Verfasst von: Eva | 28/02/2015

Wiederholungszwang = Vollendungsdrang

DSCN6042 (1280x1209)Ich möchte mich mit dem Thema – das ich ihm vorhergehenden Blog-Artikel zu Katharsis bereits erwähnt habe – nun weiter befassen.

„Wiederholungszwang“ ist ein Begriff, der auf Sigmund Freud zurück geht:

lt. Wikipedia: Wiederholungszwang ist ein von Sigmund Freud definierter Begriff zur Begründung des sonst schwer erklärbaren menschlichen Impulses, unangenehme oder sogar schmerzhafte Gedanken, Handlungen, Träume, Spiele, Szenen oder Situationen zu wiederholen…….
Freud setzt sich in dieser Arbeit auch mit der Fragestellung auseinander, woher die Beharrlichkeit eines neurotischen Symptoms komme, wenn diese offensichtlich für den Analysanden ein Leiden darstellt…“

Verbindet man Freuds Beobachtung, die er als „neurotisches Symptom, das Leiden verursacht“ mit Peter A. Levines Erkenntnissen durch Beobachtungen an Wildtieren, liegt klar auf der Hand, dass es sich um ein und dasselbe Phänomen handelt.

Ich wiederhole der Einfachheit halber hier die Schilderung in Levines Buch “Vom Trauma befreien: Wie Sie seelische und körperliche Blockaden lösen”:

„Wildtier-Biologen verfolgen einen verängstigten Bären, umzingeln ihn und setzen ihn mit einem Betäubungspfeil außer Gefecht. Als sich das Tier später aus seinem Schockzustand heraus bewegt, beginnt es leicht zu zittern. Das Zittern nimmt bis zu einem fast krampfartigen Schütteln zu, bei dem die Gliedmaßen scheinbar willkürlich bewegt werden. Nach dem Abflauen des Schüttelns nimmt der Bär einige tiefe Atemzüge, die sich über den ganzen Körper ausbreiten. Danach ist der Schock aufgelöst. Das besonders Spannende ist aber, dass Levine die Reaktion des Bären in Zeitlupe betrachtet hat und erkannte, dass die scheinbar willkürlichen Reaktionen der Beine in Wahrheit koordinierte Laufbewegungen sind. Es war, als ob das Tier “seine Flucht vollenden wollte”, indem es die Bewegungen, die unterbrochen wurden, aktiv nachholte. Er hat später dasselbe Muster an vielen anderen Tieren beobachtet.“

Der Wiederholungszwang des Menschen wurde bisher als unbewusstes Replizieren alter Erlebnisse, speziell aus der Kindheit, angesehen, das nur schwer erklärbar schien, da sich der betreffende Mensch scheinbar immer und immer wieder alten Leidenszuständen aussetzte. Selbst wenn die Betroffenen Einsicht in ihr Verhalten bekamen, konnten sie sich dennoch nur ganz schwer aus diesen Re-Inszenierungen lösen.

Freud hat nicht in Betracht gezogen hat, dass dahinter ein sehr natürlicher Instinkt stehen könnte, den auch Tiere haben. Er entwickelte sogar den Begriff „Todestrieb“ und ordnete den Wiederholungszwang diesem zu. Somit sah er darin etwas rein Destruktives.

Ich glaube an keinen Todestrieb im Menschen. Das biologische Programm jedes Lebewesens ist auf Überleben ausgerichtet. Wenn sich Destruktivität entwickelt, dann deshalb, weil keine natürliche und gesunde Entwicklung möglich war und gesunde Überlebenstriebe von vielfältigen Störungen überlagert werden. Ein depressiver Mensch, der Suizid begeht, ist nicht mit einem Todestrieb zur Welt gekommen, der ihn dann plötzlich überwältigt, sondern die Ursache des Suizids sind seine unerträglichen Depressionen. Es kommt aber kein Säugling mit Depressionen zur Welt. Depressionen werden erworben, sind eine Reaktion auf unverarbeitetes Leiden.

Da der Mensch durch seine Denkfähigkeit, die Kultur, die er geschaffen hat und damit der Abkehr von einem artgerechten Leben entsprechend seiner Tiernatur, in einer weit komplexeren und künstlicheren Welt lebt als jedes Wildtier, ist es ihm nicht so einfach wie Tieren möglich, Zugang zu seinen Instinkten zu finden. Sie sind selbstverständlich vorhanden, insbesondere an Säuglingen lassen sie sich noch gut beobachten, jedoch verlieren sie im gesellschaftlichen Leben immer mehr den Fokus.

Descartes berühmter Ausspruch „Ich denke, also bin ich“ zeigt sehr deutlich, in welche Richtung die Entwicklung des modernen Menschen ging. Das Denken wurde zum goldenen Kalb, um das die ganze zivilisierte Welt tanzt.

Denken kann großartige Dinge hervorbringen! Die Intelligenz ist ein segensreiches Werkzeug, das ebenfalls dem Überleben der Spezies Mensch dient. Aber wir sind nicht nur denkende Lebewesen, wir haben einen Körper, wir haben Gefühle und Instinkte. Unsere Gesamtheit ergibt sich aus allen Komponenten. Wird eine Komponente zu Lasten der anderen überbetont, fallen wir aus der Balance.

Die am meisten vernachlässigte Seite des Menschen sind seine Gefühle, die ich zu den Instinkten zählen möchte. Auch Tiere haben Gefühle, jene von höheren Säugetieren sind denen von kleinen Kindern sogar äußerst ähnlich, wenn nicht sogar gleich.

Wenn nun Tiere nach traumatischen Erlebnissen den Drang verspüren, das, was unterbrochen wurde (zum Beispiel das Flüchten) in einer Art tranceähnlichem Zustand fortzusetzen und damit das Trauma auflösen, sind die Parallelen zum Menschen, der immer wieder dieselben Konstellationen aufsucht, um etwas wieder zu erleben, offensichtlich.

Es geht aber keinesfalls darum, dass er dasselbe Leid wieder erleben möchte, es geht darum, dass er etwas zu Ende bringen möchte. Denn ausnahmslos jeder, der sich in einer Wiederholungssituation befindet, hofft zutiefst auf ein gutes Ende. Es geht nicht darum, den ehemals brutalen Vater und dasselbe Leid noch einmal zu erleben, es geht vor allem um die Hoffnung, dass er endlich zum guten Vater wird.

Was natürlich nie geschieht, denn die Chance dafür geht gegen Null. Der „Stellvertreter“ des Vaters in der Gegenwart müsste Einsicht zeigen, sich ev. mit Hilfe von Therapie auf einen Selbstreflexions- und Selbsterfahrungsprozess einlassen, um am Ende das im Guten zu vollenden, was der frühere Vater nicht zustande brachte. Erfahrungsberichte zeigen, dass dies so gut wie nie geschieht. Und selbst wenn, würde es fatale Folgen haben: die Frau würde lebenslang in ihrer Kind-Rolle mit dem „guten Vater“ als Partner bleiben und nie die Ablösung in ein selbständiges Leben schaffen. Sie würde nie erwachsen werden.

Was wäre aber, wenn wir uns – wie Tiere – in einer Art Trance oder Meditationszustand wieder in die alte Situation zurückversetzen, in Kontakt zu den alten Gefühlen kommen und das „nicht Vollendete“ nachträglich vollenden? Das Zurückversetzen bezeichnet man in der Psychologie üblicherweise mit Regression. Auch dieser Begriff stammt von Freud und wird ähnlich negativ wie der Wiederholungszwang als Abwehrmechanismus dargestellt.

Doch der ungarische Psychoanalytiker Michael Balint sah in Regression einen Bewältigungsmechanismus. Besonders in therapeutischen Beziehungen wird der „heilende“ Aspekt betont.

Der Unterschied zwischen einer Frau, die sich einen gewalttätigen Partner wählt und bei ihm unbewusst in kindliche Verhaltensweisen verfällt und einer anderen, die diese Thematik mit einem Therapeuten durchlebt, ist offensichtlich. Im ersten Fall wiederholen die Frau und ihr Partner nur immer wieder ihre alten Muster und Leiden, ohne jemals heraus zu finden, im zweiten Fall kann durch die Intervention des Therapeuten über kurz oder lang der tatsächliche Ursprung der Problematik ans Licht gebracht werden. Insbesondere sind im zweiten Fall die Chancen, zu einem guten Ende zu finden, hervorragend. Da die Übertragung nur temporär erfolgte, bleibt auch keine Abhängigkeit zurück.

Es ist ein Weg, Erlebnisse in der Vergangenheit zu verstehen, die nie innerlich abgeschlossen wurden. Ich sehe sowohl den Wiederholungszwang als auch Regression als instinktive menschliche Bewältigungsmechanismen, auch wenn sie in Form von unbewusstem Ausagieren tatsächlich keine Hilfe sind und nur immer wieder das alte Leiden erzeugen. Wir drehen uns damit im Kreis und finden keinen Ausgang. Der Schlüssel zur Bewältigung ist Bewusstheit – das Erkennen, warum wir das tun.

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Responses

  1. Hat dies auf SinnSara rebloggt und kommentierte:
    Macht Sinn.


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