Verfasst von: Eva | 15/02/2015

Selbstreflexion

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Vor einiger Zeit hatte ich mit einer Person ein Gespräch über den Anteil der Tiernatur im Menschen. Diese Person sagte, es sei ganz einfach: Der Mensch sei ein Tier.

Das glaube ich jedoch nicht. Selbstverständlich ist ein Teil unserer Natur Tieren nicht nur ähnlich, sondern vollkommen gleich. Aber es gibt auch etwas, das Menschen haben, Tiere jedoch nicht:

die Fähigkeit zur Selbstreflexion und damit in Folge zur Selbsterkenntnis.

Diese Fähigkeit hört sich jetzt nicht allzu spektakulär an, ist es aber. Denn Selbstreflexion – sich selbst hinterfragen zu können – bedeutet, dass es eine Instanz in uns geben muss, die es in Tieren nicht gibt. Zwar gibt es Primaten, die sich im Spiegel selber erkennen können, doch ist das nicht Selbstreflexion, sondern Selbst-Bewusstsein. Damit stehen sie in etwa auf der Stufe eines Kleinkindes und kommen in aller Regel nicht darüber hinaus.

Tiere sind einfach Tiere, mal höher entwickelt, mal weniger (vom Einzeller bis zum Primaten). Pflanzen sind wiederum eine gänzlich andere Art von Lebewesen. Doch Menschen sind nicht einfach eine komplett andere Spezies als Tiere – sie sind eine Spezies mit Tiernatur, jedoch mit darüber hinaus gehenden Fähigkeiten. Dennoch unterliegen sie denselben körperlich-seelischen Mechanismen wie Tiere. Und dem wird leider von vielen zu wenig Beachtung geschenkt.

Was bedeutet es für den Menschen? Es bedeutet, dass er von Geburt an wie ein Tier reagiert. Von der „Brutpflege“ durch seine Bezugspersonen hängt sein Leben ab. Das ist auch bei anderen Säugetieren so. Sie werden von ihren Eltern, meistens den Müttern, aber je nach Tierart auch von Vätern, Rudeln und Verbänden, genährt, um ihr Überleben zu sichern. Sie werden von ihnen auf ihr späteres Leben vorbereitet, um irgendwann in die Selbständigkeit entlassen zu werden.

Eine wichtige Rolle spielt dabei auch die Nachahmung. Tiere lernen dadurch, dass sie ihre Eltern beobachten und versuchen, es ihnen gleich zu tun. Wie die Vogelmutter, die immer wieder auffliegt, um ihren Nachkommen zu zeigen, wie es funktioniert, die Löwin, die von ihren Jungen bei der Jagd beobachtet wird.

Bei Tieren wird immer viel von „Instinkten“ gesprochen, beim Menschen weniger. Dennoch wird auch der Mensch mit diesen Instinkten geboren, die dem Überleben dienen. Ohne artgerechtes Verhalten der Eltern kann jedoch – bei Mensch und Tier – der Prozess der natürlichen Entwicklung nicht stattfinden.

Äffchen, die in grausamen Versuchen isoliert und ohne Mutter aufwachsen mussten – nur mit einem Drahtgestell als einziges „Kuschelobjekt“ – wurden schwer neurotisch und konnten ihre eigenen Nachkommen nicht adäquat versorgen. Sie benahmen sich ihnen gegenüber gleichgültig oder bissen sie sogar tot. Sie wurden zu teilnahmslosen Müttern. Wenn man diesen Äffchen aber zumindest ein mit Frottee verkleidetes Drahtgestell zur Verfügung stellte, an das sie sich kuscheln konnten, entwickelten sie sich gesünder.

Friedrich der II. (13. Jh.) ließ in einem schrecklichen Experiment Müttern ihre Säuglinge wegnehmen und übergab sie Ammen mit dem Auftrag, sie ohne weitere Zuwendung nur zu stillen und zu versorgen, ohne jedoch auch nur ein Wort mit ihnen zu sprechen. Auf diese Weise wollte er die „Ursprache“ der Menschen heraus finden. Doch alle Kinder starben früh, ohne auch nur ein Wort gesagt zu haben.

Für Babys ist Zuwendung lebensnotwendig. Ein Zuwenig davon führt im schlimmsten Fall zum Tod. Aber nur ein Mindestmaß davon reicht nicht aus, um seelisch gesund aufzuwachsen. Das Ausmaß, in dem Eltern ihre Kinder gesund und natürlich versorgen können, bestimmt deren seelische Gesundheit.

Man muss sich das klar vor Augen halten, um die Bedeutung der Familie für Kinder zu verstehen.

In unserer Gesellschaft sind jedoch alle Menschen mehr oder weniger neurotisch. Es gibt keine artgerechte Erziehung mehr. Je nach kulturellen Überzeugungen werden sogar schädliche „Erziehungsstile“ propagiert (Schreien kräftigt die Lungen, Zucht anstelle von Aufzucht, Laissez-faire-Stil usw.).

Doch das ist längst nicht alles. Viele Eltern sind ehemals in ihrer eigenen Entwicklung dermaßen geschädigt worden, dass man kaum mehr von ausreichender seelischer Gesundheit sprechen kann. Ihre Kinder wachsen somit in einem kranken System auf. Das führt wiederum dazu, dass sie nicht nur unzureichende Nähe und Geborgenheit erleben, sondern auch neurotische Verhaltensmuster (durch Nachahmung) erlernen. Für diese Kinder ist natürlich die Krankheit oder Abnormität des Familiensystems nicht erkennbar.

Seit längerer Zeit ist das Thema „Resilienz“ sehr populär. Resilienz bezeichnet grob gesagt die psychische Widerstandsfähigkeit. Es gibt Spekulationen, diese in den Genen bzw. in der Persönlichkeit der Betroffenen zu verorten. Davon halte ich jedoch nicht allzu viel.

Niemand weiß genau, welche Kinder symbolhaft gesprochen nur das nackte Drahtgestell hatten und welche das mit Frottee umwickelte. Wer also ein gewisses Maß an Wärme im eigenen Kinderleben erfuhr, das dazu ausreichte, um gesunde Anteile zu entwickeln und zu bewahren, kann trotz schlimmer Erlebnisse seelisch widerstandsfähiger sein als derjenige, der das nicht erhielt und offensichtlich gar nicht so furchtbar Schlimmes erlebt hat.

Das bedeutet keinesfalls, dass nicht auch beim Widerstandsfähigeren Störungen und Probleme entstanden sind – alleine schon durch die massive Vorbildwirkung der Hauptbezugspersonen und die eigene Reaktion auf diese. Aber das Ausmaß der Störungen ist graduell unterschiedlich.

Kindern, deren Bedürfnisse nicht ausreichend erfüllt wurden, wurde so viel vorenthalten, dass sie nie das Gefühl emotionaler „Sattheit“ entwickeln können. Der Mangel bleibt aufrecht und erzeugt innerlich Spannung. Weil sie den Mangel spüren, versuchen sie ihr ganzes Leben lang diesen zu beheben. Oft bleiben sie über Gebühr an ihre Familien gebunden, doch gerade dort können sie niemals finden, was ihnen fehlt, da sich das System ja nicht verändert hat.

Später suchen sie sich Ersatzobjekte und hoffen von diesen eine Behebung des inneren Mangels. Da sie aber innerlich an die Verhaltensmuster ihrer Familien gebunden sind, stellen auch diese Ersatzobjekte (meistens die Partner) keine gute Alternative dar. In den allermeisten Fällen passen nur die Muster der beiden Familien sehr gut zusammen.

Ein Beispiel dazu:

In einer Familie wird viel gestritten, Aggressionen bis hin zu Gewalt sind an der Tagesordnung. Das Kind entwickelt große Angst vor Aggressionen. In einer anderen Familie wird ängstlich jeder gesunde Ausdruck von Wut unterdrückt, es wird sehr viel rationalisiert und die natürlichen Gefühle bleiben damit verdrängt. Um das durchzuhalten, muss natürlich alles dafür getan werden, Konflikte zu vermeiden bzw. unter den Teppich zu kehren. Das Kind aus letzterer Familie wird somit eher angepasst sein und darauf achten, nichts zu tun, das Kritik hervorrufen könnte. Es wird auch andere kaum offen kritisieren.

Begegnen sich nun die erwachsenen Kinder aus diesen Familien und werden ein Liebespaar, fühlen sich beide wohl. Der eine, weil es endlich keinen Streit und keine Konflikte mehr gibt, der andere, weil er unbehelligt seine Muster fortsetzen kann.

Aber gut ist das für beide nicht. Was ihnen vollkommen entgeht, ist, dass sie sich damit haargenau den/die Partner/in gesucht haben, der/die dasselbe Problem hat wie sie selbst. Sie können mit Wut nicht umgehen.

Da in solchen Beziehungen keine Entwicklung stattfindet, beide bleiben in der Verdrängung stecken und bestätigen sich darin sogar noch gegenseitig. Im Grunde bekräftigen sie einander ihre Angst vor gesunden Gefühlen und setzen ihre Kinderrolle unbewusst fort.

Als Kind können wir nicht begreifen, was mit uns geschieht. Wir waren abhängig und wir lernten die Welt durch die Brille unserer Familie kennen. Dafür haben wir oft Gefühle wie Wut, Angst und Trauer unterdrückt, Ängste angesammelt, ungesunde Verhaltensweisen erlernt. Das führt wiederum dazu, dass wir auch später nicht mit diesen Gefühlen umgehen können, weil wir nicht wissen, dass alle Gefühle ihre Berechtigung haben. Das ist in unserem biologischen Programm verankert, darin sind wir den Tieren vollkommen gleich.

Warum erkennen wir das als Erwachsene nicht einfach, wenn wir doch viele andere Menschen beobachtet haben, die ganz anders agieren, Filme sehen, Bücher lesen, die unseren Annahmen widersprechen?

Weil wir noch immer denen mehr glauben, die uns beeinflusst haben als uns selbst!

Wir sind „konditioniert“. Konditionierung ist etwas, das automatisch abläuft und das man nicht einfach abstellen kann. Natürlich gibt es immer Anzeichen, dass etwas nicht stimmt, aber wir beachten diese nicht oder schieben sie auf andere Ursachen. Wir sehen die Zusammenhänge nicht, weil wir noch nicht den Grad der Bewusstheit erreicht haben, der dazu notwendig ist. Somit muss oft sehr großer Leidensdruck entstehen, um überhaupt etwas verändern zu wollen.

Wir sind innerlich noch die Kinder, die wir einmal waren. Weil wir nicht in eine gesunde Selbständigkeit begleitet wurden, sondern uns zu wenig gegeben wurde, um die Entwicklung als Kind abzuschließen, weil ungelöste Traumata bis heute unsere Lebensenergie blockieren. Letztlich aber auch, weil wir in unserer Gesellschaft von neurotischen Menschen umgeben sind, die das Kranke für gesund halten.

Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das es durch Selbstreflexion und Verstehen schaffen kann, sich zu verändern. Der Weg ist oft schmerzhaft und lange, doch der Lohn ist seelische Gesundheit und ein erfülltes Leben.

 

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