Verfasst von: Eva | 01/03/2015

Veränderung der Gegenwart durch Veränderung der Vergangenheit

Mir ist bewusst, dass es eine provokante Aussage ist, dass wir die Vergangenheit verändern können. Und damit auch die Gegenwart. Es ist damit aber nicht gemeint, dass wir die Vergangenheit nachträglich verändern können, sondern dass wir sie in unserer Vorstellung verändern können.

Es geht nicht darum, uns selbst zu belügen. Damit wäre nichts gewonnen. Doch mir ist klar geworden, dass unsere Vergangenheit im Heute nichts anderes als eine Vorstellung ist. Und diese Vorstellung können wir verändern. Nicht, indem wir uns etwas anderes vorstellen als das, was tatsächlich geschehen ist – sondern indem wir der Erinnerung eine weitere Vorstellung hinzufügen.

Ich bin darauf gestoßen, als ich mich innerlich in eine sehr verletzende Situation mit einer meiner frühen Bezugspersonen versetzte. Ich konnte die alten Empfindungen wieder spüren, die Kränkung und die Ohnmacht. Dahinter lag allerdings auch beträchtliche Wut, was mir erst nach einiger Zeit klar wurde. Als diese Wut hochstieg, hatte ich das Bedürfnis, sie irgendwie auszuagieren und stellte mir plötzlich vor, ich hätte damals anders gehandelt als stumm da zu sitzen und mich kränken zu lassen.

Ich „erfand“ ein Szenario, wo ich mit Türen knallte und mich vehement gegen die Kränkung wehrte. Das hatte ich damals nicht gekonnt. Erstaunlicherweise fühlte ich mich danach sehr wohl. Es geht also um Handlungsalternativen, die uns damals nicht zur Verfügung standen. Eigentlich ist dies ja das Ziel in der Gegenwart: ein altes Muster aufzulösen und an dessen Stelle eine gesunde Reaktion zu setzen.

Ein Kind, dem jemand Schaden zufügt und das aus dieser Situation weder flüchten noch sich dagegen wehren kann, verfällt in den „Totstell-Reflex“. Dabei müssen natürliche Impulse vollkommen blockiert werden. Und das bedeutet hohen Stress.

Man braucht sich nur vorzustellen, wie es für einen erwachsenen Menschen ist, wenn er von seinem Chef – also einer Autoritätsperson – gedemütigt wird. Er wird sich darüber ärgern!

Ein Kind ist aber in einer weit schwierigeren Position. Sein Leben hängt vom Wohlwollen seiner Bezugspersonen ab. Es befindet sich damit in einem Dilemma und kann sich nicht einfach wehren. Um die Situation erträglicher zu machen, setzt der biologische Schutzmechanismus des Abspaltens von Gefühlen ein – ähnlich wie in einer Schocksituation (die es ja oft genug auch tatsächlich für das Kind ist).

Wenn wir nun wieder zum Erwachsenen zurück kehren, der von seinem Chef gedemütigt wird – was geschieht, wenn er damit etwas wieder erlebt, das ihm gar nicht bewusst ist? Er fällt damit sofort in die Kind-Rolle: Entweder er spaltet die Wut wieder ab, bekommt ein Magengeschwür oder sonstige körperliche Symptome, die er sich nicht erklären kann – oder ihm platzt endgültig der Kragen und er agiert seine Wut blind aus.

Es ist aber gar nicht die Wut eines erwachsenen Menschen, der auf die Beleidigung reagiert, sondern die alte Wut, die er jahrelang in sich aufgestaut hat. Ein erwachsener Mensch, der entweder solche Erfahrungen als Kind nie gemacht hat oder sie bereits verarbeitet hat, hat ganze andere Handlungsmöglichkeiten. Er könnte denken, dass sein Chef einen ziemlich schlechten Tag hat, er könnte ihn sachlich darauf ansprechen, sich von ihm ungerecht behandelt zu fühlen, er könnte darum bitten, nicht auf diese beleidigende Art angesprochen zu werden – kurz gesagt, er könnte erwachsen darauf reagieren.

Ich kann nur sagen, jeder Mensch tut sich selber einen ganz großen Gefallen damit, seine alten Erlebnisse aufzuarbeiten! Er befreit sich damit von destruktiven Mustern in der Gegenwart. Es ist hundert Mal besser, sich in eine typische frühe Ohnmachtssituation wieder einzufühlen – auch wenn es schmerzlich sein mag – und danach endgültig damit abschließen zu können, als sich sein Leben lang damit herum schlagen zu müssen.

Es ist jedoch nicht genug, nur die alten Gefühle wieder zu erleben. Es geht auch darum, die  Ohnmacht, die damit verbunden war, aufzulösen. Dabei kann die Imagination einer gesunden Reaktion sehr helfen.  Zum Beispiel könnte es die Vorstellung sein, dass wir als Kind die Polizei anrufen und sie holt den gewalttätigen Vater ab, damit er seine verdiente Strafe bekommt. Oder dass wir ihn anschreien und ihm damit Einhalt gebieten – oder wir einfach davon rennen. Was auch immer – es geht um die Vorstellung, diesen Erlebnissen ein Ende hinzuzufügen, bei dem wir nicht blockiert und ohnmächtig sind und es einfach nur „aushalten“. Wenn wir uns das so richtig plastisch ausmalen, verändert sich etwas in uns.

Durch das Wiedererleben der alten Gefühle und blockierten Impulse sowie durch das „mentale Ausagieren“ von Handlungen, die damals gesund für uns gewesen wären (jemand greift mich an – ich wehre mich oder flüchte), verändern wir die Vorstellungen unserer Vergangenheit. Eigentlich gar nicht so sehr von unserer Vergangenheit, sondern von uns selbst! Wir trauen uns – in unserer Vorstellung – zu handeln. Das bleibt nicht ohne Folgen, denn Vorstellungen bewirken etwas in uns .

Stellt man sich zum Beispiel intensiv eine Zitrone vor und wie sie schmeckt, spüren wir sofort, wie das unseren Speichelfluss anregt. Das heißt, wir können nur mit Vorstellungen körperliche Reaktionen auslösen.

Es macht praktisch keinen Unterschied, ob wir das wirklich erlebt haben oder ob wir es uns nur vorstellen. Die Wirkung wird im Jetzt dieselbe sein. Es geht um die eigene Handlungsfähigkeit, die uns davor bewahrt, traumatisiert zu werden. Es geht bei jeder traumatischen Erfahrung um Ausgeliefertsein. Sobald Flucht oder Kampf unmöglich sind, bleibt uns keine andere Wahl als „auszuhalten“. Die Energien wenden sich nach innen und erzeugen massiven Druck in uns.

Ein schlimmes Erlebnis in unserer Vergangenheit, bei dem wir die Möglichkeit hatten, uns entweder zu wehren oder zu flüchten, löst kein Trauma aus. Warum also nicht dieses Wissen in Vorstellungen umsetzen? Und sie auf uns wirken lassen. Wenn es die Vorstellung einer Zitrone schafft, unseren Speichelfluss anzuregen, schaffen es auch andere Vorstellung, etwas in uns zu bewegen.

Mir ist klar, dass dies theoretisch nicht leicht nachzuvollziehen ist. Dazu muss man es einfach ausprobieren. Wir können nur erleben, was es bewirkt, wir können es gedanklich nicht vorweg nehmen. Mir erscheint die Wirkung jedoch sehr natürlich. Wenn Tiere Schockzustände auflösen, indem sie in einem tranceähnlichen Zustand die unterbrochene Flucht zu Ende führen und mit den Beinen rudern (ich habe das Phänomen in den Artikeln „Katharsis“ bzw. „Wiederholungszwang“ ausführlicher beschrieben), dann wird dasselbe Phänomen auch Menschen in ihrer Tiernatur betreffen.

Auch das Tier ist in der vergangenen Situation, die den Schock ausgelöst hat, nicht tatsächlich geflüchtet. Es tut danach nur so als ob, um die erstarrte Energie wieder in Fluss zu bringen. Wenn wir unsere Vorstellungen einsetzen, tun wir genau dasselbe.

 

 

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