Verfasst von: Eva | 28/10/2014

Der große Irrtum

schafe

Seit vielen Jahren höre und lese ich praktisch immer wieder, dass man schlimme Dinge erlebt (bzw. sogar erleben muss), um daran zu wachsen und dazuzulernen. Diese Behauptung hat sich in etlichen Kreisen, speziell jenen, die der Esoterik zugeneigt sind, explosionsartig verbreitet und wird als Gewissheit gehandelt. Etwas wird aber nicht wahrer, weil es von vielen übernommen wird, auch wenn es noch so oft in den Medien zu hören oder zu lesen ist und man eine Menge Gleichgesinnte findet, die davon überzeugt sind.

Mir erscheint eher, dass darüber nicht wirklich nachgedacht wird. Zweifellos kann man gerade durch Krisen sehr viel dazulernen. Krisen entstehen ja nicht einfach aus dem Nichts heraus, sondern sie sind der Kumulationspunkt einer meist längeren oder sehr langen Kette von Verhaltensweisen, Ereignissen oder Einstellungen, die auf lange Sicht zur Krise geführt haben. Natürlich können Krisen auch durch unerwartete bittere Verluste entstehen, die nicht absehbar waren und die man auch nicht hätte verhindern können. Beidem ist jedoch gemeinsam, dass sie so massive Belastungen darstellen, dass es im Grunde nur zwei Möglichkeiten gibt: daran zu wachsen oder zu zerbrechen.

Daraus abzuleiten, dass die Krise DESHALB entstand, DAMIT man daran wächst, halte ich für nichts weiter als reine Interpretation. Dass etwas geschehen muss, UM daraus zu lernen, setzt voraus, dass es etwas Höheres gibt, das uns diese Erfahrungen „schickt“ – und das natürlich zu unserem Besten. Dieses Denken hat eine stark religiöse Färbung oder zumindest eine ziemlich romantische und drückt in erster Linie die Sehnsucht nach einer heilen geordneten Welt aus, die uns nur Gutes will.

Aber die Welt will uns nichts. Es handelt sich bei ihr nicht um etwas mit einem Willen und einer Absicht, sie „ist“ einfach und folgt bestimmten Naturgesetzen. Was weiter geschieht, geht zu einem Großteil auf das Konto der Menschen. Krisen sind nicht „von Gott geschickte“ Prüfungslektionen, sondern sie haben vielfältigste Gründe. Ihr Gutes offenbart sich im allerbesten Fall im Nachhinein, wenn man an ihrer Bewältigung gewachsen ist. Das ist aber auch schon das einzig Gute an ihnen.

Davon abzuleiten, es gäbe sie nur, um dem persönlichen Wachstum zu dienen, ist meines Erachtens reines Wunschdenken, um die eigene Heile-Welt-Sicht zu stützen. Und es ist zudem die überhebliche Sichtweise derer, die Krisen überwunden haben und davon ein allgemein gültiges Gesetz ableiten.

Ich denke, für jeden, aber wirklich für jeden einzelnen Menschen auf der ganzen Welt gäbe es Szenarien, an denen er zerbrechen würde. Niemand hält alles aus, niemand kann alles bewältigen. Wenn man mit offenen Augen lebt und nicht nur um die eigene kleine Welt kreist, muss man zwangsläufig erkennen, wie viel schreckliche Dinge es auf der Welt gibt, denen man selber nicht gewachsen wäre.

Für viele Menschen hört das Denken jedoch am eigenen Tellerrand auf. Das geht so weit, dass selbst die schlimmsten Katastrophen (die natürlich andere treffen), noch derart umgedeutet werden, dass sie ebenfalls als „heilende Segnungen“ zu verstehen sind. Sowohl der gesunde Menschenverstand als auch das menschliche Mitgefühl werden dabei von den subjektiven Überzeugungen völlig überdeckt.

Die stärkste Motivation dahinter ist wohl, wenn auch kaum bewusst, sich eine Weltordnung zurechtzuzimmern, die Sicherheit und Halt gibt, in der alles von einer guten Macht gelenkt wird. Mich erinnert das frappant an Kinder, die ihre Eltern selbst dann noch verteidigen, wenn offensichtlich ist, dass diese es nicht gut mit ihnen meinen. Sie müssen ihre Gefühle und Zweifel aber deshalb verleugnen, weil sie von ihnen abhängig sind und keine andere Möglichkeit zum Überleben haben. Wen wundert es daher, wenn sie später wie gehabt wieder anderen alles glauben? Erwachsen werden, selbständig denken, sich ein eigenes Bild von den Dingen zu machen – all das geschieht nicht durch die Jahre alleine. Es braucht aktives Zutun, den Willen, die Neugier, den Informationshunger und die Bereitschaft, vieles in Frage zu stellen (einschließlich sich selbst). Leider ist das viel zu vielen kaum ein Anliegen, sie verwechseln persönliche Weiterentwicklung mit dem Austausch ihrer Glaubenssysteme.

Dabei wären sie gut damit bedient, wenn sie sich an das halten würden, das sie selber vertreten: wenn sie (psychische) Krisen erleben, diese soweit wie möglich tatsächlich als Chance zu nützen, um zu hinterfragen, nach welchen unreflektierten Mustern sie bislang gelebt haben. Zwar wird das tatsächlich von diversen esoterischen Richtungen  unterstützt, soweit es um alte Glaubenssätze geht. Aber ein grundlegendes Muster berührt es nie – nämlich jenes, auch die neuen Glaubenssätze zu hinterfragen.

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Responses

  1. Hallo Eva

    Ganz toll geschrieben!

    Mir kommt spontan dein Vergleich mit den Kindern in Sinn. In der Psychoanalyse wird von projektiver Identifikation gesprochen, wenn einem Menschen oder einer „fremden Macht“ die Verantwortung über das eigene Leben bzw. die Erfüllung der eigenen Bedürfnisse zugesprochen wird. Gott, das Schicksal oder wie auch ersetzt ab einem gewissen Alter die ursprünglichen Funktionen der Eltern: Schutz, Fürsorge, Trost, Zuspruch, …
    Natürlich prallen Wunsch und Wirklichkeit immer mal wieder hart aufeinander und so wird aus einem guten „Gott“ schnell ein ungerechter „Gott“. Zeit für eine Neuorientierung. Esoterik und Spiritualität bieten genügend Stoff und es findet sich bestimmt eine Nische, wo der angekratzte Glaube wieder aufgepäppelt werden kann. Wir wär’s zur Abwechslung mal mit Engel? 🙂

    In Wirklichkeit begibt sich der vom Leben enttäuschte Mensch in die Hände einer höheren Macht, wo die verloren geglaubte Harmonie, Verbundenheit oder die ersehnte Liebe erhofft wird. Es kann nicht sein, dass der Mensch nicht geliebt wird, darum müssen es zumindest höhere Mächte tun.

    Andererseits steht schon in der Bibel, dass der Mensch sich kein Bild von Gott bzw. dieser höheren Macht machen soll. Persönlich glaub ich nicht an diesen personalisierten Gott, an einen höheren Sinn meines Lebens, an Resonanz und solche Dinge. Was jenseits der irdischen Realität erfahren werden kann, braucht keine Worte und Bilder und entspringt einer wortlosen Welt.

    Wenn jetzt diese ganzen Weltverbesserer, Gurus und Meister auf die Menschheit losgelassen werden, erfüllen die damit dieses ursprünglich Bedürfnis der Menschen nach Schutz, Sicherheit, Geborgenheit, Zuspruch, Trost, … Natürlich stecken da auch handfeste monetäre Absichten dahinter, was soweit legitim ist.

    Für mich sind das abgeschlossene Systeme, die auf der projektiven Identifikation aufbauen und kaum kritikfähig sind. Am besten einen grossen Bogen darum machen und die Leute träumen lassen.

  2. Hallo Martin,

    der Sprung von der (unbewusst fortgesetzten) Kindrolle ins selbständige Denken ist ein großer. Leider einer, den viele nie tun. Die Menschen realisieren nicht, dass sie sich von einer Abhängigkeit in die nächste begeben und das dann „Entwicklung“ nennen. Ist es aber nicht, da noch immer anderen zugestanden wird, Vorgaben für die eigene Weltsicht zu machen. Es ist im Grunde überhaupt kein Unterschied zur alten Verhaltensweise, nur die Verpackung ist eine andere (und es gibt viele Verpackungen, beileibe nicht nur esoterische).

    Was fehlt, ist das „In-Frage-stellen“. Wenn ich mich manchmal mit solchen Menschen unterhalte, wird mir immer wieder klar, wie aussichtslos es ist, sie als selbständig denkende Menschen zu erreichen. Die Überzeugung und Loyalität zu der Sichtweise, die sie von anderen übernommen haben, steht wie ein Schutzwall davor.

    Daher bin ich zur selben Erkenntnis wie du gekommen: besser einen Bogen um sie machen bzw. wenn das nicht geht, dann zumindest nur über Belanglosigkeiten reden, die nicht an dem Thema kratzen. Und immer wieder auftretende Aussagen, die ihrer Überzeugung entsprechen, mehr oder weniger ignorieren. Denn es geht ja nicht wirklich um die gedanklichen Inhalte, es geht um das (illusionäre) Gefühl des persönlichen Halts in diesen Systemen. Und das ist rationalen Argumenten nicht zugänglich.

    LG
    Eva

    • Liebe Eva

      Genau, so ist es. Es geht um die Aufrechterhaltung des Weltbilds und da darf es einfach nicht sein, dass …

      Smalltalk mit jeglicher Form sektiererischem Verhalten ist gut. Mehr geht nicht. Ich nehme mir heute die Freiheit, meine Haltung ab und zu unmissverständlich auszusprechen und vorzuleben, auch wenn ich genau weiss, dass keine Bereitschaft zu einem „echten“ Austausch besteht. Es ist eine Art Spiel und für mein persönliche Überleben wichtig. Ich lebe ja nicht bloss in meiner eigenen Welt und komme täglich mit vielen verschiedenen Menschen in Kontakt. Manchmal ist es auch gut, dem anderen deutlich erkennen zu geben, dass ein Spiel durchschaut wird.

      Solche System nicht all zu ernst nehmen, den Humor behalten, spielerisch mit diesen Glaubenssystemen umgehen, ab und zu etwas Provokation, innerlich genug Abstand haben, sich nicht auf manipulative Spiele einlassen, …

      Herausforderung genug, um dieses Leben sinnvoll zu gestalten. 😀

  3. Deine Artikel sind so toll 🙂 alle paar Monate schau ich hier herein und seh wieder nen neuen Schatz hihi
    danke!

  4. Lieber Felix,

    danke. Du bist herzlich eingeladen, ebenfalls etwas dazu zu sagen. Oder vielleicht liegt dir ein Thema am Herzen und ich greife es auf… 🙂


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