Verfasst von: Eva | 11/01/2014

Masken der Macht

Na ja – sehr lange hat es nicht gerade gedauert, bis ich wieder einen Beitrag hier verfasse. Das kommt daher, dass ich mir dieses Buch, auf das ich schon sehr neugierig war, bestellt habe und eine Rezension verfassen möchte.

Es handelt sich um das Buch:

Guru-Papers – Die Masken der Macht. Joel Kramer & Diana Alstad. Deutsche Erstausgabe. 1. Auflage, April 1995. Zweitausendeins, Frankfurt am Main.

Ich habe es mir in einem Antiquariat bestellt, weil mich der Titel angesprochen hat. Neu ist es nur mehr englisch zu bekommen, aber das wäre mir viel zu mühsam gewesen.

Mein erster Eindruck: Die beiden Autoren setzen sich tatsächlich sehr intensiv mit den Mechanismen von Religionen, Kulten, Ideologien und „Gurus“ auseinander. Ich finde, das Buch ist inhaltlich sehr gut und man merkt, dass jahrelang daran geschrieben, gut recherchiert und viel nachgedacht wurde. Was das Lesen aber etwas mühsam macht, sind die vielen Wiederholungen. Es ist daher relativ aufwändig, die grundlegenden Informationen herauszufiltern.

Aus diesem Grund möchte daher jetzt nur über die ersten ca. 140 Seiten, die ich bereits gelesen habe, schreiben. Das gesamte Buch inhaltlich in groben Zügen in einem Beitrag wiederzugeben, ist mir nicht möglich. Es wäre entweder viel zu oberflächlich oder viel zu lange und anstrengend zu lesen.

Ich beginne mit Auszügen aus der Einleitung „Weshalb untersuchen wir den Autoritarismus?“ :

„Der Schwerpunkt der Guru-Papers ist die Entlarvung und Veranschaulichung des Autoritarismus in den Methoden, mit denen die Menschen darauf konditioniert werden, sich eine bestimmte Sicht der Wirklichkeit zu erschaffen, und sie aufrechtzuerhalten. Viele der heutigen Ideologien und Weltanschauungen sind sehr geschickt darin, sich zu rechtfertigen und glaubwürdig zu bleiben. Das Problem des Glaubens ist, daß er sehr häufig auf Vorlieben und Eigeninteressen zurückzuführen ist. Wir alle könnten endlos darüber diskutieren, welche Weltanschauung inhaltlich besser oder wahrer ist, ohne genügend Beweise zu finden, die Ungläubige überzeugen könnten. Zeigen können wir jedoch, ungeachtet von Wahrheit oder Unwahrheit, ob ein Glaube auf einer autoritären Einstellung beruht oder ob er die Eigeninteressen derjenigen tarnt, die mit seiner Hilfe Macht ausüben.“ (S. 25)

„Wenn die Menschen sich selbst nicht mehr trauen, sind sie eine leichte Beute für Manipulationen.“ (S.26)

„Nicht alle Menschen gehorchen blindlings. Überdies neigen Menschen, die zum Gehorsam gezwungen werden, dazu, andere ebenfalls zum Gehorsam zu zwingen, wenn die Möglichkeit besteht. Wenn Kinder lernen, sich selbst nicht zu trauen (eine Grundvoraussetzung für eine autoritäre Persönlichkeit), dann haben sie als Erwachsene kaum eine andere Wahl, als sich jemand anders zu suchen, auf den oder die sie vertrauen können, vor allem in schwierigen Situationen… Solange die Kinder nicht lernen, sich selbst zu trauen, und solange die Gesellschaftsstrukturen Selbstvertrauen nicht belohnen, sondern bestrafen, besteht kein Anlaß, die Natur zur Ursache des Autoritarismus zu erklären.“ (S. 34 f.)

Dies erinnert stark an Arno Gruens Ansatz in seinem Buch „Der Verrat am Selbst“. Auch er sieht in der Kindererziehung, welche nicht Selbstvertrauen und Eigenständigkeit fördert, die Ursache von Autoritätsgläubigkeit.

Kramer und Alstad sprechen von dem inneren Zwang, einer Person oder Sache zu gehorchen, die als höher, mächtiger, moralisch überlegen oder sachkundiger angesehen wird – oder selbst eine solchen Instanz für andere Menschen darzustellen. Wobei sich diese beiden Muster gegenseitig nicht ausschließen, sondern nur zwei Seiten derselben Medaille sind.

Hierarchie und Autorität gehören zwar zum menschlichen Wesen, Autoritarismus aber entsteht, wenn das Hauptziel die Erhaltung der Macht ist. In (sinnvoll) aufgabenorientierte Hierarchien der Demokratie können Führungspersönlichkeiten von ihren Positionen wieder entfernt werden, zudem haben auch Menschen auf der unteren Ebene ein gewisses Mitspracherecht dabei, wer bestimmte Positionen über ihnen einnimmt. In autoritären System geben jedoch Menschen, wenn sie nicht gelernt haben, sich selbst zu vertrauen, ihre Macht komplett an andere ab.

Menschen hatten schon immer das Bedürfnis, an eine höhere Autorität zu glauben, die vorgibt, was richtig und falsch ist und wie sie leben sollen. An religiöse Vorgaben zu glauben, erzeugt unerschütterliche Gewissheit. Leid wird als verdient angesehen (Erbsünde, wichtige Lernlektion), lässt daher Machtlosigkeit und Missbrauch von Menschen leichter ertragen , zudem wird es einfacher, sich nicht vom Schicksal anderer berühren zu lassen. Sowohl in westlichen als auch in östlichen Religionen werden menschliche Tragödien als Teil eines höheren Plans angesehen. Unsterblichkeit wurde deshalb zur Grundlage der Moral, da sich Gerechtigkeit auf der Welt oft nicht unmittelbar durch die Bestrafung des Bösen und Belohnung des Guten zeigt – sie wird daher in die Zeit nach dem Leben verschoben. Die meisten Religionen sehen überdies das Hauptübel in Selbstbezogenheit und vertreten eine Moral des Verzichts.

Gewissheit überdeckt und beschwichtigt Ängste, weil Menschen (zu) wissen (glauben), was sie tun müssen, warum sie hier sind und wohin sie gehen. Doch heute ist das nicht mehr so einfach. Die Naturwissenschaften haben Mysterien schon immer in Frage gestellt und dadurch diese Systeme geschwächt, können jedoch nicht Sinn und Werte stiften. Wissenschaft und Technik haben damit viele ethische Probleme geschaffen.

Die Suche nach Erlösern oder Verkündern spezieller Wahrheiten ist das Kernstück des traditionellen Autoritarismus, der fest in der Geschichte, den Traditionen und Mythen verwoben ist. Ihre Anziehungskraft resultiert aus der kindlichen Hoffnung auf eine magische Antwort auf alle Probleme und Ängste, welche Sicherheit und Halt gibt.

Es existiert jedoch ein fundamentaler Unterschied zwischen traditionellen Religionen und Kulten: Die Macht des Führers/Gurus wird nicht durch (heilige) Schriften, Traditionen oder einer „höheren“ Autorität beschnitten, er versteht sich selbst als Bringer der Wahrheit, nicht nur als deren Hüter. In einem Kult liegt die absolute Autorität beim Führer, er ist Schöpfer der Wahrheit. Er kann intensive Gefühle herauf beschwören und seine Anhänger fast zu allem veranlassen.

Östliche Religionen haben eine stärkere Tendenz, unumschränkte Führer hervorzubringen, da der „Erleuchtete“ eine gänzlich andere Art von Mensch darstellt. Sie bieten zudem allen die (theoretische) Möglichkeit, „göttlich“ zu werden – während in den westlichen Religionen Menschen niemals göttlich werden können. Insofern haben sie eine hohe Anziehungskraft für westliche Gesellschaften, da sie eine vom Leben losgelöste Perspektive bieten, die alles vollkommen erscheinen lässt. Durch Praktiken, die eine Loslösung von Emotionen bewirken, implizieren sie durch Karma und Wiedergeburt die Möglichkeit einer unablässigen Verbesserung der Existenz. Da sie keinen personifizierten Gott wie die westlichen Religionen haben, wird der Guru zur lebenden Gottfigur.

Dies birgt jedoch Gefahren. Selbst wenn einige Gurus tatsächlich tiefere Einsichten und anfänglich die besten Absichten gehabt haben mögen, geraten sie unweigerlich in die Struktur autoritärer Beziehungen. Wenn ein Mensch behauptet, er wisse, was für andere das Beste ist, ist er autoritär und die Hingabe seiner Anhänger bedeutet Unterwerfung unter mentale und emotionale Fremdbestimmung. Die Sehnsucht, sich mit etwas Tieferem als unserem individuellen Leben zu verbinden, kann als spiritueller Impuls verstanden werden, der lange Zeit in den Religionen kanalisiert war. Religionen lehnen aber kritische Prüfungen strikt ab und setzen ihren Glauben als absolut.

Speziell in unsicheren Zeiten wächst das Interesse von Menschen an richtungsweisenden Führungspersönlichkeiten. Wenn Menschen Angst haben, suchen sie Zuflucht zu festen Werten, Verhaltensweisen und emotionalen Haltungen, wozu auch „Magisches Denken“ gehört. Dies bedeutet heute, nachdem die traditionellen Religionen dieses Bedürfnis nicht mehr befriedigen können: Weg von den westlichen Religionen hin zu den östlichen. Allerdings ohne deren Hintergrund wirklich zu verstehen.

In den starren östlichen Kulturen hatten die Menschen kaum eine andere Möglichkeit, sich von ihren familiären und gesellschaftlichen Rollen zu lösen außer über den Pfad der Spiritualität. Das Konzept spiritueller Meister wurde zum Ideal der Entsagung vom weltlichen (oft unerträglich einschränkenden) Leben. Diese Meister gelten als Meister über das Leben, indem sie sich von den Wechselvorfällen des Lebens geistig nicht mehr beeinflussen lassen.

Auf Menschen, die in westlichen, kapitalistischen Gesellschaften aufgewachsen sind, trifft das aber auf einen ganz anderen Kontext. Ein neugeborenes Kind hat das Bedürfnis nach grundlegendem Wohlbehagen, fundamentaler Sicherheit und kennt die Sterblichkeit nicht. Die Sehnsucht nach Rückkehr in diesen Zustand entsteht vor allem dann, wenn das spätere Leben nicht erfüllend ist. Und das ist es oft nicht – allerdings aus gänzlich anderen Gründen als in früheren östlichen Kulturen. Wir sind nicht zu sehr eingebunden in familiäre und traditionelle Rollen, sondern zu wenig. Aus diesem Sinn- und Orientierungs-Vakuum heraus suchen wir nach neuem Halt – motiviert von dem Wunsch nach Konfliktfreiheit und einer gütigen, allmächtigen Instanz, welche sich um die Dinge kümmert und wo wir uns (wieder) unsterblich fühlen. Viele Menschen suchen im Namen der Spiritualität aber nicht nach Wachstum, sondern nach diesem kindlichen Zustand. Die Hingabe an eine Ideologie, welche ihnen das anbietet, ist der einfachste Weg, diesem Zustand nahe zu kommen.

Die Rolle des Wissenden bedingt allerdings den Suchenden nach einer Autorität und umgekehrt. Sieht sich der Wissende als Überbringer der Wahrheit, kann er sich nicht mehr eingestehen, dass auch er manchmal unsicher ist. Er würde sich damit nicht mehr vom Suchenden unterscheiden und könnte keine Gewissheit anbieten. Das Konzept der Erleuchtung verlangt also Unfehlbarkeit. Erleuchtung braucht keine Weiterentwicklung mehr, ist ein statischer, absoluter Zustand.

Für den Suchenden bedeutet die Unterwerfung jedoch nur, die innere Herrschaft gegen eine äußere auszutauschen – je absoluter die Hingabe, umso totaler die Herrschaft. Spirituelle Lehrer beanspruchen für sich, ihre Anhänger von tiefsitzenden Konditionierungen zu befreien – betreiben aber parallel dazu Konditionierung auf ihre eigene Sichtweise.

Zur traditionellen Auffassung von spirituellem Wachstum gehört auch das Loslassen aller Eigenschaften und Aspekte, die unerwünscht oder missbilligt werden, zum Beispiel Eifersucht, Zorn oder Konkurrenzdenken. Verzichtsreligionen beherrschen die Menschen schon immer über die Schuldgefühle, die sie um die Selbstbezogenheit aufgebaut haben. In der Tat sind aus zu großer Selbstbezogenheit viele Katastrophen entstanden. Allerdings sollte der Widerspruch dieser Forderung nicht übersehen werden: Denn das Interesse an der eigenen Erlösung ist ebenfalls selbstbezogen!

Was nicht übersehen werden darf: Die schnelle Bindung an einen „Guru“, ebenso wie die seiner Anhänger untereinander beruht alleine auf einer gemeinsamen Ideologie. Sie ist keine echte menschliche Bindung, die auf Gefühlen füreinander beruht, da sie sich sofort wieder auflöst, wenn die Gruppe wieder verlassen bzw. der Ideologie abgeschworen wird. Kulte haben äußerst viel mit Projektionen zu tun: Der Guru wird unbewusst als ideale/r Ersatzvater bzw. -mutter angesehen – die viele nie hatten, sich aber immer gewünscht hatten. Die Anhänger untereinander sehen sich als „Ersatzfamilie“. Der Glaube an die bedingungslose Liebe in solchen Umfeldern ist aber nur eine Illusion, da diese sehr wohl eine Bedingung stellt: „Hingabe und Glaube an die Ideologie“.

Egal, um wie viel besser sich Menschen anfänglich durch die Übernahme der Sichtweisen der Autorität fühlen, langfristig gesehen, verhindert es Erwachsenwerden. Kinder, die weniger autoritär erzogen und zu Selbstvertrauen ermutigt wurden, sind erheblich weniger anfällig für solche autoritäre Herrschaft.

Die Frage „Wer bin ich?“ richtet den Blick nach innen und nicht nach außen (auf einen Führer, eine Ideologie). Die Unterwerfung unter von anderen aufgestellten Weltanschauungen hält Menschen in Abhängigkeit, Kindlichkeit und bedeutet ein Leben aus zweiter Hand. Ein erwachsener Mensch kann sein Leben selbst in die Hand nehmen, ohne seine Identität aufzugeben. Die Tragödie spirituell-autoritärer Strukturen, dem Standpunkt eines anderen Menschen absolute Priorität einzuräumen, erzeugt nichts als illusorische Sicherheit.

Ein „Guru“ weiß natürlich, dass diejenigen, die an ihm Interesse zeigen, etwas von ihm haben wollen, das ihnen selber fehlt. Psychologischer Autoritarismus lebt von Manipulation. Menschen werden zur Hingabe durch „Belohnungen“ veranlasst, verstärkt durch Aufmerksamkeit und Bestätigung, das Fehlen von Hingabe wird bestraft, indem Zuwendung verweigert wird oder unangenehme Konsequenzen für die eigene Entwicklung vorausgesagt werden.

Leider schließen Menschen, die sich besser fühlen, oft fälschlicherweise daraus, dass alles, was diese guten Gefühle bewirkt, gut und wahr sein muss. Aus diesem fundamentalen Irrtum ergibt sich weiter, dass die entsprechende Ideologie mit universeller Wahrheit gleichgesetzt wird. Auch wenn viele Anhänger gerne verbreiten, es gäbe keine absolute Wahrheit, jeder hätte seine eigene (um Kritik an ihrem Glauben abzuwehren) – ist das meist nur eine Verschleierung der Tatsache, dass sie selbst dennoch glauben, die Wahrheit in ihrem Glauben gefunden zu haben.

Die östliche Auffassung, Erleuchtung sei etwas, das jenseits der Vernunft liege, erlaubt es dem Guru, den Verstand zu untergraben. Kritik wird oft von Aussagen wie „Du bist zu sehr im Kopf und zu wenig im Herzen“ abgewehrt. Der alleinige Gebrauch von Emotionen ohne den Verstand ist aber leider genau so einseitig und beschränkt wie der Gebrauch nur des Verstands. Ohne Verstand werden wir schnell nur zu Gläubigen und geben unsere Fähigkeit, kritisch zu denken, auf. Geistige Gesundheit lebt aber davon, sowohl auf eigene als auch auf äußere Informationen zu reagieren. Ein Eingreifen in diesen Prozess ist Machtmissbrauch, weil damit die individuellen Fähigkeiten von Menschen abgewertet werden. Verstand garantiert zwar keine Weisheit, er ist jedoch ein Werkzeug, um Erfahrungen zu integrieren – eine Grundbedingung für Selbstvertrauen, ohne die kaum Weisheit möglich ist. Kritische Intelligenz auszuschalten, bedeutet, nur mehr zu glauben.

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Responses

  1. Ein langer und dennoch guter Artikel. Maskenmenschen bilden eine spannende Erscheinung unserer modernen Zeit http://www.life-is-limit.de/masken-und-fassaden/

  2. Hallo Patrick,
    der Artikel ist nur so lange, dass er die Essenz des Buches zum Ausdruck bringt. Alles, was es weiter beinhaltet, ist ein Drumherum, sind Details zu dieser Essenz. Ich fand es wirklich gut, aber alles, was über die Kernaussage hinaus geht, nicht notwendig zu kennen.
    Ich habe den Artikel gelesen, den du verlinkt hast. Dort geht es auch um Fassaden und wahrscheinlich genau so um Autoritarismus – allerdings nicht auf eine Führerpersönlichkeit ausgerichtet, sondern auf den „Gott“ Kapitalismus und was er uns verspricht. Im Grunde kein so riesiger Unterschied zu religiösem Glauben, nur von der Ausrichtung her anders.

    LG
    Eva


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