Verfasst von: Eva | 29/03/2015

Ein authentisches, lebendiges Leben

DSCN8395 - Kopie (1280x960)Viele Menschen sehnen sich nach einem authentischen, lebendigen Leben. Sie suchen es jedoch zumeist in äußeren Dingen. Sie denken, wenn nur dies und jenes wäre, wären sie glücklich. Meist sind diese Dinge soziale Anerkennung, Beziehungen und Materielles. Wenn sich aber diese Wünsche verwirklichen, merken sie oft ziemlich schnell, dass sich an ihrem inneren Zustand nichts nachhaltig verändert hat. Nachdem die erste Euphorie verflogen ist, landen sie wieder dort, wo sie anfangs waren. Es gibt tatsächlich Menschen, die alles haben, was man sich nur wünschen kann, die aber dennoch Suizid begehen.

Um authentisch leben zu können, musst du zu deinem natürlichen, angeborenen Wesen finden. Vorbedingung dafür ist, dass du dich bewusst dafür entscheidest, diesen Weg zu gehen. Wenn du ihn nicht gehen willst, wirst du ihn auch nicht gehen. Es sei denn, du kommst durch irgendwelche Umstände in so starken Leidensdruck, dass deine Abwehr mit Gewalt aufgebrochen wird. Das muss natürlich nicht geschehen, du kannst es aber auch nicht ausschließen. Diese Variante ist die schwerste und schmerzhafteste aller vorstellbaren, weil sie wie eine Naturgewalt über dich herein bricht. Es sind die klassischen schweren Lebenskrisen, die das oft bewirken. Und an denen manche Menschen auch zerbrechen. Entwicklung muss aber nicht so vonstatten gehen. Wenn du sie in deinem Leben begrüßt und dich dafür entscheidest, wählst du einen weit sanfteren Weg.

Wer und wie du heute bist, ist durch vielfältige übernommene Sichtweisen und einem fremdbestimmten Selbstbild entstanden. Natürlich gibt es Kinder, die in sehr liebevollen Familien aufgewachsen sind, wo sie sich frei entfalten durften. Das ist jedoch in unserer Gesellschaft nicht der Normalfall. Wir leben in einer sehr neurotischen Gesellschaft, viele sind von ihrem natürlichen Wesen abgeschnitten und tragen eine Menge innere Probleme in sich. Diese Probleme geben Eltern auf verschiedenste Art an ihre Kinder weiter. Es gibt nur einen Weg, diese Kette zu unterbrechen: du musst auf die Suche nach dir selbst gehen und die vielen Beeinflussungen abstreifen.

Der erste Schritt dazu ist, dich damit zu befassen, welche Menschen deine Bezugspersonen waren. Es ist unerlässlich, dafür zu seinen früheren Bezugspersonen mental und emotional auf Distanz zu gehen. Denn diese Menschen haben dich seit deiner Geburt geformt und geprägt. Deine komplette Weltsicht basiert auf ihrem Einfluss. Du hast auf viele Arten ihren Zugang zum Leben übernommen: durch das, was sie gesagt haben, wie sie „richtig“ und „falsch“ definiert haben, infolge deiner natürlichen kindliche Nachahmung ihres Verhalten, durch Übernahme ihres Umgangs mit Gefühlen. Und dadurch, wie sie dich beurteilt und behandelt haben, ist dein Selbstbild entstanden.

Dies funktioniert nicht, indem du dich einfach von gewissen Dingen, die du als schlecht erkannt hast, distanzierst. Du trägst trotzdem eine riesige Menge an Beeinflussungen in dir, die dir nicht bewusst sind. Zudem bedeutet die Distanzierung von gewissen Werten, Sichtweisen oder Verhaltensweisen nicht, dass du dich frei dafür entschieden hast. Du lehnst sie ab, weil du damit Negatives verbindest. Das kann in vielen Fällen dazu führen, „das Kind mit dem Bade auszuschütten“. Du verbaust dir damit die Wahlmöglichkeit eines oft sehr gesunden Mittelwegs, denn das Gegenteil von etwas sehr Schlechtem ist nicht etwas sehr Gutes, sondern meist etwas anderes sehr Schlechtes.

Du wirst im Laufe deiner Distanzierung erkennen, wie viel du von ihnen übernommen hast, ohne dass dir das bewusst war. Die wichtigste Bedingung dabei ist, dass du dich als von deinen Bezugspersonen getrennten erwachsenen Menschen begreifst. Der du ja auch bist. Du bist vielleicht heute schon um einiges älter als die damaligen Bezugspersonen deiner Kindheit. Solange du diese Distanzierung nicht wagst, bleibst du in ihrem System. Das hat nichts mit Lieblosigkeit zu tun, es ist eine notwendige Phase auf dem Weg zu deiner eigenen Unabhängigkeit und Authentizität als erwachsener Mensch.

Du wirst auf diesem Weg vermutlich auf Lebenslügen stoßen, die deine Bezugspersonen vertreten haben, von denen du heute noch selbst viele weiter führst. Du wirst Überzeugungen in dir entdecken, die du niemals bewusst gewählt hast und ein Selbstbild von dir, das in vielem falsch ist. Wenn du dich selber wirklich kennenlernen willst, musst du all die Dinge, die dich als Kind geformt haben, hinterfragen. Du wirst einige Dinge als positiv entdecken und auch weiter behalten wollen. Du wirst aber auch viele Dinge entdecken, die alles andere als positiv und lebensbejahend sind – und die wirst du nicht behalten wollen.

Warum ist dieser Weg für viele Menschen so beängstigend? Woher kommt die Angst davor, seine Bezugspersonen, aber auch sich selbst, klar zu sehen? Es ist im Grunde die Angst des Kindes, das du einmal warst. Da du mit vielen Gefühlen als Kind in deiner grenzenlosen Abhängigkeit nicht anders umgehen konntest, musstest du sie aus deinem Bewusstsein verbannen. Sie sind aber noch in dir. Als Erwachsener brauchst du keine Angst mehr davor zu haben, weil du nicht mehr in deiner Existenz von deinen Bezugspersonen abhängig bist. Aber leider ist dir auch das nicht bewusst. Du fühlst wie ein Kind, obwohl du wie ein Erwachsener auftrittst.

Viele Menschen bleiben ihr Leben lang in kindlichen Prägungen – und damit innerlich auf der Stufe eines Kindes – stecken. Ich bin davon überzeugt, dass fast jede psychische Störung darin ihren Ursprung hat. Du bist seelisch gesund zur Welt gekommen, aber in der Obhut seelisch nicht gesunder Menschen war es dir unmöglich, dich gesund zu entwickeln. Wobei ich unter psychischer Störung keine auffällige psychische Krankheit verstehe, sondern das Abgeschnittensein von seinem natürlichen Wesen und damit auch die verpasste Entwicklung zum authentischen Erwachsenen. Damit einher geht ein Mangel an echtem Selbstbewusstsein und Selbstakzeptanz. In diesem Zustand kann niemand seelisch gesund agieren.

Jedes Erlebnis, das du jemals hattest, ist in deinem Gehirn und deinem Körper gespeichert. Nichts geht verloren. Auch wenn du glaubst, du triffst bewusste Entscheidungen aus deinem freien Willen heraus, irrst du dich dennoch. Du wirst von all den Dingen, die dir nicht bewusst sind, gesteuert. Du hungerst nach der Anerkennung, die du nie bekommen hast, du begibst dich aus Angst vor echter Nähe in Beziehungen, die nur oberflächlich, lieblos oder langweilig sind, du verleugnest deine Gefühle, weil du dich dafür schämst. Da die Mehrheit der Menschen in unserer Gesellschaft so lebt, bist du unfähig, anders zu handeln, weil du ihre Ablehnung fürchtest. Es ist ein Teufelskreis, aus dem du nur heraus kommst, wenn du irgendwann den Mut aufbringst, an dich zu glauben. Das Ziel jeder Weiterentwicklung im positiven Sinne ist, dass du dich selbst annimmst, dass du dich nicht mit deiner sozialen Rolle, sondern mit deinem Selbst identifizierst.

Um das zu erreichen, musst du dir die bedingungslose Liebe, nach der du so sehr suchst, selber geben. Viele wissen nicht, wie sie das bewerkstelligen können. Sie verstehen vielleicht, dass es der richtige Ansatz ist, aber sie sind nicht fähig dazu, ihn umzusetzen. Das ist auch nicht verwunderlich, denn darum ranken sich sehr starke Idealvorstellungen. Besonders bei Menschen, die einen Hang zum Religiösen oder Esoterischen haben, sitzt dahinter die Vorstellung von einem Meer von Liebe, in das sie plötzlich eintauchen, in dem sie sich mit der ganzen Welt verbunden fühlen. Diese Vorstellung entspringt einer großen kindlichen Sehnsucht, die aus einem Mangel heraus entstanden ist. Du musst dich vielmehr als Erwachsener, der du bist, abseits jeglicher Idealvorstellungen selbst annehmen. Du musst dich mit deinem Inneren verbinden und es als das akzeptieren, was es ist: der Kern deiner Identität.

Du kannst das, denn du bist kein Kind mehr, du hast heute viel mehr Fähigkeiten, Ressourcen und Möglichkeiten. Du musst dich diesem verletzten, sehnsüchtigen, traurigen, wütenden Kind in dir zuwenden. Zuwendung bedeutet aber nicht Verurteilung, sondern Verständnis. Jedes Gefühl hat seine Ursache und deshalb darfst du auch keines deiner Gefühl verurteilen. Stell dir vor, du hast ein Pflegekind, das einiges Schlimme erlebt hat und nun versuchst du es aufzupäppeln. Du musst in der Gegenwart deine eigene gute Mutter, dein eigener guter Vater werden. Dazu musst du zwei Anteile in dir getrennt wahrnehmen: Das Kind in dir und dich selbst als Erwachsenen. Wenn du nur in der Identifikation mit dem Kind bleibst, wird sich nichts ändern, da es hilflos ist. Wenn du nur in der Identifikation mit dem Erwachsenen bleibst, wird sich auch nichts ändern, da er keine Verbindung zu seinen seelischen Grund hat. Nur beides zusammen macht dich als Ganzes aus.

Am Anfang wirst du sehr viel über den Verstand gehen müssen, dir also bewusst diese „Elternrolle“ gegenüber deinem inneren Kind überstülpen müssen. Es werden aber immer wieder auch sehr viele alte Gefühle hochgespült werden. Du darfst (und sollst) dich – vorübergehend – mit ihnen identifizieren, um sie fühlen zu können. Gefühle sind nicht statisch. Sobald sie fließen, fließen sie auch irgendwann ab. Wenn du sie nicht blockierst, geschieht genau das. Die schlimmen Momente sind nur jene, in denen du ganz im Fühlen bist. Aber du kannst dich damit motivieren, durchzuhalten, indem du weißt, es wird vorüber gehen. Gefühle, die früher blockiert wurden, sind in ihrer vollen Intensität innerlich gespeichert. Ganz egal, ob es sich um Wut oder Trauer handelt. Sobald sie ins Fließen kommen, fühlst du das, was du als Kind nicht aushalten konntest. Vertraue jedoch darauf, dass du es heute sehr wohl aushalten kannst. Wenn du an bestimmte Gefühle nicht ran kommst, lass dir Zeit. Es hat keinen Sinn, etwas erzwingen zu wollen. Es wird eine andere Zeit kommen, die besser passt.

Zudem wirst du zu Beginn eher auf blockierte Gefühle stoßen, die nicht so schlimm sind. Denn je leidvoller oder intensiver diese Gefühle sind, umso tiefer sind sie verdrängt. Es ist wie mit Schichten, die übereinander liegen, ähnlich einer Zwiebel. Es kann nicht passieren, dass du dich überforderst, denn solange du nicht genügend Ressourcen aufgebaut hast, um dem standzuhalten, wirst du keinen Zugang zu diesen Gefühlen finden. Dafür sorgt schon dein Unterbewusstsein. Je weiter du mit deiner Entwicklung kommst, umso mehr Persönlichkeitsstärke baust du auf. Damit verfügst du über mehr Ressourcen und kannst dich an weitere Gefühle heran wagen, für die du nun die Stabilität hast.

Es wird dir im Laufe dieses Prozesses immer besser gehen, weil deine gesunden Anteile stärker werden. Normalerweise verläuft diese Entwicklung aber in Schüben. Es ist wahrscheinlich, dass du Zeiten erlebst, wo du wochen- oder sogar monatelang am Verarbeiten bist und dich irgendwann so gut fühlst, dass du kein Bedürfnis nach mehr verspürst, weil eine wichtige Etappe abgeschlossen ist. Da jede innere Entwicklung auch äußere Veränderungen nach sich zieht, werden sich deine Beziehungen verändern, du wechselst vielleicht den Beruf, du ziehst um oder du lebst mit Begeisterung Fähigkeiten aus, die vorher brach lagen.

Aber mache nicht den Fehler, zu glauben, das sei es schon gewesen. Es werden wieder Phasen auf dich zukommen, wo deine Entwicklung weiter geht. Je bewusster du damit umgehst, umso leichter wird sie dir fallen. Wenn du offen dafür bleibst, wirst du diese Phasen sogar begrüßen, sie werden dich immer weniger beeinträchtigen. Der Zugewinn an Lebensqualität, der Wegfall von Abhängigkeiten, das Gefühl in sich „rund“ zu sein, die innere Lebendigkeit, dein authentischer Selbstausdruck werden immer wichtiger. Du wirst merken, dass du zwar verwundbar bist, weil du deine Gefühle nicht mehr ablehnst, aber du kannst besser damit umgehen. Krisen werden nie ganz ausbleiben, jedoch hast du die Fähigkeit, sie zu bewältigen, bevor sie dich in tiefste Verzweiflung stürzen. Wenn du den Kampf gegen deine Gefühle aufgibst, werden sie zu wahren Entwicklungshelfern. Du brauchst nicht mehr in theoretischen Konzepten zu leben, sondern deine Intuition und deine Kreativität werden dir die verlässlichsten Orientierungshilfen im Leben sein.

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