Verfasst von: Eva | 18/02/2014

Im Jetzt leben

Ganz bestimmt habe ich damit keine Anspielung auf Eckhart Tolles „Jetzt“ im Sinn. Denn das, was er von sich gibt, ist nahezu das Gegenteil von dem, was ich meine. Einen Kommentar auf eins seiner öffentlichen Videos fand ich ganz besonders treffend:

„Ein Erleuchteter weiß wenigstens, dass er den Kosmos nicht verstehen kann und ist sich dessen bewusst.“

Das entspricht ganz genau meiner Ansicht. Wobei mich allerdings der Begriff „Erleuchteter“ stört, weil das ein Konstrukt ist, an das man glauben muss, um ihm Realität zuzusprechen. Ich glaube nicht daran – was immer damit gemeint sein soll. Für mich hört sich Erleuchtung schwer nach etwas an, das dem Ego gut tut, denn als „Erleuchteter“ hebt man sich von anderen ab, die das nicht sind und stellt etwas Besseres dar. Vor allem aber entbindet es einem von Weiterentwicklung, da ja damit der Zenit jeglicher Entwicklung erreicht ist. Und das hört sich für mich nur nach (schwerer) Selbsttäuschung an.

Meine Meinung zu Menschen wie Tolle: Alles totaler Quatsch! Sehr wahrscheinlich mit passendem psychischen Hintergrund (unbewusster Größenwahn aus tief sitzenden Minderwertigkeitsgefühlen heraus – Scheinwelt als einzige Möglichkeit, sich doch noch irgendwie „groß“ und bedeutend zu fühlen).
Die Erkenntnis, im Jetzt zu leben – als einzig sinnvolle Daseinsform – ist in etwa so grandios wie die Tatsache, dass der Mensch schlafen und essen muss, um zu leben.

Ich habe mir vorhin ein paar Videos mit Tolle angesehen und musste immer wieder schmunzeln: Abgesehen davon, dass er auf mich psychisch alles andere als gesund wirkt (verklemmt, seltsam, unlebendig), tritt er ständig dafür ein, dass Gedanken einem davon abhalten, im Jetzt und „echt“ zu leben, interpretiert aber stundenlang, warum Gedanken die Menschen trennen und dass wir doch alle eins sind usw. Damit begibt er sich erst recht – und noch viel mehr – ins Reich der Gedanken und verbreitet Gedanken. Ein Paradoxon! Aber weder er selbst noch seine Anhänger scheinen das zu bemerken.

Ich sehe das Leben im Jetzt anders. Es geht nicht darum, dass wir ununterbrochen in jeder Minute alles andere ausblenden (also Vergangenheit und Zukunft), sondern dass wir alte Muster, Traumata und Mängel so lange aufarbeiten, bis wir zu einer (weitgehend) klaren und realistischen Sichtweise unserer selbst – in der Gegenwart – gelangen. Denn nur damit sind wir „hier“ und werden nicht mehr von unbewussten Beweggründen gesteuert. Dazu gehört natürlich sehr viel Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit. Das Jetzt so zu verherrlichen, dass alles andere an Bedeutung verliert, halte ich für absolut naiv. Wir werden von unserer (frühen) Geschichte so extrem beeinflusst, dass sie bis in alle Zukunftspläne hinein mitspielt.

„Im Jetzt angekommen zu sein“ heißt nichts anderes, als ohne große Beeinflussungen von alten unverarbeiteten Erlebnissen zu leben. Also nicht mehr wie hypnotisiert ein Sklave unbewusster Mängel und Verletzungen zu sein und aufgrund dieser in der Gegenwart zu agieren, sondern sich davon (weitgehend) befreit zu haben. Um sich dann umzusehen, was wirklich (noch) an Möglichkeiten für ein Leben nach eigenen Werten vorhanden ist.

Menschen wie Tolle agieren meiner Meinung nach zu 100% von alten Mängeln gesteuert. Dies bestätigt auch folgendes:

„Die von ihm selbst vollzogene Namensänderung von Ulrich auf Eckhart ist nach Ansicht einiger eine Anspielung auf den deutschen Mystiker Meister Eckhart.“
(Meister Eckhart, auch Eckehart; geb. um 1260 in Hochheim oder in Tambach, gest. vor dem 30. April 1328 in Avignon) war ein einflussreicher spätmittelalterlicher Theologe und Philosoph.)

Da will jemand (endlich) etwas Besonderes sein. Er verleugnet sogar seine Identität dafür und lehnt sich an jemand an, der einmal etwas Besonderes war. Dafür gibt es aber immer handfeste Gründe, die meistens vollkommen unbewusst sind. Wenn aber nun 10 Millionen seiner Bücher verkauft wurden, wird er nicht weniger ein Narr, wenn ihm so viele folgen. Eher gab (und gibt) es ebenso viele andere Narren, die das gut finden, was er schreibt und vorträgt.

Menschen wie Tolle haben eine bestimmte psychische Struktur, die auf Minderwertigkeit basiert, sich aber mit ausgeklügelten Gedanken darüber erheben wollen, ohne sich jemals ernsthaft und analytisch mit sich selbst und ihrer Geschichte auseinander gesetzt zu haben. Sie haben ziemlich wenig über sich selbst und ihre Geschichte begriffen und leiden jahre- bis jahrzehntelang entsetzlich unter den Folgen ihrer Kindheit. Und eines Tages bricht sich der Überlebenswille Bahn, sie koppeln sich ab von den ständigen seelischen Schmerzen und empfinden sich damit als „Lebensgurus“, weil die Schmerzen weg sind. „Tolles“ sind keine Einzelerscheinungen heutzutage – es gibt auch Katie Byron, Louise Hay usw., die in genau dieselbe Kerbe schlagen. Diese Leute unterstützen denselben Trend.

Von Heilung kann dabei aber keine Rede sein – sie driften in Weltanschauungen ab, die sie so sehr trösten und erheben, dass sie den Schmerz umgehen. Und damit werden diese Menschen, die solche Theorien aufstellen, in den allermeisten Fällen auch zu Missionaren, soferne sie den nötigen Geschäftssinn, die nötigen Verbindungen und Geschäftsmöglichkeiten haben. Niemand, der bei Verstand ist, wird doch ernsthaft glauben, dass sich diese Leute nur durch ihre Bücher heraus heben, weil sie so unglaublich wichtige Wahrheiten verkünden? Sie müssen selbstverständlich auch die marketingtechnisch richtigen Beziehungen zu Verlagen haben und dem Zeitgeist entsprechen, um so gepusht zu werden.

Sie finden natürlich dann auch jede Menge Anhänger, die sehr gerne auch ihren Weg gehen möchten. Befreiung von Schmerz ist immer attraktiv! Ganz besonders, wenn er „nur über Gedanken geht“. Das tut nicht wirklich weh, das ist machbar! Insbesondere im Gegensatz zur jahrelangen, oft sehr schmerzhaften Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Folgt man solchen „Gurus“ mit seinen Gedanken, begibt man sich auf eine willkommene Abkürzung zu besserer Befindlichkeit.

Aldous Huxley lässt grüßen! Schöne Neue Welt („In der modernen Gesellschaft gibt es weder Scheitern noch Leid.“) Aber um welchen Preis? Scheinwelten können die Realität niemals ersetzen – oder gar verbessern! Sie dienen nur der eigenen Befindlichkeit.

Ich finde, im Hier und Jetzt zu leben, bedeutet etwas ganz anderes: Mit sich im Reinen zu sein. Es bedeutet  sicher keine Spekulationen auf ein „erleuchtetes Sein“ oder „Fehlerfreiheit“ im Sinne religiöser Vorstellungen.

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Responses

  1. Liebe Eva

    Wenn überhaupt ist Erleuchtung oder Erweckung für gewisse Menschen eine Station auf ihrem Weg. Ist sehe in diesen ganzen Geschichten mit modernen Gurus zwei Seiten. Da sind einerseits Menschen, denen es ein Bedürfnis ist, eine Orientierung im Leben zu haben. Für diese sind solche einfachen Darstellungen der komplexen Wirklichkeit ein Mittel, sich auf der Welt zurecht zu finden. Die zweite Seite ist natürlich die kommerzielle Seite und mit dieser wissen Leute Tolle, Byron, Dahlke, … sehr gut umzugehen.

    Es ist aus meiner Sicht unmöglich, ein Konzept mit einem anderen Konzept zu entkräften, denn Konzepte über das Leben bleiben Konzepte. Natürlich gehören Konzepte zum Leben dazu und solange die nicht gegen Gesetze und Menschenrechte verstossen, ist eigentlich nix dagegen einzuwenden. Ich plädiere für Toleranz, selbst wenn einzelne Konzepte alles andere als tolerant daher kommen.

    Vielen Dank für den Artikel
    Martin

    • Lieber Martin,
      ich habe nichts gegen Konzepte, fühle mich aber nicht zu Spekulationen hingezogen. Die können wahr sein oder auch nicht. Und in dem Fall neige ich dazu, sie nicht für mich zu übernehmen. Ich bin weder Atheistin noch Theistin, sondern Agnostikerin, glaube aber, dass es Menschen nicht möglich ist, „höhere Wirklichkeiten“ zu begreifen – sonst wären es ja keine höheren Wirklichkeiten, sondern wieder menschliche. Und da ist natürlich jeglicher Fantasie Tür und Tor geöffnet. Ich glaube auch, dass die Erkenntnis „Ich weiß nichts“ dazu aufrichtiger ist als zu behaupten, darüber Bescheid zu wissen.

      Wenn sich jemand an diesen Konzepten orientieren möchte, sei es ihm unbelassen – das entscheidet sowieso jeder für sich – aber ob man sich damit wirklich auf der Welt zurecht findet, bezweifle ich. Da werden oft „Parallelwelten“ aufgetan, die durch selektive Wahrnehmung und Interpretation gemäß den Konzepten oft ziemlich wenig mit der Realität zu tun haben.

      Leben müssen wir aber alle in der Realität. Und wenn die so grauslich ist, dass wir damit nicht zurecht kommen (kann ich nachvollziehen), halte ich es für keine gute Idee, daraus in Scheinwelten zu flüchten, sondern besser wäre es wohl, dazu beizutragen, dass sich die Realität ein Stück weit zum Besseren hin verändert.

      Ausbeutung, Ungerechtigkeit, Verletzung der Menschenrechte, Gewalt oder Konsumgier werden halt nicht davon beeinflusst, ob sich jemand „erleuchtet“ fühlt, sondern eher durch mehr Menschlichkeit und einen Paradigmenwechsel vom Egoismus zu mehr Gemeinschaftsdenken – samt nachfolgenden Handlungen in diesem Sinn.

      Aber gerade in der Esoterik ist ja trotz gegenteiliger Behauptungen genau das NICHT der Fall. Wenn jeder nur für sich selbst verantwortlich ist und alle kriegen, was sie „verdient“ haben, fördert das bestimmt nicht die soziale Verantwortung. Es ist ein Widerspruch in sich, zu behaupten, wir seien alle eins – und niemand anderer könne uns verletzen, das seien dann nur „falsche Gedanken“ (siehe „The Work“ und Konsorten).

      Wenn mich jemand anderer berühren kann, dann ist das im Guten wie im Schlechten möglich. Oder mich berühren andere gar nicht mehr. Das wäre allerdings ein schreckliches Ziel! Aus Allmachtsfantasien heraus zu negieren, dass Menschen einander ebenso Wunderbares wie Schreckliches gegenseitig antun können, halte ich für sehr bedenklich und für pure (Selbst)Verleugnung, absolut realitätsfremd.

      Je mehr Menschen aber in solche Denkkonstrukte reingezogen werden, umso weniger gut ist das für die weitere Entwicklung unserer Gesellschaft. Deshalb finde ich das alles nicht so harmlos wie es dargestellt wird.

      LG
      Eva

  2. Liebe Eva

    Deine Zeilen finde ich absolut lesenswert. Vielleicht schreibst Du mal ein Buch – ich würde es kaufen:-)

    Beste Grüsse
    Roland

  3. Lieber Roland,

    immerhin – schon ein Käufer für mein imaginäres Buch! 🙂 Danke für deine positive Rückmeldung.

    LG
    Eva


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