Verfasst von: Eva | 28/02/2015

Gefühlte Erinnerungen

In meinem letzten Artikel ging es um den „Wiederholungszwang“ bzw. dem für mich stimmigeren Begriff „Vollendungsdrang“ und dass man mit Hilfe eines Therapeuten durch Übertragung auf die Ursachen dieses Drangs stoßen kann. Ich sehe „Wiederholungszwang“ als etwas, das ohne Bewusstheit abläuft und „Vollendungsdrang“ als etwas, das man bewusst einsetzen kann.

Ganz ähnlich sehe ich die Begriffe „Regression“ (unbewusst) und „gefühlte Erinnerung“ (bewusst). Gefühlte Erinnerungen können uns vom Einfluss früh blockierter Gefühle befreien, die uns unbewusst steuern. Dieser Weg verlangt jedoch ein gewisses Maß an Bewusstheit sowie Wissen um diese Zusammenhänge.

Unser Leben ist voll von Hinweisen, wo unsere Probleme liegen, die wir noch nicht verarbeitet und integriert haben. Wir können sie erkennen, wenn wir achtsam sind. Im Grunde brauchen wir keine partnerschaftlichen „Stellvertreter“, denn jeder Kontakt, den wir haben – und sei es oft nur ein paar Minuten lang – ruft in uns etwas hervor. Man fühlt sich wohl oder unwohl, man spürt Widerwillen, vage Angst/Abwehr oder was auch immer. Wer heraus finden möchte, warum das so ist, muss sich an diese Gefühle „andocken“.

Die Königsfrage, die wir dabei uns stellen sollten, ist:

„Woran erinnert mich das?“

(Und weiter oft: Woher kenne ich dieses Gefühl? Bei/mit wem habe ich das schon einmal erlebt? Warum fühlt es sich so vertraut an? Was wird hier wieder aktiviert? Wem galt dieses Gefühl ursprünglich?)

Im Grunde ist diese Vorgehensweise eine Art von „Focusing“ (eine Selbsthilfemethode von Eugene T. Gendlin).

lt. Wikipedia: „Ausgangspunkt des Gendlinschen Entwurfs ist sein überraschendes und ernüchterndes Eingeständnis, dass die eigentliche Arbeit nicht der Therapeut leistet, sondern der Klient. Zu dieser Erkenntnis kam er durch die sorgfältige Beobachtung erfolgreicher Patienten. Als gemeinsames Merkmal fiel ihm die Art und Weise auf, wie sie unabhängig vom Therapeuten über ein Problem sprachen und sich dabei in immer neuer Hinwendung ihrer körperlichen Empfindungen vergewisserten. Diese Rückkoppelung ist für Gendlin der Schlüssel zum Erfolg und bildet die Grundlage des Focusing. Eine Folge dieses Ansatzes ist die geänderte Rollenverteilung. Nach Gendlin besitzt der Klient bei der Lösung seiner persönlichen Probleme die alleinige Autorität, die alleinige Kompetenz und das alleinige Wissen. Er ist sein eigener Therapeut. Aus dem Klienten wird der Focuser, der den Prozess autonom beginnt, steuert und beendet. Der Therapeut wird zum Begleiter. Ein Abhängigkeitsverhältnis entsteht nicht. Begleiter kann nach Gendlin jeder Focusing-kundige Laie sein. Die Begleitung im Focusing-Prozess muss lediglich darauf bedacht sein, „nicht im Weg zu stehen“, womit Gendlins wichtigste Regel genannt ist. Jede Form von Störung durch ungebetene Kritik, Interpretation oder gar Intervention ist ausgeschlossen. Analysen und Ratschläge gehören ebenso nicht zum Focusing.“

Focusing bedeutet nichts weiter als Fokussierung auf etwas. In diesem Fall auf ein Gefühl. Ich begebe mich so intensiv wie möglich in dieses Gefühl hinein und versuche herauszufinden, woher es mir bekannt ist. Die richtige Antwort darauf ist jene, die eine Art inneres Aha-Erlebnis samt Erinnerungen auslöst. Es lässt sich in etwa damit vergleichen, wenn wir uns nicht an den Vornamen einer Person erinnern können, der uns fast auf der Zunge liegt, uns aber dennoch nicht einfällt. Wir probieren verschiedene Namen aus. Bei manchen fühlt es sich „näher“ an, bei manchen weiß man gleich, er ist falsch. So hanteln wir uns Schritt für Schritt weiter, bis uns plötzlich der richtige Name einfällt. Wir wissen sofort, dass er stimmt. Die Erkenntnis ist ein erleichterndes Gefühl, die Anspannung fällt ab.

Auch Focusing wird so betrieben. Wir lassen die Erinnerung, woher wir dieses Gefühl kennen, aufsteigen, kriegen es aber nicht gleich zu fassen. Wir ordnen es da und dort zu, es bleibt jedoch unbefriedigend. Wenn wir den „Treffer“ landen, wissen wir das aber augenblicklich. Stellt er sich nicht ein, handelt es sich nur um Spekulation.

Wenn wir in solchen Situationen emotional in Kontakt mit unserer Vergangenheit kommen, stoßen wir auf jene Gefühle, die wir als Kind in einer bestimmten Situation mit einer bestimmten Person hatten. Wir können auf diese Gefühle aber nur fühlend stoßen, denn Gefühle lassen sich nicht denken. Wir werden also die alte Wut, die alte Angst oder die alte Trauer plötzlich wieder in uns haben und uns erinnern, wie das damals für uns war.

Durch diesen Prozess löst sich letztlich eine innere Blockade und wir können auf einmal sehr gut verstehen, warum wir in der Gegenwart auf jemand, der uns an das alte Erlebnis erinnert hat (und sei es auch nur durch eine Kleinigkeit), auf diese Art reagiert haben. Es ist nichts anderes geschehen als eine unbewusste Regression. Wir fühlten uns wie damals, aber es war uns nicht bewusst.

Wir müssen, um das zu erkennen, allerdings ganz in die Rolle des Kindes schlüpfen, das wir waren. Obwohl unser erwachsenes Ich den Prozess steuert, muss es sich als neutraler Beobachter völlig im Hintergrund halten. Es geht weder um Bewertung noch um Interpretation, schon gar nicht um Verständnis für die Person, die uns gekränkt, beleidigt, zurück gestoßen oder sonstwie enttäuscht hat. Das wäre schon ein Vermischen von Gegenwärtigem und Vergangenem. Wir stülpen damit der alten Situation Teile unseres Erwachsenen-Ichs als Zensor über. Als Kind hatten wir jedoch kein Erwachsenen-Ich!

Um in diesen Zustand zu kommen, braucht es ein wenig Übung und Experimentieren. Es ist eine tiefe Konzentration auf Erinnerungen und bedarf daher auch einer ungestörten Umgebung. Ob sich jemand im Sitzen, Liegen oder in Bewegung (auf einem Spaziergang in der Natur) leichter in seine Vergangenheit versetzen kann, muss er selber heraus finden. Die größte Hürde ist aber zu Anfang, dass wir alles bewusste Denken abstellen müssen. Es hat seinen Platz danach, nicht jedoch währenddessen. Sollten Gedanken auftauchen, müssen wir sie wie Wolken am Himmel weiter ziehen lassen und ihnen keine Beachtung schenken.

Dabei hilft es, sich auf seine Körperempfindungen zu konzentrieren. Wie spüre ich mein Atmen, fühle ich ein Kribbeln oder eine Verspannung? Reines Fühlen hat auch immer mit dem Körper zu tun, da alle Erinnerungen im Körper abgespeichert sind. Vielleicht hilft es manchen dabei, sich vorzustellen, man würde in einem Film das Kind von früher darstellen? Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, jeder muss seinen eigenen Zugang finden.

Sobald man es jedoch auch nur ein einziges Mal geschafft hat, wird es zu einer sehr einfachen Sache, die sich immer leichter reproduzieren lässt. Auf diese Art können wir vielen Spuren nachgehen, die uns bis heute nur als unveränderliche „Immer-wieder-Reaktionen“ erschienen sind.

Das gewisse Maß an Bewusstheit ist dabei deshalb nötig, weil die erwachsene Instanz diesen Prozess steuert. Wer noch zum Großteil unbewusst in seiner Kind-Rolle lebt,  kann das nicht. Der erwachsene Mensch braucht sich vor seinen Kindheitserinnerungen nicht zu fürchten, da er weiß, er hat sie ja schon als Kind überlebt (wenn auch mit Hilfe von Verdrängung). Das Kind hatte aber noch nicht seine erwachsenen Ressourcen. Ist dieser Mensch im Jetzt aber noch sehr stark in seiner Kind-Rolle verhaftet (und das sind weit mehr Menschen als man annehmen würde!), wird er diese Gefühle wieder nur abblocken.

Wenn es so ist, brauchen wir für diese Prozesse ein menschliches Gegenüber, das unser „Erwachsenen-Ich“ stärkt. Natürlich sind wir ab einem gewissen Alter alle erwachsen – wir wissen es nur nicht. Ein stärkendes Gegenüber in der Gegenwart kann dabei helfen, uns das klar zu machen.

Wir werden mit jeder „gefühlten Erinnerung“, mit der wir alte Automatismen aufheben, automatisch erwachsener. Es kann also durchaus sein, dass wir anfangs noch therapeutische Unterstützung benötigen, später aber nicht mehr.

Das erwachsene Ich in uns ist auch die einzige Instanz, die uns dazu bringen kann, sich auf diese Prozesse freiwillig einzulassen. Es braucht keine schweren Krisen, die dazu zwingen. Wir erkennen mit ihm die Verantwortung, die wir für uns – und andere – haben. Wir können für uns selber sorgen und brauchen keine „Ersatzeltern“ mehr, mit denen wir in kindlicher Abhängigkeit leben.

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: