Verfasst von: Eva | 21/07/2014

Der Glaube an sich selbst

hiHeute hatte ich einen Gedanken, der im Grunde unspektakulär, aber, ich glaube, auch ziemlich wichtig ist.

Ich muss ein bisschen ausholen, um ihn verständlich zu machen:

Mir sind schon viele Menschen begegnet (sowohl persönlich als auch im Internet), die mit sich eine Menge Probleme haben und deren Selbstwertgefühl gering ist. Meist handelt es sich dabei um Menschen, die „anders“ sind als die Mehrheit. Anders insofern, als sie empfindlicher, sensibler, ängstlicher, seelisch weniger robust, tiefgehender, nachdenklicher oder emotional instabiler sind (was sich wiederum in diversen Reaktionen niederschlägt, zum Beispiel wenig Kontrolle über die eigenen Emotionen, Suchtverhalten usw.).

Ich spreche nicht von jenen, die das mit aller Macht kaschieren/kompensieren und sich dessen vielleicht nicht einmal bewusst sind, sondern von jenen, denen dies sehr wohl bewusst ist, die sich auch um die Verbesserung ihrer Situation bemühen, weil sie darunter leiden, aber nicht immer den Erfolg damit haben, den sie sich wünschen. So gut wie alle machen sich selber den Vorwurf, dass sie nicht „einfacher“ sind oder „besser funktionieren“ und manches nicht schaffen, das anderen scheinbar so leicht fällt. Woraus sich wiederum das geringe Selbstwertgefühl nährt.

Oberflächlich gesehen könnten verständnislose Außenstehende durchaus in dieselbe Kerbe schlagen, oft genug tun sie es ja auch tatsächlich und reagieren mit Unverständnis bzw. mit für den Betroffenen völlig unpraktikablen Ratschlägen. Dies trägt noch mehr dazu bei, dass sich der betreffende Mensch unfähig und verzweifelt fühlt. Er kann die Ratschläge nicht umsetzen, meist helfen sie ihm nicht im geringsten. Das Schlimme daran ist, dass er sich dabei mehr mit den Augen anderer sieht als mit seinen eigenen.

Ich meine damit allerdings keineswegs, dass „Schönreden“ hilft. Das wäre eher eine Trotzreaktion, ein Versuch, sich selbst zu verteidigen und die tatsächlich vorhandene Problematik kleinzureden. Letztlich ist es auch ein Versuch, sich mit der eigenen Problematik zu identifizieren. Die Aussage dazu könnte lauten: „Ich bin halt so und akzeptiert das gefälligst, es gibt schließlich eine Menge verschiedener Spielarten des Lebens“. Dennoch – wenn man ganz ehrlich zu sich selbst ist – mindert das in den allermeisten Fällen das innere Gefühl der Unzulänglichkeit kein Bisschen. Es mag mehr Mut zur Selbstverteidigung ausdrücken, aber es schafft innerlich keinen Frieden mit sich selbst.

Der Gedanke, der mir gekommen ist, hat jedoch eine andere Qualität. Es geht im Grunde nicht darum, dass man beschönigt und so tut, als ob man zu sich stehen könnte, indem man eine (eigentlich ein bisschen aufgesetzte) Verteidigungsposition einnimmt. Es geht vielmehr darum, sich selber tatsächlich zu akzeptieren – und nicht zuletzt das zu würdigen, was man geschafft hat und schafft. Wir dürfen niemals vergessen: Wir alle haben eine individuelle Geschichte und ein individuelles Wesen. Niemand – wirklich absolut niemand – kann von außen das „Gesamtpaket“ verstehen, das uns ausmacht. Selbst wenn zwei Menschen noch so ähnliche Erfahrungen haben, werden sie dennoch niemals gänzlich gleich sein. Das übliche „Kategoriendenken“ verleitet die meisten zur Gleichmacherei, aber diese stimmt nie.

Niemand kann also ernsthaft behaupten, er würde an der Stelle des anderen dies und jenes tun. Denn er ist nicht der andere und hat auch nicht die geringste Ahnung davon, was dieser wirklich erlebt hat und wie sich das für ihn angefühlt hat. Es könnte sogar sein, dass er selbst mit dessen Erlebnissen und Erfahrungen weit schlechter umgehen könnte!

Und das war auch mein Gedanke – kein Mensch, der sich ehrlich darum bemüht, seine Lage und seinen Zustand zu verbessern, darf sich davon beeinflussen lassen, was andere darüber denken oder dazu sagen. Sie wissen es nicht besser, aber das ist ihnen selber nicht klar. Sie gehen von völlig anderen Voraussetzungen aus und – vor allem (!) – sie haben keine Ahnung, wie sie selbst unter denselben Voraussetzungen agieren würden. Ich glaube zwar nicht, dass sie das verstehen könnten, würde man ihnen das sagen, aber darauf kommt es gar nicht so sehr an. Worauf es viel mehr ankommt, ist, dass man es selber versteht! Es löst die eigene Problematik nicht auf, aber es kann bewirken, dass man wirklich zu sich stehen kann. Und damit die Selbstvorwürfe eliminiert werden, die am Selbstwertgefühl nagen.

Es ist nicht so wichtig, ob man alles erreicht hat oder ob nicht. Man muss die Ausgangsbasis im Auge behalten. Der Weg von dieser zu der jetzigen kann unter Umständen viel weiter und mühsamer gewesen sein als der Weg derer, die nie so weit davon entfernt waren. Der andere, der urteilt, kennt den Weg nicht, er hat im Grunde keine Ahnung. Und er hat noch weniger Ahnung davon, wie er selbst diesen Weg unter den Voraussetzungen des anderen gegangen wäre.

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Responses

  1. Leider ist für viele Menschen der gesellschaftliche Durchschnitt ein Maßstab für das eigene Leben. Dieser Wunsch, ebenso „dazu zu gehören“ führt aber zwangsläufig zu Problemen, wenn man etwas anders strukturiert ist. Zum einen wandelt sich das eigene Selbstwertgefühl zunehmend in ein Minderwertigkeitsgefühl, zum anderen unterdrückt diese „Normalitätssehnsucht“ zumeist jegliche Individualität, bei schwachen Menschen häufig auch ihre Intellektualität.

    Insofern geht es bei der Beurteilung der eigenen Position vor allem darum, sich nicht durch „Aber-das-machen-doch-alle-so“-Kritik und andere merkwürdigen Durchschnittsratschläge in Unsicherheit versetzen zu lassen, sondern durch die Verifikation mit entsprechenden Menschen (Freunde, Bekannte, Gleichgesinnte oder solche, die ebenso etwas „andersartig“ sind) entweder Bestätigungen oder konstruktive Kritik zu erfahren. Solche Menschen muss man sich aber erst suchen.

    Das ist häufig recht mühselig und dauert seine Zeit. Doch die Möglichkeit, hin und wieder die eigene Denkebene mit Gleichgesinnten zu verifizieren ist notwendig und im Prinzip unumgänglich. Ansonsten wird es nämlich um einen herum recht einsam. Das dabei unvermeidliche Kreisen um sich selbst ist nicht mehr als eine echte Verschwendung Intellektualität und Kreativität.

    • Dass für viele der gesellschaftliche Durchschnitt ein Maßstab ist, ist die eine Sache (wobei es auch gar nicht der allgemeine gesellschaftliche Durchschnitt sein muss, sondern der des Milieus, in dem man sich befindet) und spielt naturgegeben eine große Rolle für das „soziale Wesen“ Mensch.
      Normerweise suchen sich Menschen, auch wenn sie „anders“ sind, soweit möglich, Gleichgesinnte, die ihnen ähnlich sind. Das ist aber im Grunde Ausdruck desselben sozialen Bedürfnisses, verständlich und nachvollziehbar. Und wie du sagst, oft auch mühsam, wenn die Mehrheit dem nicht enspricht.

      Ich meine aber ein bisschen etwas anderes: Den Blick für eigenen Wert auch dort nicht zu verlieren, wo viele andere kein Problem haben, man selbst aber schon. Angenommen, ein Kind ist in einem Heim aufgewachsen und hat einige gesunde Erfahrungen vermisst (der andere nicht). Das wirkt sich meist auch auf sein späteres Leben aus – er reagiert vielleicht nicht so locker auf manches wie der andere oder hat Ängste, die der andere nicht nachvollziehen kann. Das ist kein naturgegebenes Anderssein, sondern eins aufgrund seiner Vorgeschichte.

      Wenn er sich aber klarmachen kann, wie schwierig sein Weg war, gibt er sich selbst nicht mehr quasi die Schuld für die vermeintlichen Fehler, sondern er bringt damit Verständnis für sich selbst auf. Das der andere ev. nicht hat (und womöglich auch nicht haben kann, weil er die Vorgeschichte ja nicht kennt, nie erlebt hat und sie daher auch nicht nachvollziehen kann).

      Das würde zu einer Selbstakzeptanz führen, die ich für ziemlich hilfreich halte, denn meist kommt zu den schlechten Erfahrungen (oder Prägungen) noch hinzu, dass man sich für die problematischen Folgen selbst ablehnt. Das ist mir jedenfalls immer wieder begegnet. Die Menschen messen sich automatisch mit anderen und denken fälschlicherweise, dass sie unfähiger sind, ohne zu bedenken, dass der andere, der kein Problem damit hat, es ja nie hatte. Das ist jedoch nicht sein Verdienst.

      So ist in meinen Augen zum Beispiel eine Frau, die sich aus einer repressiven Ehe befreit, in der sie lange geblieben war (eben weil sie aus ihrer Geschichte heraus nichts anderes kannte), diejenige, die einen viel weiteren Entwicklungsweg gegangen ist als die, die nie länger in so einer Ehe geblieben wäre (weil es nicht ihren Mustern entspricht und sie einen selbstbewussteren Zugang dazu hat).

      Trotzdem neigen letztere zu Verständnislosigkeit und sehen oft Schwäche darin, dass diese Frau geblieben ist. Und sie sieht das meist auch so. Genau in so einem Fall sollte sich aber die Betreffende bewusst werden, was sie dazu gebracht hat, diesen Weg einzuschlagen und ihre Bemühungen darum, auch zu einem gesünderen Umgang damit zu finden, würdigen. Es ist eine Leistung, selbst wenn sie einiges nicht – oder noch nicht – verändern konnte, weil ihre Ausgangsposition eine ganz andere war.

      Auf Verständnislosigkeit wäre die beste Antwort (vielleicht auch nur gedacht für sich selbst) : „Du weißt aber nicht, wie du geworden wärst, hättest du meine Erfahrungen.“ Dass man damit von vielen vermutlich trotzdem nicht verstanden wird, kann man zwar nicht ändern, aber eines ändert sich dadurch schon gravierend – die Selbstakzeptanz und damit auch das Gefühl für den eigenen Wert.

      LG
      Eva

  2. Ah, ich verstehe, was Du meinst. Auch wenn sich das nicht unbedingt großartig von dem unterscheidet, was ich vorher geschrieben habe. Eine etwas andere Denkweise und das häufige Unverständnis der gesellschaftlichen Umgebung erzeugen nämlich ähnliche Reaktionen und Schuldgefühle in einem selbst, vor allem in jungen Jahren. Schuldgefühle deshalb, weil man nicht so denkt und agiert wie vermeintlich alle anderen – und damit aus dem Rahmen fällt. Erst die beschriebene zumeist spätere Verifizierung mit Gleichgesinnten führt dann zu dem nötigen Schuldgefühleabbau und einer gewissen Bestätigung.

    Der von Dir beschriebene Fall der Frau hat aber durchaus ähnliche Effekte. Dadurch, dass man ja aus bestimmten Gründen und Umständen agiert und gehandelt hat, oftmals ja sogar aus durchaus ehrenhaften Gründen wie Verständnis, Hoffnung auf eine Änderung, dem Schutz der Kinder oder einfach aus Liebe ist man den Weg ja konkret gegangen. Bei der Verifikation mit dem umgebenden Milieu erzeugt das jedoch Unverständnis über das eigene Handeln und somit ebenso Schuldgefühle. Man agiert anders, als die Umgebung das erwartet.

    In beiden beschriebenen Fällen ist aber eine bestimmte Eigenschaft Ursache für das Unverständnis, welchem dem oder der Betreffenden für den eigenen Weg entgegengebracht wird, nämlich Oberflächlichkeit. Wer sich mit dem Weg des/der Betroffenen nicht intensiv auseinandersetzt, wer niemals selbst in ähnlich schweren Situationen war und eine breitgefächerte Gefühls- oder Gedankenwelt dabei erlebt hat, kann im Prinzip kein Verständnis für ein solches Handeln (oder eine solche Denkweise) aufbringen. Insofern tun die Betroffenen gut daran, sich von dem Gros des Durchschnitts fern zu halten und das Verständnis eben bei solchen zu suchen, die etwas agiler im Denken sind oder ähnliche Situationen erlebt haben.

    Damit löst man aber nicht unbedingt das Problem der Schuldgefühle, denn die sind zumeist wesentlich tiefer verhaftet, zumal sie ja langjährig durch andere „antrainiert“ wurden. Ganz besonders kommt das ja bei emotionalen Erpressungen in Partnerschaften zur Geltung (ich hatte dazu mal einen Dreiteiler geschrieben: http://nesselsetzer.wordpress.com/2012/05/29/emotionale-erpressung-eine-anleitung/ ).

    Diese antrainierten Schuldgefühle bekommt man aber nicht damit weg, indem man anderen und sich selbst – wenn auch nur innerlich – sagt, dass sie diesen Weg erst verstehen müssten, um darüber urteilen zu können. Dazu sind die auch zumeist viel zu „selbstbewusst-oberflächlich“ und eigentlich weiss man, dass sie das nicht verstehen können oder wollen. Nein, der Weg zum Verständnis und zur Akzeptanz des eigenen Schicksals und damit auch dem eigenen Wesen kann nur durch den/der Betroffenen selbst stattfinden.Der Schlüssel dazu liegt meiner Ansicht nach alleine in der Stärkung des eigenen Selbstbewusstseins, zu dem manchmal auch ein wenig Arroganz ganz hilfreich ist. Notfalls muss man dafür auch therapeutische Hilfe suchen, obwohl ich durchaus weiss, dass dies häufig ziemlich problematisch ist.

    Es ist ein bisschen wie ein Hund, der sich in den eigenen Schwanz beisst: Solange man sich selbst und seinen Weg nicht akzeptiert und Frieden mit seinen Erlebnissen oder seinen Gedanken schliesst, werden die Schuldgefühle nicht weniger, und solange die Schuldgefühle nicht weniger werden, akzeptiert man sich nicht. Das schwierigste ist, diesen Kreislauf zu durchbrechen. Dazu muss man sich aber von allerlei Dingen lösen, vor allem jedoch zuerst von den Meinungen und Ansichten aller anderen, auch von denen aus der Vergangenheit.

  3. Ich stimme dir in (fast) allem vollkommen zu. Außer darin, dass es nicht sonderlich viel bringt, wenn man (sich selbst) sagt, dass andere deshalb nicht verstehen, weil sie die Situation gar nicht kennen. Es geht nicht darum, dass man denkt „sie müssten verstehen, um nicht zu urteilen“ wie du schreibst. Es ist zwar ein ähnlicher Gedanke wie der, den ich auszudrücken versuche, legt aber den Fokus auf etwas anderes. SIE müssten überhaupt nichts verstehen. Nicht die anderen will ich verändern, sondern meine Sichtweise/Einstellung. Ich rüttle nicht daran, dass sie nicht verstehen, sondern ich begreife, warum sie das nicht können.

    Und zwar dadurch, dass ich verstehe, warum das so ist und damit relativiert sich deren Reaktion für mich. Das steht nicht im Widerspruch zu deiner Aussage „der Weg zur Akzeptanz des eigenen Schicksals/Wesens kann nur durch den Betroffenen selbst stattfinden“, sondern genau das meine ich ja damit. Ich löse mich ein gutes Stück weit von den Meinungen und Ansichten anderer – indem ich sie nicht mehr als Ablehnung bzw. Unverständnis ansehe, welche ich selber insgeheim auch als berechtigtes soziales Feedback werte, sondern indem ich die Zusammenhänge verstehe.

    Das ist wie mit dem Kinderkriegen. Bevor jemand selber ein eigenes Kind hat, kann er anderen unglaublich gut Ratschläge darin geben. Er kennt das nicht aus eigener Erfahrung und stellt sich vor, wie er agieren würde. Was mit der Realität meist wenig bis nichts zu tun hat, weil es unglaublich vieles gibt, das weder vorhersehbar noch vorstellbar ist. „Drinnen“ fühlt sich das meiste wesentlich anders an als „von außen betrachtet“. Wenn einem das klar ist, bleibt man relativ gelassen bei den Ratschlägen von außen, weil man weiß, der andere hat keine Ahnung – ihm die Erfahrung fehlt (die sich ja von der Theorie gravierend unterscheidet). Ich weiß sozusagen, „dass er nichts weiß“.

    Würde ich ihn ernst nehmen und glauben, er hätte recht, ich aber sei unfähig, die Ratschläge umzusetzen, sähe das ganz anders aus. Dann würde ich wieder Schuldgefühle entwicklen, indem ich mich selber in Zweifel stelle, auch wenn ich weiß, ich tue mein Bestes. In dieser Situation sagt man – ohne übertriebene Selbstzweifel – oft „Warte mal ab, bis du das selber erlebst.“ Und zu 99% passiert es dann auch (wenn der andere selber ein Kind hat), dass er versteht. Aber darauf warte ich nicht, darum geht’s mir im Grunde nicht. Es geht darum, wie ich dazu stehe.

    Verstehst du, was ich meine?

    LG
    Eva

  4. Ich verstehe schon durchaus, was du meinst, sehe das Bild aber nicht abgerundet.

    Die eigene Einstellung zu einer bestimmten persönlich erlebten Angelegenheit entwickelt sich nicht ohne Selbstreflektion und einer gewissen Verifikation mit anderen. Die Auswahl, mit wem ich mich verifiziere, um auch selbst reflektieren zu können, ist meiner Ansicht nach der Schlüssel zum tieferen eigenen Verständnis und zur eigenen Akzeptanz. Dabei fallen ja automatisch schon diejenigen heraus, die ihre Vorstellung nach dem Motto: „An Deiner Stelle würde ich….“ verbreiten und im Prinzip nur ihr eigenes Leben verstehen. Sie können nicht abstrahiert von den eigenen Vorstellungen denken und sind für die eigene Weiterentwicklung überflüssig.

    Das kann aber durchaus anders sein bei den engeren Kontakten, wenn sie denn zur Abstraktion fähig sind. Es ist nicht gesagt, dass jemand unbedingt einen ähnlichen Lebensweg gegangen sein muss, um die Situation des anderen nachvollziehen zu können. Es ist nämlich ganz hilfreich, dass ein verständnisvolles und nachvollziehbares Einfühlungsvermögen gepaart mit der Fähigkeit zur abstrakten und – ganz wichtig – unbetroffenen Denkweise des Gegenübers häufig auch neue Erkenntnisse über eigene Schwächen und Fehler vermittelt, die man bisher noch gar nicht bemerkt hat. Insofern würde ich es als Fehler ansehen, die eigene Bestätigung nur auf dem Muster aufzubauen, dass die anderen nur dann Verständnis dafür haben können, wenn sie selbst ähnliches erlebt haben. Ich persönlich bevorzuge bei Ratschlägen unbetroffene Menschen mit der Fähigkeit zum abstrakten Denken, also der Fähigkeit, mit dem Verstand sich in eine Situation hinein zu denken oder gar „hineinfühlen“ zu können. Sie sind mir bessere Ratgeber als diejenigen, die ähnliche Situationen erlebt haben, weil auch sie häufig aufgrund ihrer eigenen und sicher wieder ganz anderen Geschichte eine gewisse Voreingenommenheit mitbringen.

    Aus dieser Erfahrung entwickelt sich meiner Ansicht nach ganz von selbst die Einstellung, sein eigenes Verhalten selbstkritisch zu beleuchten und letztendlich dazu zu stehen, dass man so gehandelt hat. Um zu seinem eigenen Verhalten stehen zu können, muss man auch selbst akzeptieren, warum in der Vergangenheit man selbst so und nicht anders gehandelt hat.

    Mir fällt aber auf, dass es ziemlich schwierig ist, so pauschal über bestimmte oder unbestimmte Situation Verhaltensformen zu postulieren, weil jeder Mensch, jedes Umfeld, jede Geschichte und jede Vergangenheit völlig individuell ist und theoretisch über jeden speziellen Fall gesondert gesprochen werden müsste. Das, was wir hier beschreiben ist ja nur ein völlig grober Rahmen, weil ich ja z.B. nicht einmal weiss, zu welchem bestimmten Handeln welcher Weg beschritten werden muss, um dazu stehen zu können. Denn nicht zu jedem Handeln muss man stehen können oder müsssen. Manchmal muss man auch einsehen, dass eine Handlungsweise schlichtweg falsch war.

  5. Ich stimme dir wieder zu. Ich meinte auch nicht, dass jeder nur dann verstehen kann, wenn er Ähnliches erlebt hat. Natürlich gibt es auch Menschen, die einfühlsamer sind. Ich meinte damit jene Verständnislosen, die aus Unwissenheit ihre Urteile abgeben – und von denen sich viele beeinflussen lassen, die ohnehin zu Selbstzweifeln neigen. Ich wollte aufzeigen, wie man diesen (innerlich) begegnen kann, ohne sich runter ziehen zu lassen bzw. welche Einstellung man dazu entwickeln kann, um sich davon nicht kränken zu lassen.

    Dass jeder einzelne Mensch eine individuelle Geschichte und ein eigenes individuelles Wesen hat, ist mir klar. Es ist auch längst nicht gesagt, dass jeder Verständnis hat, der ähnliche Erfahrungen hat. Erst vor kurzem fiel mir das in einem Gespräch mit jemand auf. Es gab Ähnlichkeiten in unseren Erfahrungen, aber er hat viel zu schnell davon abgeleitet, dass wir sozusagen „gleich“ sind. Dabei ist meine Situation eine ganz andere. Hier wäre mehr Geduld nötig gewesen, um die Geschichte des anderen besser zu verstehen – und nicht so schnell Schlüsse daraus zu ziehen, die gar nicht zutreffen.

    Was ich aber nicht meine mit meinen Gedanken, ist, dass es um richtige oder falsche Handlungsweisen geht. Wenn sich jemand bemüht und sein Bestes gibt, ist die Beurteilung „falsch“ niemals angebracht. Denn wenn ich rückblickend sage, es war falsch, was ich getan habe (aber eigentlich konnte ich ja gar nicht anders, weil ich es damals nur so sehen konnte), dann war das nicht falsch.

    Es geht mir auch nicht darum, zu all seinen Handlungen zu stehen – sich quasi selbst darin zu verteidigen. Man muss zwischen sich selbst und seinen Handlungen unterscheiden. Rückblickend war manches ein „Fehler“. Es geht mir aber darum, Verständnis sich selbst gegenüber aufzubringen – insofern, dass man diese Handlungen gesetzt hat, weil man es nicht besser wusste. Und dass man es nicht besser wusste, hat Gründe, die aus der damaligen äußeren und inneren Situation resultierten.

    Wenn nun jemand kommt und sagt: „Du hast falsch gehandelt“, dann kann man mit ihm auf dieser oberflächlichen Ebene bleiben und ihm innerlich recht geben – oder man versteht sich selbst in seiner (aus dem heutigen Blickwinkel falschen, damals aber folgerichtigen und damit nicht falschen) Handlung und kann zwar betrübt über die Folgen sein, braucht sich dafür aber nicht mehr zu verurteilen.

    Denn jeder kann nur auf dem Entwicklungsstand agieren, auf dem er ist. Wenn er sich aber weiter entwickelt, entsteht später von der neuen Entwicklungsebene aus eine andere Sichtweisen. Er kann nur sagen „Wäre ich damals auf meinem heutigen Entwicklungsstand gewesen, hätte ich das anders gemacht“, aber es wäre unsinnig zu sagen „Das hätte ich anders machen sollen“, weil die Möglichkeit dazu ja (noch) gar nicht bestand.

    Ich habe dazu innerlich immer das Bild einer Leiter: wenn du auf der 2. Sprosse stehst, siehst du nun mal nicht sonderlich weit, dennoch ist es alles, was du sehen kannst. Wenn du weiter kletterst und dich dann von der 6. Sprosse aus umsiehst, bietet sich dir ein viel weiteres Bild. Du kannst dich aber nicht dafür verurteilen, dass du von der 2. Sprosse aus nicht mehr gesehen hast, weil es nicht möglich war.

  6. Natürlich betrachte ich getroffene Entscheidung, die in der Vergangenheit nach bestem Wissen und Gewissen getroffen wurden und sich im Nachhinein als falsch erwiesen haben, nicht wirklich als falsche Entscheidung. Schliesslich ist es ja eine Selbstverständlichkeit, dass man seine Entscheidungen nur aufgrund der gegebenen Situation und bekannten Fakten treffen kann. Insofern stimme ich Deinem Satz uneingeschränkt zu: „Wenn sich jemand bemüht und sein Bestes gibt, ist die Beurteilung “falsch” niemals angebracht.“

    Dennoch ist das nicht alles, denn die menschliche Psyche ist ja bekanntlich recht trickreich in Bezug auf selektive Wahrnehmung. Insofern können bei der Entscheidungsfindung auch Fakten vernachlässigt worden sein. Etwa weil man nicht hinschauen wollte, weil man vielleicht bestimmte Dinge doch lieber zu stark oder zu schwach bewertet hat (weil es in dem Moment vielleicht bequemer war, etwas nicht so hoch zu bewerten) oder manchmal auch aus emotionalen Gründen, etwa Liebe, Trotz, usw.. Dann sind die von mir beschriebenen abstrakten Denker manchmal recht hilfreich, auch um das eigene (Fehl-)Verhalten überhaupt zu erkennen und solche selektiven Bewertungen künftig zu vermeiden.

    Das Ergebnis aus solchen selbstkritischen Betrachtungsweisen ist meiner Ansicht und Erfahrung nach aber nicht Niedergeschlagenheit – oder wie Du es formulierst, ein Herunterziehen oder eine Kränkung, sobald das Thema jemand anspricht -, sondern vielmehr eine Steigerung des Selbstbewusstseins. Und zwar deshalb, weil man stets bereit ist, auf die Unebenheiten des eigenen Lebens genau zu schauen und sie inkl. aller (Fehl-)Entscheidungen rundum zu akzeptieren. Es hängt alles irgendwie zusammen; die Hinweise, das eigene Erkennen, die Akzeptanz, die Fehler und schlussendliche Bereitschaft, dazu zu stehen. Dann hat man Klarheit und findet das nötige Selbstbewusstsein quasi automatisch.


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