Verfasst von: Eva | 14/12/2013

Gefühlskultur

Ich weiß nicht, ob ich es schaffe, meine Gedanken zu diesem Thema verständlich aufzuschreiben. Mir fällt auch kein besserer Titel dazu ein.

Also fange ich einfach an. Mit „Gefühlskultur“ meine ich den Umgang mit Gefühlen, vor allem aber mit leidvollen Gefühlen. Im Grunde bekommen wir das beigebracht wie so ziemlich alles, was wir später unreflektiert fortsetzen. Mit unreflektiert meine ich wiederum nichts Schlechtes, denn wir machen tausende Sachen unreflektiert und das ist auch normal. Das soziale Wesen Mensch lernt von Anfang an durch seine Bezugspersonen und sein gesellschaftliches Umfeld, was „normal“ ist und übernimmt Verhalten, Fertigkeiten und Sichtweisen von anderen. So finden wir uns in der Welt, die uns umgibt, zurecht.

Reflexion ist aber dann notwendig, wenn das Gelernte sich nicht so gut auswirkt. Dass wir bisher immer etwas auf eine bestimmte Art gemacht oder gesehen haben, muss noch lange nicht bedeuten, dass es keine (besseren) Alternativen gibt. Wäre das nicht so, gäbe es keinerlei Entwicklung und Veränderung. Wir würden alles von unseren Ahnen übernehmen und dabei bleiben. Dass das Leben nicht so ist, dürfte jedem klar sein.

Natürlich richtet sich der Veränderungswille ganz besonders auf Dinge, die uns Druck machen. Und leidvolle Gefühle bedeuten Leidensdruck. Die gesamte Psychologie befasst sich mit diesem Thema und will Leiden lindern, daneben tauchen immer wieder eine beträchtliche Menge außerhalb der anerkannten Psychologie stehende Heilslehren, Methoden und Theorien auf, die vorgeben, dasselbe zu bewirken. Wobei diese oft gemeinsam haben, dass sie „schnelle Lösungen“ zur Eliminierung von Leid versprechen.

Aber mir geht es jetzt weder um das eine noch um das andere. Ich konzentriere mich auf das Leiden selbst. Dass es trotz aller Hilfsangebote immer wieder auftritt, ist unbestreitbar, aber kaum jemand hinterfragt den Umgang damit. Viktor Frankl befasst sich mit der Einstellung dazu, er vermittelt, dass auch im Leiden Sinn zu finden sei. Aber auch er sagt nichts über den konkreten Umgang damit.

Zugespitzt möchte ich sagen, mit geht es um die Frage: „Wie reagiere ich auf Leid, wie geht das in mir vor sich?“.

Die Gefühle selbst lassen sich nicht beschreiben, sie empfindet jeder als schmerzhaft. Ob sie nur seelisch oder auch körperlich gespürt werden, ist von Fall zu Fall und von Mensch zu Mensch verschieden.

Aber was tun wir, wenn wir sie empfinden? Akzeptieren wir sie einfach? Sehen wir sie als zu uns und zum Leben gehörig an und gestehen wir ihnen das Recht zu, da zu sein? Oder füllen sofort Gedanken unseren Kopf wie „Das, was geschehen ist, war so furchtbar, es ist so ungerecht, das habe ich nicht verdient, warum geht es mir schon wieder so schlecht, ich halte diesen Verlust nicht aus, ich bin so enttäuscht, ich bin so alleine“ usw. usw. usw.

Was geschieht, wenn wir das tun? Wir verbinden unsere Gefühle mit Gedanken und machen daraus eine Kombination aus leidvollen Gefühlen und leidvollen Gedanken. Wir lassen nicht einfach die Gefühle zu, durchleben sie bewusst und erlauben ihnen damit, zu fließen, sondern wir halten sie im Grunde durch die Gedanken fest oder heizen sie oft sogar noch an. Ich glaube, das kommt daher, dass wir es nicht mehr gewöhnt sind, unsere Aufmerksamkeit ungeteilt auf etwas zu richten. Die Sprache ist so allgegenwärtig und so in unseren Gehirnen verankert, dass wir alles mit Sprache interpretieren, dokumentieren oder begleiten wollen.

Ich habe vor ca. ein, zwei Jahren eine neue Erfahrung gemacht, die mir sehr hilft, mit leidvollen Gefühlen, wenn nicht mit allen Gefühlen, besser umzugehen. Ich stelle nicht den Anspruch, dass dies auch für andere gilt, aber ich schließe es auch nicht aus.

Wenn ich gespürt habe, ich bin traurig oder entmutigt oder verzweifelt, habe ich versucht, alle Gedanken beiseite zu lassen. Sei es auf einem Spaziergang, zu Hause auf dem Sofa oder einfach irgendwo, wo ich alleine war – habe ich einfach nur gefühlt. Ich habe mich nicht gegen meine Gefühle gewehrt, sie mir nicht zu erklären versucht, schon gar nicht nach einer Lösung für „das Problem“ gesucht, sondern sie einfach hingenommen.

Was ist passiert? Kurzfristig nichts anderes als sonst auch. Mir ging es schlecht. Aber auf andere Weise als sonst – ich hatte das Gefühl, ich bleibe damit ganz bei mir. Das hat das Leid nicht aufgelöst, aber es war ein Teil von mir selbst und nichts Bedrohliches oder Abzulehnendes. Ich meine damit kein Hineinsteigern oder Sich-suhlen darin, sondern ein schlichtes Hinnehmen ohne jegliche Aktion.

Nach einer Zeit – die von ein paar Minuten über Stunden bis hin zu Tagen andauern konnte (selten mehr als zwei Tage) – hat sich dieses Gefühl abgeschwächt und letztlich ganz aufgelöst. Ohne jedes Zutun. Ich fühlte mich wieder energievoll und ausgeglichen, da blieb kein schaler Rest übrig. Ich konnte wieder klar denken und oft genug das zugrundeliegende Problem unbelastet betrachten und je nachdem Schritte zu seiner Lösung setzen oder es als nicht mehr wichtig erkennen.

Ich sehe das keinesfalls als Methode oder Technik an! Ich glaube eher, es ist die Abkehr von jeder Methode. Denn Gefühle können wir nicht wirklich nachhaltig beeinflussen und wenn man ihnen den Raum gibt, den sie brauchen, fließen sie und lösen sich wieder auf. Denn Gefühle sind nichts Statisches, sie sind etwas Lebendiges. Und je mehr ich das akzeptieren kann, ohne sie „zu stören“, umso leichter mache ich es ihnen – und mir. Ich greife in den Prozess nicht ein, sondern lasse ihn zu.

Es betrifft auch Gefühle wie Wut und Zorn. Wenn ich mich so richtig wütend fühle, erlaube ich mir, diese Wut voll und ganz zu spüren. Ich kann sogar leise vor mich hin fluchen oder zornig einen Stein oder was auch sonst herum liegt, weg kicken, aber ich tue und denke nichts sonst. Die Wut hat sich nie länger als allerhöchstens ein paar Stunden gehalten – wenn überhaupt.

Das ist natürlich nichts, das von heute auf morgen sofort funktioniert. Es bedarf einer gewissen Übung wie alles, das man früher anders gemacht hat, aber nun verändern möchte. Es gelingt mir nicht immer, aber es gelingt mir immer öfter. Und ich mache jedes Mal sehr positive Erfahrungen damit.

Ich glaube, was die Gefühle in uns brauchen, ist einfach Wertschätzung und ein „Leben lassen“, denn sie gehören zu uns und damit schenken wir uns letztendlich selbst Wertschätzung. Und zwar bedingungslos und nicht an etwas Erwünschtes gebunden.

Dass das nicht leicht umzusetzen ist in unserer Gesellschaft, ist mir natürlich klar. Das Erste, was von anderen kommt, wenn ich meine Gefühle (Trauer, Wut, Schmerz,…) authentisch lebe, ist entweder Beschwichtigung, Ablenkung, Betretenheit oder Ablehnung. Daher ziehe ich mich damit zurück und lasse es meine Privatsache sein.

Ein Spaziergang in einer reizarmen Umgebung eignet sich hervorragend dazu, aber genau so gut das eigene Zuhause.

Der ganz große Wert dieser Handhabung von Gefühlen ist nicht nur, dass sie damit nicht blockiert oder interpretiert werden und daher frei fließen können, sondern vor allem auch die klaren Gedanken danach. Denn beides zusammen – klare Gedanken und starke Gefühle – sind eine Unmöglichkeit.

Advertisements

Responses

  1. Liebe Eva

    Ich sehe es auch in deine Richtung. Meine besten Erlebnisse bis hin zu erleuchtenden Momenten hatte ich immer dann, wenn ich durch die belastenden Emotionen hindurch gegangen bin 😉

    Ich glaub, es ist einfach Angst, die Menschen davon abhält, sich dem Schatten bzw. den belastenden Emotionen zu stellen. Für viele ist das auch nur mit professioneller Begleitung möglich.

    Ich hab für mich erkannt, dass hinter diesen tiefen negativen Emotionen, unverwirklichte Bedürfnisse darauf warten, entdeckt zu werden. Wenn ich ganz tief in belastenden Emotionen drin stecke, kann ich ziemlich schnell gewisse Bedürfnisse ausmachen, die ich mir selbst erfüllen kann: Loslassen, annehmen, hingeben, gehen, kritisch sein, ausbrechen, pausieren, aufgeben, fallen lassen, mich selbst sein, …

    Mein Weg hat mich dahin geführt, diese Bedürfnisse zu entdecken und meine Widerstände zu erkennen. Das Annehmen des Bedürfnis führt schnell zu einer Veränderung der Gefühlslage und ich entdecke neue Kräfte und Seiten an mir.

    Es sind lebendige Prozesse, die natürlich auch ihren Preis einfordern, weil alles im Leben Vor- und Nachteil mit sich zieht. Ich hab mich für die Auseinandersetzung mit meinen negativen Emotionen entschieden und hab im ablaufenden Jahr sehr viele gut Erfahrungen damit gemacht.

    Liebe Grüsse
    Martin

  2. Ja, Martin – wir meinen schon dasselbe.
    Wobei es mir in dem Beschriebenen aber nicht darum geht, Bedürfnisse anzunehmen, Widerstände zu erkennen oder neue Kräfte zu entdecken (das ist ein bisschen ein anderes Thema), sondern darum, wie ich IN der Situation reagiere.
    Dabei kann es sich auch um Gefühle handeln, hinter denen keine großartigen Bedürfnisse oder neue Erkenntnisse stehen. Ich meine, die unausweichlichen Momente bzw. Zeiten, wo man eben mit (oft leidvollen) Gefühlen konfrontiert ist (völlig abgesehen von ihrer Ursache). Du gehst schon mehr in Richtung „Zweck“ oder „Ziel“ oder „Sinn“. Ich möchte aber in dem Moment nichts daraus lernen, nichts verstehen oder begreifen, keinen Sinn zuweisen und suche auch nicht danach. Ich lasse sie einfach zu – und schicke alle Gedanken mal weg. Wenn du willst, ist das eine absichts- und bedingungslose Haltung.

    Es ist bei weitem nicht immer so, dass ich danach etwas verstehe oder Neues erkannt habe. Es sind einfach Gefühle, die auftauchen und deren Ursache ich manchmal kenne, manchmal auch nicht. Sie können auch Gründe haben, die mir sehr vertraut sind, weil sie mit etwas zusammen hängen, das ich im Moment nicht ändern kann, das mich aber belastet. Gerade hier reagiere ich mit Annahme ohne jegliches Denken. Es ist so eine Art Einstellung „Da muss ich jetzt durch“. Sie haben oft auch keinen tieferen Sinn, sondern sind nur folgerichtig (Gekränktheit durch etwas, eine Enttäuschung, Einsamkeitsgefühle). Trotzdem aber sind sie da und ich muss ihnen auch keinen Sinn zuweisen, sondern nur akzeptieren, dass es eben jetzt so ist und dass sich das nicht aufheben lässt.

    Im Vergleich zu früher, wo ich durch viele Gedanken dazu viel mehr in die Verzweiflung geraten bin und tagelang darunter gelitten habe, weil mich das Problem, das ich formuliert hatte, ständig begleitet hat, widme ich diesem heute nur mehr sehr wenig Aufmerksamkeit. Nicht parallel dazu, wenn du verstehst, was ich meine. Damit kann ich mich später auseinander setzen, wenn ich wieder im Lot bin – oder auch nicht. Es kommt eben darauf an, worum es geht.

    LG
    Eva

  3. Liebe Eva

    Ich finde es gut, dass du noch auf diesen Punkt eingegangen bist mit den reinen Gefühlen. Ich meine auch, dass es wichtig ist, sich fallen zu lassen und alle Emotionen anzunehmen. Es muss auch nicht hinter jeder negativen Emotion ein grösseres Problem stecken.

    Sobald ich merke, dass es sich bei mir um ein Muster handelt, weil das negative Gefühl durch einen Trigger ausgelöst wurde, verspüre ich Handlungsdruck. Ich möchte diese Kette auflösen, weil es mir sonst immer wieder passiert.

    Ich kann sehr gut traurig sein und das viele Tage lang. Das ist dann kein Gefühl, wo ich was verändern will. Es gehört dann einfach zu meiner „Psychohygiene“, diese Trauer zu leben und zwar ohne Absichten. Mit Wut geht es mir genau gleich. Wenn ich wütend bin, lass ich das zu, bis das dann wieder abklingt. Auch hier besteht kein Grund, was zu ändern.

    Wenn ich jedoch in diese Erschöpfungsgeschichten reinlaufe, dann ich weiss ich aus Erfahrung, dass ich was ändern muss. Ich kann das mittlerweile auch gut differenzieren, ob sich da so quasi „gesunde“ negative Emotionen melden oder ob es diese „kranken“ negativen Emotionen sind.

    Vielen Dank für das spannende Thema
    Martin

  4. Lieber Martin,

    das eine schließt das andere nicht aus. Auch wenn es Muster sind und die Gefühle momentan da sind, bleibt ohnehin nichts anderes übrig als sie entweder zuzulassen oder dagegen zu kämpfen (bringt nicht viel).

    Es hat nichts damit zu tun, ob ich mich später damit auseinander setze oder nicht. Es ist schon vorgekommen, dass mir sehr klar war, woher die Gefühle kommen (bzw. getriggert wurden), doch kann ich im Moment nichts dagegen tun außer sie zuzulassen.

    Später kann ich jedoch sehr wohl agieren, mich mit dem Thema auseinander setzen, es bearbeiten, ein Stück weit mehr aufarbeiten, meine Einstellung oder mein Leben ändern – und damit dafür sorgen, dass zukünftig keine so starken Reaktionen mehr auftreten.

    Egal, ob es „kranke“ oder „gesunde“ Emotionen sind – das ist ja wieder eine Bewertung und Einteilung – es sind immer Gefühle und Gefühle wollen nicht eingesperrt werden. Also reagiere ich auf beide Arten gleich. Im Moment.

    Was natürlich möglich ist, ist ein gewisses sofortiges Abstoppen, wenn uns klar ist, dass das öfter erlebte ungesunde Gefühlsmuster sind. Das verlangt aber schon ein recht klares Bewusstsein darüber und ich möchte es damit vergleichen, das „Kind in uns als Erwachsener an die Hand zu nehmen“.

    LG
    Eva

  5. Hallo Eva

    Das hast du schön gesagt, mit dem “Kind in uns als Erwachsener an die Hand zu nehmen”.

    Liebe Grüss
    Martin

  6. Lieber Martin,

    ich sehe ich das wirklich so. Da muss auf die eigene verletzte Seele aufpassen und ein bisschem mehr die erwachsene Position einnehmen, um weiteren Schmerz aufzuhalten. Gefühle sind nicht „erwachsen“, sie sind, wie sie sind und immer waren. Aber der erwachsene (und gereifte?) Geist kann da zu Hilfe kommen.

    LG
    Eva


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: