mir aber gar nicht. Weil sie Selbstbetrug ist und Selbstbetrug, der nicht erkannt wird, schafft keine fühlenden Menschen, die eine gute Verbindung zu sich selbst haben, sondern künstliche Befindlichkeiten (und künstliche Menschen?).

Zudem schafft sie Abhängigkeit von diesen Denksystemen, weil ohne sie alles wieder beim Alten wäre. Die Lösung ist somit nicht die Lösung, sondern ein Schöndenken der Nicht-Lösung.

Nun mögen manche sagen, immer noch besser als alles beim Alten zu lassen und unglücklich zu bleiben. Dem würde ich aber nur zustimmen, wenn diesen Menschen das auch klar wäre. Dann hätten sie eine Wahlmöglichkeit, sie könnten sich dafür – oder dagegen – entscheiden. Denn das Ganze ist um einiges komplexer als es dargestellt wird: Krisen können ungeheure Entwicklungen frei setzen und damit letztendlich zu sehr viel mehr Lebensglück beitragen als jedes kognitive Umdeuten von Problemen.

Umgelegt auf die Körperebene würde dies bedeuten: bei Schmerzen entweder Drogen zu nehmen oder den Schmerzen auf den Grund zu gehen, um das ihnen Zugrundeliegende zu heilen. Aber auch in der Medizin ist das nicht immer möglich. Und dann sind Schmerzmittel ein großer Segen. Doch niemand käme hier auf die Idee, dies als Patentrezept auszugeben. Bezüglich des Seelenlebens der Menschen werden aber leider viele Patentrezepte verkauft.

Wer nun meint, ich wäre dagegen, an seinen Haltungen zu arbeiten, der irrt sich jedoch sehr. Denn es gibt Haltungen, die irgendwann gelernt und niemals hinterfragt wurden. Diese Haltungen sind oft lebensfeindlich und man macht sich damit das Leben sehr viel schwerer als es sein müsste. Ich halte es hier nicht unbedingt für notwendig, ihre Ursache zu kennen. Meistens kommen sie ohnehin aus der eigenen Familiengeschichte, also dem sozialen Umfeld, das sie vorgelebt hat, aber sie können sich genauso gut später eingeschlichen haben und zur Gewohnheit geworden sein. Es ist nicht so wichtig, das zu analysieren.

Wer in seinem Weltschmerz alles schwarz sieht, ist davon aber nicht betroffen. Niemand muss sich ständig dazu anhalten, alles positiv zu sehen! Dies wäre ein Zwang dazu, seine Authentiziät aufzugeben sowie Leid und Trauer zu verleugnen. Jeder Mensch darf sich auch schlecht fühlen. Wo aber ein unbewusster Mechanismus am Laufen ist, der sich selbst, andere und das gesamte Leben ständig schlecht macht, hat ein ganz anderes Problem. Er verstellt sich damit nämlich tatsächlich auf Dauer jegliche Chance auf ein gutes Leben.

Falls Sie sich fragen, wie man denn nun beiden Ansätzen gerecht werden könnte, dem kann ich nur die Antwort geben, die für so vieles Gültigkeit hat: Differenzieren! Nicht alles über einen Kamm scheren, Einseitigkeit vermeiden, sich nicht auf ein Allheilmittel fixieren. Denn dieses gibt es nicht.

Mit Feingefühl für sich selbst und andere agieren, niemandem etwas überstülpen, zuhören und sich um echtes Verständnis bemühen. Wer schon vorher die Lösung parat hat, obwohl er das Problem noch gar nicht erfasst hat, hält es wie mit dem folgenden Sprichwort (dessen Quelle Paul Watzlawick oder Abraham Maslow oder Indonesien sein soll – so klare Informationen erhält man im Internet…):


„Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel.“

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