Verfasst von: Eva | 06/03/2015

„Normalzustand“

Obwohl ich gar nicht bewusst weiter darüber nachgedacht habe, fiel mir gestern eine Aussage der Tierärztin meines Hundes ein. Wir sprachen darüber, dass mein Hund von Geburt an einen degenerierten Wirbel hat, trotz der Schmerzen, die er immer hatte, aber jahrelang sehr agil und bewegungsfreudig war. Ich sagte, er täte mir leid, weil er immer mit Schmerzen leben musste. Sie antwortete, dass ich das so nicht sehen dürfe: Für ihn seien das keine Schmerzen gewesen, sondern er hätte nichts anderes kennen gelernt, daher wäre es für ihn der „Normalzustand“ seines Lebens. Erst als die Schmerzen später durch die Folgeerkrankungen schlimmer geworden sind, wäre das nicht mehr normal für ihn gewesen.

Eigentlich weiß ich, dass es bei Menschen auch so ist – wenn man die körperlichen auf seelische Schmerzen umlegt. Aber bis heute habe ich nie richtig begriffen, was das eigentlich bedeutet. Ich habe mich sehr oft gefragt, warum so viele Menschen nichts dafür tun, sich von ihren alten, offensichtlich einschränkenden, oft auch destruktiven Mustern zu befreien.

Der Schlüsselsatz dazu kam von der Tierärztin: Weil sie nichts anderes kennen!

Somit wird klar, warum sich Menschen erst dann selbst hinterfragen bzw. nach Hilfe suchen, wenn die Schmerzen stärker werden, vielleicht erst, wenn sie unerträglich sind. Deshalb beharren so viele darauf, eine „gute Familie“ gehabt zu haben und bestreiten jegliche schlechten Auswirkungen auf ihr gegenwärtiges Leben. Sie kennen schlicht keinen anderen Zustand als den, den sie von klein auf erlebt haben und halten ihre damaligen Überlebensstrategien bis heute für so normal, dass sie unfähig sind, diese überhaupt als solche zu erkennen.

Der Psychotherapeut Dr. Franz Ruppert, der sich vorwiegend mit Trauma-Aufstellungen befasst, sagt dazu: „Wir können nicht frei sein, wenn wir in der Vergangenheit verhaftet sind. Die Zukunft ist ansonsten nur eine Wiederholung dessen, was wir schon getan und erlebt haben und es kann damit wenig Neues passieren, wenn wir uns nicht der eigenen Vergangenheit stellen. Autonomie stehe unter dem Vorzeichen einer Geschichte, einer Lebensgeschichte, einer menschlichen Biographie, einer Familienbiographie und einer Biographie, in der man aufgewachsen und groß geworden sei. All das prägt und bindet uns. Autonomie kann nur dort wachsen, wo wir uns ein Stück aus den Bindungen frei machen können.

Die dominanten Überlebensanteile entstehen aus dem Existenzkampf und der daraus resultierenden ständigen Traumatisierung, die sich quasi selbst erhält und von Generation zu Generation übertragen wird. Einerseits sichert ihre Dominanz das Überleben in einer feindseligen Umwelt, andererseits sorgt sie für immer neue Traumatisierung, weil das Überleben stets durch Gewalt nach innen oder außen gesichert werden muss, denn ein anderes Überlebensmuster wurde nicht erlernt.“
(http://vorarlberg.orf.at/radio/stories/2594931/)

Ich denke, es gibt nur zwei Anstöße, seine Überlebensmuster als kindliche Überlebensstrategien zu erkennen: Wir haben irgendwann die Erfahrung gemacht, dass es auch einen anderen (besseren) Zustand gibt und wissen daher vage um den Unterschied – oder wir leiden so sehr, dass wir dies nicht mehr als „Normalzustand“ ansehen können.

Zu letzterem kommt es vor allem dann, wenn äußere Umstände uns so zusetzen, dass wir den Schein der Normalität vor uns selbst nicht mehr aufrecht erhalten können. Im Grunde handelt es sich dabei fast immer um den Verlust von die Überlebensmuster stabilisierenden Faktoren. Dazu zählt alles, das wir uns aufgebaut haben, um mit den alten Mustern weiterhin mehr oder weniger gut leben zu können. Ob es sich um einen Partner/eine Partnerin handelt, mit der wir neurotische Beziehungsmuster weiter leben, uns über Status definieren, wir unser Selbstwertgefühl in einer Machtposition aufpolieren oder ob wir uns an irgendwelche religiösen Vorstellungen klammern, ist letztlich unerheblich. Sobald diesen Abwehrmechanismen der Boden entzogen wird – der Partner verlässt uns, wir verlieren den gesellschaftlichen Status oder die Machtposition, die religiösen Vorstellungen kollidieren zu sehr mit der Realität – fallen wir sehr unsanft auf uns selbst zurück.

Oft genug mündet das aber noch immer nicht in Selbstreflexion, sondern in Hass auf die scheinbaren Verursacher unseres Leids. Wir greifen auf den Abwehrmechanismus der Entwertung zurück und verdammen die „Feinde“, um unseren eigenen Anteil nicht sehen zu müssen.

Gelingt es nicht, diese äußeren Stützen möglichst rasch durch neue zu ersetzen, dehnt sich die Abwertung gar nicht so selten auf die ganze Welt aus – samt damit einhergehender Verbitterung . Es gibt Menschen, die auf diese Art ihr ganzes restliches Leben verbringen. Eine andere Variante wäre noch, sich selbst zu entwerten und in Selbstmitleid bzw. Depressionen zu versinken.

Beiden Varianten ist jedoch die Opferrolle gemeinsam. Sei es die Wertlosigkeit der anderen oder unsere eigene – wir fühlen uns machtlos ausgeliefert. Damit befinden wir uns aber noch immer im kindlichen „Normalzustand“. Äußerlich erwachsen agieren wir keineswegs als autonome Erwachsene (da wir nie dazu geworden sind), sondern leben innerlich weiterhin in den alten Verstrickungen unserer Familienproblematik, ohne ein Bewusstsein dafür entwickeln zu können.

Die wichtigste Frage, die sich dazu stellt, ist eine, die nicht nur den Einzelnen, sondern unsere gesamte Gesellschaft betrifft: Was kann dem Bewusstsein dafür auf die Sprünge helfen?

Ich denke, das Wissen über all diese Zusammenhänge müsste sich viel mehr verbreiten. Denn solange die Mehrheit der Menschen in ähnlichen Verstrickungen lebt, wird auch sie zum stabilisierenden Faktor eines ungesunden Normalzustands!

Es gibt heute ein ziemlich breites Allgemeinwissen über körperliche Funktionen, leider jedoch nicht über seelische. Auch wenn sich darin in den letzten Jahrzehnten einiges verbessert hat, denke ich trotzdem, es ist noch viel zu wenig.

Ein Mensch mit Magenkrämpfen wird kaum die Frage „Wie geht’s“ mit „Gut“ beantworten. Solange sie aber der Mensch, der sich seelisch nicht wohlfühlt, mit „Gut“ beantwortet, stimmt etwas nicht in unserer Gesellschaft.

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