Verfasst von: Eva | 17/02/2015

Katharsis

Passend zu meinem letzten Artikel über Selbstreflexion nun ein weiteres Thema. Die menschliche Fähigkeit zur Selbstreflexion ist zwar die nötige Vorbedingung für Veränderung, sie alleine reicht aber dazu nicht aus. Selbstreflexion ist Denken, doch Denken kann nichts an alten Verletzungen ändern. Es ist dennoch der erste notwendige Schritt dazu.

Aber da Gefühle nur im Jetzt ausgedrückt werden können, müssen alte (erinnerte) Gefühle ins Erleben im Jetzt gebracht werden.

Was bedeutet das? Es bedeutet, dass wir zwar 100x darüber nachdenken können, wie schlimm gewisse Erfahrungen für uns waren (wir wurden zum Beispiel immer wieder in unserem natürlichen Selbstausdruck abgelehnt), aber wir werden immer zum selben Ergebnis kommen: es war schlimm. Vielleicht machen wir uns sogar vor, dass es uns egal ist, weil wir die Vergangenheit ja doch nicht ändern können. Was bleibt uns anderes übrig…

Diese Annahme ist aber falsch! Wir können die Vergangenheit tatsächlich verändern. Wir können natürlich nicht das Erlebte verändern, aber unsere Einstellung dazu. Und das können wir erst dann, wenn wir das Erlebte abgeschlossen haben. Uns einzureden, es sei uns egal, ist nur eine Abwehr unserer verletzten Gefühle. Wir können es nur abschließen, wenn wir alle Gefühle zulassen, die wirklich damit verbunden waren.

Dieser Weg ist nicht einfach. Er bedeutet, dass wir die alten Schmerzen ins Heute holen müssen, um sie hinter uns zu lassen. Dagegen wehren sich verständlicherweise die meisten Menschen. Sie verstehen nicht, dass es (sehr viel) Sinn machen kann, sich mental in die Vergangenheit zu begeben. Das wird natürlich von vielen (wenig bewussten) Menschen unterstützt, denn sie tun ja dasselbe und wollen sich darin bestätigt sehen. So entsteht „Normalität“ in der Gesellschaft.

Vor langer Zeit hatte ich einen Freund, der zutiefst davon überzeugt war, dass „normal“ ist, was die meisten behaupten. Er sagte, wenn von 100 Personen 99 dasselbe sagen und einer etwas anderes, dann haben die 99 recht. Ich sagte, so müsse es nicht sein – es könnte auch der eine recht haben und die 99 sich irren. Ich denke, dass viele Menschen das so einschätzen. Wobei sie aber geflissentlich übersehen, dass sie ja selber eine gewisse Selektion darin betreiben, welche „99“ sie sich aussuchen, denen sie Gehör schenken.

Menschen sind soziale Wesen und sie brauchen einander. Sie brauchen auch einen gewissen Konsens in ihren Sichtweisen, weil das „Gemeinsame“ ein wichtiger, stabilisierender Faktor ist. Daher gibt es auch die verrücktesten Sichtweisen mit so vielen Anhängern. „Normal“ ist auch in der absolut kranken Umgebung das, was „alle“ tun und glauben. Ein Beispiel dazu wären Sekten.

Aber nun weiter zur Katharsis. Gerade weil damit naturgemäß eine Regression stattfindet – oft bis in die frühe Kindheit –   braucht es Bewusstsein dazu. Man muss quasi wissen, was mit einem passiert – und sich trotzdem darauf einlassen.

Frühere emotionale Verletzungen, die bisher unbearbeitet blieben, erzeugen innerlich Spannungen. Diese Spannungen drücken sich in diversen neurotischen Symptomen aus (Zwangsstörungen, psychosomatische Symptome, Ängste, Muskelverspannungen, Nervosität, Intoleranz gegen Stress usw.), denn die Spannung bindet viel Lebensenergie und drängt nach Abfuhr.

Neurotische Symptome sind jedoch nichts weiter als der Versuch, die Spannung zu verringern, ändern aber nichts an der Ursache. Sie können sich über Jahre verfestigen und werden fälschlicherweise oft sogar als „Persönlichkeitsanteil“ angesehen (ich bin eben ein nervöser Typ, ich brauche perfekte Sauberkeit, daher putze ich jeden Tag, ich bin einfach ein ängstlicher Typ Mensch usw. usw.). Diese Symptome verhindern Wachstum. Je mehr wir sie pflegen und in unser Leben integrieren, umso weiter entfernen wir uns von ihren Ursachen.

Nun kommt wieder um unsere Tiernatur ins Spiel – die wir ja nie aus den Augen verlieren dürfen. Es gibt höchst interessante Beobachtungen an Tieren, wie sie mit Stress und Traumata umgehen. Beutetiere, die oft dem Tod nur haarscharf entgehen, müssten ja eigentlich eine Menge traumatischer Erfahrungen ansammeln. Das tun sie aber nicht.

Im Buch

„Vom Trauma befreien: Wie Sie seelische und körperliche Blockaden lösen“ von Peter A. Levine“

(das Buch kann ich jedem wärmstens empfehlen, der sich mit der Entstehung, Auswirkung und Heilung von Traumata befasst) finden sich dazu spannende Beobachtungen aus der Tierwelt. Levine beschreibt, wie Wildtier-Biologen einen verängstigten Bären verfolgen, ihn umzingeln und mit einem Betäubungspfeil außer Gefecht setzen. Als sich das Tier später aus seinem Schockzustand heraus bewegt, beginnt es leicht zu zittern. Das Zittern nimmt bis zu einem fast krampfartigen Schütteln zu, bei dem die Gliedmaßen scheinbar willkürlich bewegt werden. Nach dem Abflauen des Schüttelns nimmt der Bär einige tiefe Atemzüge, die sich über den ganzen Körper ausbreiten. Danach ist der Schock aufgelöst. Das besonders Spannende ist aber, dass Levine die Reaktion des Bären in Zeitlupe betrachtet hat und erkannte, dass die scheinbar willkürlichen Reaktionen der Beine in Wahrheit koordinierte Laufbewegungen sind. Es war, als ob das Tier „seine Flucht vollenden wollte“, indem es die Bewegungen, die unterbrochen wurden, aktiv nachholte. Er hat später dasselbe Muster an vielen anderen Tieren beobachtet.

Genau dieselben Mechanismen wirken beim Menschen! Steckt er in einem alten Erlebnis fest, das nicht abgeschlossen werden konnte, fühlt er sich später immer wieder unbewusst von Situationen/Konstellationen angezogen, wo vielleicht doch noch eine Chance zur „Vollendung“ besteht.

Ich habe persönlich die Erfahrung gemacht, dass solche „Wiederholungssituationen“ tatsächlich eine große Chance darstellen. Ein „Übertragungsobjekt“ zu haben, bedeutet, dass eine Person etwas tut, das in einem selbst bestimmte Gefühle hervorruft, die an die alten „erinnern“ – und man dementsprechend unverhältnismäßig intensiv darauf reagiert.

(lt. Wikipedia: „Der Begriff der Übertragung stammt aus der Tiefenpsychologie, insbesondere der Psychoanalyse. Er bezeichnet dort den Vorgang, dass ein Mensch alte – oftmals verdrängte – Gefühle, Affekte, Erwartungen (insbesondere Rollenerwartungen), Wünsche und Befürchtungen aus der Kindheit unbewusst  auf neue soziale Beziehungen überträgt und reaktiviert. Ursprünglich können diese Gefühle auf die Eltern oder Geschwister bezogen gewesen sein, bleiben aber auch nach der Ablösung aus dem Elternhaus in der Psyche präsent und wirken dort weiter. Dieser Vorgang ist zunächst weitestgehend normal und weit verbreitet, kann aber, wenn die übertragenen Gefühle sich gegenüber tatsächlichen gegenwärtigen Beziehungen als nicht angemessen erweisen, zu erheblichen Problemen und Spannungen führen.“

Die größte Gefahr dabei ist aber die des blinden Ausagierens alter Gefühle in einer aktuellen sozialen Beziehung. Damit wäre nichts gewonnen, das würde die Ursache nicht berühren und nur neue Probleme erzeugen (Schuldgefühle, Retraumatisierung, eine weitere Verfestigung der neurotischen Symptome).

Anfänglich wird trotzdem keiner dagegen gefeit sein, weil die alten Gefühle sehr mächtig auftreten – und sich voll und ganz auf das Gegenüber im Jetzt richten, da die tatsächliche Ursache unbewusst ist.

Wenn aber bereits genug Bewusstsein vorhanden ist, dass man – auch wenn es sehr schwierig ist – die Energie wieder von dieser Person abzieht und trotzdem in seinen (alten) Gefühlen bleibt, steht der Weg zu den wahren Ursachen offen. Dann ist Katharsis möglich, die alten Gefühle werden im ursächlichen Zusammenhang im Hier und Jetzt neu erlebt.

Der Erfolg der Katharsis zeigt sich darin, dass der Spannungszustand stark wahrgenommen wird und dass danach sehr intensive Gefühle wie Wut, Angst, Trauer, Scham oder Verzweiflung hervor brechen. Man erkennt aber die Verbindung mit dem alten Erlebnis, ja man befindet sich innerlich geradezu ganz und gar in der alten Situation.

Der Unterschied zu damals ist aber, dass man die ehemals abgeblockten Gefühle zulässt.

Das ist jedoch kein Spaziergang! Denn leider gibt es keine schmerzlose Katharsis. Der Prozess der Katharsis ist die Verarbeitung schmerzhafter früherer Erlebnisse und führt daher auch immer in der Gegenwart zum (Nach)Erleben von emotionalen Schmerzen.

Dennoch möchte ich etwas dazu sagen, das viele – die das noch nie erlebt haben – nicht wissen können:

Man hält es aus!

Man hält es deshalb aus, weil man im Jetzt nicht mehr das ehemalige Kind ist. Man hat es eigentlich schon ausgehalten, weil es ja viel früher geschehen ist. Man hat es damals überlebt und man wird es heute überleben. Es geht nur darum, den Widerstand gegen die restlichen Gefühle aufzugeben, die abgeblockt wurden.

Je größer der Widerstand, je mehr Angst empfindet man und umso mehr überzeugt man sich selbst davon, es eben nicht aushalten zu können. Man kämpft mit aller Kraft gegen sich selbst und verliert damit buchstäblich so viel Energie, dass es sogar bis zum kompletten Zusammenbruch kommen kann.

Es sind aber nicht die alten Gefühle, die uns zusammenbrechen lassen – es ist der Kampf gegen sie.

Dabei hat die menschliche Seele automatische Schutzmechanismen, die es uns unmöglich machen, uns damit zu überfordern. In uns ist alles auf Leben ausgerichtet. Die selben Schutzmechanismen, die uns als Kinder überleben ließen, lassen uns auch heute überleben. Wenn etwas tatsächlich über unser Fassungsvermögen geht, wird es nicht auftauchen. Deshalb ist die Angst unbegründet. Wenn etwas  heraus will, wenn wir in einer Wiederholungssituation stecken, die uns aufwühlt – dann ist das ein Signal der Selbstheilungstendenz in uns!

Ich halte es für sehr, sehr wichtig, über diese Zusammenhänge Bescheid zu wissen. Denn fehlt uns das Wissen darüber, fehlt uns die Orientierung, wir sind unseren Gefühlen ausgeliefert, wissen nicht warum das so ist und können daher auch nichts verändern.

Das ist auch mit ein Grund, warum ich so gerne über meine Erfahrungen und die damit verbundenen Erkenntnisse hier schreibe. Selbstverständlich gibt es unendlich viele gute Bücher darüber, aber nicht jeder liest ständig solche Bücher. Ich habe das aber 30 Jahre lang getan und dadurch sehr viel Wissen erworben. Und dieses Wissen möchte ich teilen. Nicht nur das theoretische – vor allem auch das praktische.

Etwas ist jedoch trotz allen Wissens sehr wichtig:

Man muss sich Begleitung in solchen Lebensphasen suchen.

Ganz alleine schafft das niemand. Es gibt wunderbare Menschen, die als Therapeuten arbeiten und uns dabei begleiten können. Es geht gar nicht so sehr um die Therapierichtung. Wenn man als bewusster Mensch diesen Weg geht, ist die gute, vertrauensvolle Beziehung das Wichtigste. Denn all diese Prozesse muss man ja trotzdem alleine durchlaufen, die kann einem niemand abnehmen. Aber eine menschliche Begleitung erdet uns dabei, hält uns in der Gegenwart. Wir bleiben die erwachsenen Menschen, die wir sind und verlieren uns nicht in diesen alten Gefühlen und Identitäten.

Auch wenn das manche glauben oder hoffen: ein guter Freund kann diese Rolle niemals übernehmen! Er kann vielleicht Selbstreflexion provozieren, weil ihm an uns auffällt, dass einiges nicht stimmig ist, er kann ein Bewusstsein dafür hervor rufen. Aber er kann uns auf diesem Weg nicht begleiten. Denn er ist persönlich mit uns verstrickt, er würde zu sehr darunter leiden, wenn es uns schlecht geht und uns vielleicht gut gemeint die Problematik kleinreden wollen. Oder er würde durch Trost und Zuneigung die Spannung wieder verringern. Vor allem hat er vermutlich auch einige noch offene Problematiken und würde aus diesen heraus uns gegenüber agieren. All das ist nicht zielführend.

Ein guter Therapeut tut das alles nicht. Er ist verlässlich für uns da, er ist selbsterfahren und reflektiert – und er lässt uns unsere Prozesse durchlaufen, ohne in sie einzugreifen. Er weiß, dass Gefühle immer konsequent und damit richtig sind. Alle verdienen unsere volle Anerkennung. Niemals sind die Gefühle falsch, sondern das Handeln, das auf ihnen basiert, kann destruktiv sein, weil wir sie nicht verstehen. Kathartische Prozesse werden durch die Sicherheit in der therapeutischen Beziehung sehr gefördert und erleichtert! Erst das Verstehens durch ein Gegenüber hebt unsere Zweifel auf, von denen wir in solchen Phasen immer wieder begleitet werden. Man braucht in diesen Zeiten ein Gegenüber, das uns standhält und akzeptiert.

Zum Schluss noch ein paar kleine Tipps, die vielleicht manchen weiter helfen können (ich habe sie gelesen, sie stammen nicht von mir, ich halte sie aber für stimmig):

– Der Weg des Depressiven führt über Ärger und Wut.

– Der Weg des Psychosomatikers führt über Angst.

– Der Weg des Anankasten* führt über Trotz und Angst.

– Der Weg des Psychotikers führt über Sicherheit in der Beziehung.

(*Die anankastische Persönlichkeitsstörung ist eine Form der Persönlichkeitsstörung, die dadurch gekennzeichnet ist, dass die betroffenen Personen besondere Starrheit und Perfektionismus sowohl in ihrem Denken als auch in ihrem Handeln an den Tag legen.)

 

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Responses

  1. Liebe Eva

    Toller Bericht zu Trauma und Katharsis.

    Ich hab viel Selbsterfahrung mit therapeutischen Prozessen und diese Anbindung an die ursprüngliche Verletzung einer Problematik halte ich für unumgänglich, möchte man Problem nachhaltig lösen und langfristig seelisch gesunden.

    Mir kommt noch in den Sinn, dass es Auslöser (Trigger) gibt, die dazu führen, dass wir emotional in einer längst vergangen Situation drin sind, ohne dass uns bewusst ist, wo es begonnen hat. Timelineprozesse zielen darauf ab, emotional zu diesem Ursprung zurück zu kehren und Ressourcen zu entdecken.

    Eine Verletzung generiert bestimmte Defizite, die nicht integriert werden können, ohne dass die ursprüngliche Verletzung emotional nochmals erlebt wird. Auf dem Hintergrund des Defizits können Ressourcen ermittelt werden, die bisher noch zu wenig genutzt werden. Ich möchte das an einem eigenen Beispiel verdeutlichen:

    PROBLEMRAUM –
    Ärger über die viele Pflichten und Routineabläufe im Job, viele Vorschriften, eingeschränkter Handlungsspielraum, starke Kontrollmechanismen, …

    ZIELRAUM +
    Hinter dem Problem steckt der Wunsch nach Beständigkeit, Sicherheit, Anpassung, Integration, Kollektiv, …

    URSPRUNG –
    Nach chaotischen 10 Jahren Selbständigkeit mit vielen Hochs und Tiefs bin ich finanziell hart an meine Grenzen gestossen und war gezwungen, wieder Anstellungen zu suchen. Mit der Integration im Angestelltenleben, wo ich mich begreiflicherweise stark angepasst habe, ging erst einmal einiges an Kreativität und Engagement verloren.

    DEFIZIT +
    Verlust von Herzblut, Leidenschaft und starkem Engagement im Job, was sich bis zu einem leichten Burnout hochgeschaukelt hat. Dann kamen Therapien, ohne dass das berufliche Thema je fertig verarbeitet wurde.

    RESSOURCE +
    Nach langem Nachdenken über das Defizit fand ich folgende Ressource: Anderen helfen, ihre Probleme zu lösen, wobei ich erst herausfinde, was jeweils das eigentliche Problem ist. Anderen auf die Sprünge zu helfen, ist etwas, was mich zu tiefst befriedigt. Ich muss das leben, sonst passt ein Job langfristig nicht.

    Es ging darum, mich wieder in meinem Beruf zu finden und Herzblut, Leidenschaft und Hingabe zu integrieren.

    • Lieber Martin,

      ich halte es auch für unumgänglich, die ursprüngliche Verletzung nachhaltig aufzulösen, um seelisch zu gesunden. Therapie lebt von Erkennen – mit Ausnahme vielleicht der Verhaltenstherapie, die nur das Verhalten korrigieren möchte, ohne die Ursachen aufzudecken. Hat mich persönlich aber nie angesprochen, da ich einen sehr starken Spürsinn habe und das Ungelöste in mir spüre, auch wenn ich oft lange nicht weiß, was es ist.

      Was du beschreibst, kann ich gut nachvollziehen, allerdings denke ich nicht, dass es sich dabei um Katharsis handelt, sondern um die Folgen einer vorhergehenden Katharsis. Mir erscheint die neue Berufswahl eher wie ein Aha-Erlebnis – endlich findet man dahin, wo man sich wirklich wohl und am richtigen Platz fühlt.

      Katharsis selber bewirkt direkt nichts außer der Abfuhr der inneren Spannung und das Erkennen der Ursache. Man fühlt sich danach wie befreit, leichter und ruhiger und auch körperlich setzt Entspannung ein. Oft lösen sich damit körperliche Verspannungen auf, die man schon so lange hatte, dass man sie gar nicht mehr gespürt hat. Danach aber spürt man den Unterschied.

      Erst in weiterer Folge – in Wochen und Monaten – kommt es zu Veränderungen im äußeren Leben. Diese können sehr umfassend sein. Beziehungen verändern sich oder lösen sich auf, man entdeckt alte Talente, die bis dahin brach lagen, man wechselt den Beruf oder Wohnsitz. Kurz gesagt – man weiß besser, was einem gut tut und was nicht, weil man mehr in Kontakt zu sich selbst gekommen ist.

      Allerdings darf man nicht vergessen, dass Entwicklung ein lebenslanger Prozess ist und es keinen Punkt gibt, an dem man den Zenit erreicht hat. Wir leben jederzeit nach unserem aktuellen Entwicklungsstand. Eine erlebte Katharsis bedeutet nicht, dass es keine weiteren mehr geben wird. Ich hatte bisher in relativ großem Zeitabstand drei sehr intensive Phasen, wo mehrere Themen zugleich aufkamen. Manche waren danach ein für alle Mal abgeschlossen, manche aber nicht. Das wusste ich allerdings erst, als sie später wieder auftauchten.

      Zum Beispiel: ich habe in einer Phase sehr starke innere Wut auf meine Mutter ausgelebt und fühlte mich danach wirklich wie „innerlich gereinigt“. Die Wut auf sie war danach auch tatsächlich für immer weg.
      Viele Jahre später kam jedoch wieder das Mutterthema auf – diesmal war aber nicht die Wut das Kernthema, sondern, wie viele Verhaltens- und Sichtweisen ich von ihr übernommen hatte, ohne dasss mir das bewusst war. Ich musste mich noch einmal mit dem Mutterthema auseinandersetzen (hatte sogar einen sehr hilfreichen Albtraum dazu, der das anstieß), um die Sache endlich ein für alle Mal zu bereinigen.

      Oft ist es auch so, dass – sobald ein Thema gelöst ist – das nächste aufsteigt. Ich sehe das wie eine Art Schichtenmodell. Ist eine Schicht oben weg, liegt die nächste frei. Allerdings habe ich auch erfahren, dass es stark darauf ankommt, wie stabil man schon im Jetzt verankert ist, um gewisse Dinge zu bearbeiten. D.h. je mehr man bei sich selbst ist, je mehr gesunde Anteile man wieder zur Verfügung hat, umso einfacher gelingt Katharsis.

      LG
      Eva

  2. Liebe Eva

    Ich gehe mal einen Schritt weiter in meiner persönlichen Bio.

    Vor ca. 3.5 Jahren hatte ich meinen absoluten Tiefpunkt in meinem Leben erreicht. In einer Therapiesitzung bin ich zusammen gebrochen, weil emotional plötzlich ein starke Missbrauchsthematik seitens meiner Mutter hochgekommen ist. Eine vorgeburtliche Ablehnung wurde mir schlagartig bewusst und ich konnte es zu diesem Zeitpunkt nicht begreifen. Für mich brach eine Welt zusammen und das äusserte sich durch Derealisation und Depersonalisation. Ich hab mich selbst nicht mehr wahrnehmen können und es entstand ein sehr unwirkliches Gefühl der Realität gegenüber. Ich hab zwar weiter arbeiten können und doch bekam ich es mit heftigen Depressionen zu tun. Wie ich diese Zeit einigermassen schadlos überstehen konnte, ist mir nach wie vor ein Rätsel. Der Überlebenswille war wohl sehr gross.

    In der Folge hab ich begonnen, starke Aggressionen zu entwickeln und ich hab mich intensiv mit der narzisstischen Persönlichkeit zu beschäftigen begonnen. Das führte letztlich zum Bruch mit meiner Mutter und mit meiner damaligen Partnerin. Die erlebten und ausgelebten Aggressionen haben mir nicht helfen können, diese Probleme langfristig zu lösen. Katharsis in diesem Sinn war einfach eine kurzfristige Möglichkeit, Spannung abzubauen, ohne das Problem bzw. die Ursachen nachhaltig zu lösen.

    1.5 Jahre später, mitten in einem schmerzhaften Trauerprozess, habe ich therapeutisch einen neuen Anfang genommen. Ich wusste instinktiv, dass ich die Trauer zulassen muss, um zu mir zu finden. Eine Therapeutin hat mit mir Energiearbeit gemacht und ich hab mich bezüglich Trauer völlig fallen lassen. Es kam komplett anders als erwartet, bin durch die Trauer hindurch gegangen und in einer mir bis dato unbekannten Welt gelandet.

    Die Erfahrung hat mich mit meinem höheren Selbst verbunden und ich war die nächsten Monate wie auf Droge und bekam plötzlich diesen spirituellen Kick. Das hat tatsächlich 2-3 Monate gehalten, bis ich wieder mehr oder weniger in der Wirklichkeit angekommen bin.

    Wenn Katharsis, dann war es dieses Erlebnis, was mich vom Leiden befreit hat. Trotzdem waren da immer noch all diese alltäglichen Probleme, die ich längerfristig nicht einfach so wegstecken konnte.

    Ich hab die Ausbildung zum systemischen Coach begonnen und weiter an mir gearbeitet. Vieles hat sich gebessert seit dieser Zeit und doch bin ich nicht am Ende meiner Reise angekommen.

    Momentan beschäftige ich mich weiterhin mit meinen Problem, selbst wenn die noch so alltäglich sind, denn sie wollen mir etwas sagen. Katharsis ist ok und doch gehört für ein nachhaltiges Ergebnis weit mehr dazu. Ich bin gezwungen, eine Thematik wirklich von allen Seiten her anzugehen, sei dies kognitiv, sensitiv, emotional oder vom Verhalten her.

    Eines hab ich gelernt, dass es nicht diese eine Richtung gibt, die mich ganz werden lässt. Es sind so viele Facetten, die mich ausmachen, dass sinnvolle Prozesse meine Wahrnehmungen, Gedanken, Handlungen und Gefühle beinhalten müssen. Das will heissen, ich muss Gefühle durchleben, Geschehens reflektieren, zu meinen Wahrnehmungen stehen und ein gutes Gefühl bezüglich meinen Absichten entwickeln, um glücklich zu werden.

    Eine Freundin vom mir hat folgenden Leitgedanken:

    „Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht zu Ende.“

    • Lieber Martin,

      vielen Dank für deine große Offenheit! Ich schätze sie überaus.
      Aber nichts von dem, was du schreibst, widerspricht meinen Erfahrungen. Katharsis ist wichtig und gut. Wir lösen damit alte Spannungen und Probleme, die wir bisher in uns getragen haben. Aber auch Katharsis ist nicht genug (so wie Selbstreflexion davor nicht genug ist).

      Du musst bedenken, was wir alles durch Nachahmung gelernt haben! Katharsis löst das nicht gleich mit auf. Wir müssen an uns arbeiten, den Verstand und damit wieder (Selbst)Reflexion einsetzen, um weiter zu kommen. Wir müssen „nachlernen“, denn wir haben praktisch kaum andere Verhaltensweisen parat als die, die wir früher gelernt haben. Die Gefahr, die dabei besteht, ist, dass wir glauben, das „neue“ und „bessere“ Verhalten sei eines, dass wir uns irgendwo selber zurecht gezimmert haben und das sehr oft wieder nur eine Reaktion auf Altes ist. In den meisten Fällen ist es das Gegenteil dessen, was wir damals schlecht fanden.

      Das führt zu nichts. Es ist nämlich noch immer von den alten Konditionierungen beeinflusst (A war falsch, also mache ich das Gegenteil von A). Das Gegenteil von A ist aber nicht richtig. Es generiert sich nur daraus, dass A einmal als falsch erkannt wurde. Es ist keine bewusste Wahl.

      Wir müssen uns bewusst machen, dass wir in Wahrheit – trotz Auflösung der alten Problematik – mit unseren Fertigkeiten, auf die Welt zu reagieren, auf der Stufe stehen, die wir damals hatten. Wir müssen uns quasi „nachentwickeln“ und haben noch viel zu lernen. Der Wegfall falscher Verhaltensmuster hat nicht zwingend zur Folge, die richtigen zu kennen! Das müssen wir uns erst erarbeiten.

      Wobei ich schon ein bisschen Bauchweh bekomme, wenn ich in den Begriffen von „richtig“ und „falsch“ schreibe, denn darum geht es nicht. Es geht darum, aus uns selbst heraus die für uns stimmigen Verhaltensweisen zu entwickeln.

      Und dazu muss man das Problem wirklich von allen Seiten her angehen, wie du schreibst. Es gibt nicht ein Erlebnis zur Ganzwerdung. Darin stimme ich dir vollkommen zu. Du bekommst in gewissem Sinn ein neues Problem, wenn du eine Katharsis durchlebt hast. Nämlich jenes, wie du nun mit den Dingen anders umgehen sollst, aber nicht sofort weißt, wie.
      Ich denke, das ist ein Lernprozess, der nicht von heute auf morgen zu erledigen ist. Dem man sich einfach bewusst zuwenden muss.

      Der Ausspruch deiner Freundin “Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht zu Ende.” ist zugleich weise, aber eins gefällt mir daran nicht: Was ist das „Ende“? Wenn du damit den Zustand von vollkommenem Glück verbindest, der irgendwann auf uns wartet, wenn wir nur alles ausgeräumt und nachentwickelt haben, dann sehe ich darin eine Denk-Falle, fast schon eine kindliche Überzeugung.

      Es wird niemals alles gut sein und darauf hinzuarbeiten, ist zwar lobenswert und notwendig, weil es ständige Verbesserungen nach sich zieht. Aber es gibt keine dauerhafte Glückseligkeit auf der Welt, sondern es gibt nur das Leben und das Lernen.

      Wenn es bedeuten soll, mit uns selbst ins Reine zu kommen, ist der Ausspruch weise. Am Ende ist alles gut, heißt dann, wir sind bei uns selbst angekommen. Wir haben alle Fähigkeiten zur Verfügung, die wir einsetzen können, um das Leben so gut wie möglich zu bestehen. Das ist schon etwas sehr Außergewöhnliches, denn die meisten Menschen sind weit entfernt davon.

      Aber es heißt nicht, dass sich plötzlich das gesamte Leben so verändert, dass wir Tag und Nacht glücklich sind oder uns nichts Schlimmes mehr widerfahren kann. Das ist Kinderglaube, Martin! Wir können sehr stark werden durch gelebte Entwicklung, aber wir werden damit nicht Übermenschen, sondern wir bleiben einfach Menschen. Die eben besser mit allem umgehen können, weil ein Teil ihrer Energie nicht in alten unaufgelösten Geschichten steckt.

      Wir können viele Kraftquellen nützen, die anderen nicht zur Verfügung stehen – u.a. die der echten Nähe zu anderen Menschen. Aber nichts davon bewahrt uns vor neuen Probleme, Widrigkeiten, neuen Traumata usw. Das Leben ändert sich ja nicht, nur wir ändern uns.

      LG
      Eva

  3. Liebe Eva

    Alles wird gut, meint natürlich dieses Gefühl von stimmigem Einssein mit sich und der Welt. Ich mach mir da nix vor, ich werde immer die ganze Palette von Gefühlen erleben: Zuneigung, Ablehnung, Wut, Ekel, Trotz, Glück, Pech, Wut, Angst, …

    Es geht mehr darum, all diese Gefühle ins Leben zu integrieren. Je mehr mir das gelingt, umso stärker fühle ich mich mit mir und der Welt verbunden.

    Es ist das komplette Gegenteil von einem Schwarz-Weiss-Denken, denn das geht langfristig nie und nimmer auf. All die verdrängten Aspekte würden sich später bemerkbar machen, sei es psychosomatisch, durch Erschöpfung, Depression, Panik oder Geisteskrankheit.

    Ich glaub schon, dass wir da vom Selben sprechen, wenn es so etwas wie ein Ende gibt. 🙂

    Martin

    • Lieber Martin,
      ja, ich glaube auch, wir sprechen vom denselben Dingen.
      Wenn wir die blockierten Gefühle integrieren, steht uns mehr Energie zur Verfügung bzw. sind wir präsent, weil wir nicht ständig unbewusst von der Vergangenheit dirigiert werden.
      Zum Schwarz-Weiß-Denken: das ist überhaupt das Ungesündeste, was man tun kann. Es ist eine sehr kindliche Orientierungshilfe im Leben. Klar muss ein Kind einmal lernen, dass es Gutes und Böses gibt, später sollte aber mehr Differenzierung hinzu kommen. Erwachsene, die so denken, können Schreckliches anrichten, weil alles, was nicht „gut“ ist, „böse“ sein muss! Ist ja auch ein übliches Denkschema von Borderlinern: Idealisierung und unweigerlich Entwertung, wenn dann etwas nicht mehr idealisiert werden kann. Kommt aber auch bei „normalen“ Menschen oft vor.
      Ich glaube, da fand in vielen Bereichen keine Entwicklung statt, da stecken sie auf Kinderstufen fest. Aber wie auch immer – meine Lieblingsfarbe ist „Bunt“. 🙂

      LG
      Eva


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