Verfasst von: Eva | 24/09/2015

Wut

zornEin spannendes Thema, aber eins, das einem auch die Haare zu Berge stehen lassen kann. Wut ist ein elementares Gefühl, das zum Menschen gehört und evolutionstechnisch auch seinen Sinn hat. Niemand ist frei davon, der Umgang damit variiert jedoch beträchtlich von Mensch zu Mensch.

An sich halte ich die gesündeste Form, mit Wut umzugehen, sie zuzulassen. Alles Unterdrückte hat die Tendenz, uns von innen her zu vergiften, da es ja nicht weg ist, sondern im Untergrund schwelt. Ich halte es für ein abartiges Ideal, „wutlos“ zu leben. Man braucht sich nur kleine Kinder anzusehen, um zu verstehen, wie sehr dieses Gefühl zu uns gehört und welche starke Energie da am Werk ist.

Wut ist ein Gefühl, genau so wie Freude oder Trauer und an sich wertneutral. Die Bewertung trifft der Mensch, indem er Gefühle in „gut“ und „schlecht“ einteilt. Kaum jemand wird es negativ sehen, wenn man einem Menschen spontan aus Freude um den Hals fällt, aber wenn man aus dem Gefühl der Wut heraus aggressve Handlungen gegen jemanden setzt, sieht das schon anders aus.

Allerdings darf man Wut und Aggression nicht gleich setzen. Wut ist ein Gefühl, Aggression ist gegen etwas/jemand gerichteter Ausdruck von Wut. Und nicht unbedingt der beste Umgang damit!

Trotzdem kann natürlich Wut aus dem Verhalten oder den Handlungen eines anderen resultieren. Das passiert immer dann, wenn dieser Mensch etwas tut, das für uns unangenehm ist. Sei es eine Beleidigung, eine Ungerechtigkeit, Betrug – oder ein Angriff (verbal oder körperlich). Doch gilt es auch hier zu unterscheiden, ob die Beweggründe dieser Person tatsächlich gegen uns gerichtet sind oder ob es ganz andere Gründe dafür gibt, welche wir falsch interpretieren.

Ein Arzt, der mir eine Spritze gibt und mir damit Schmerzen verursacht, greift mich damit natürlich nicht an. Weil wir das wissen, entsteht auch keine Wut auf ihn (außer vielleicht bei Kindern oder Tieren, die das nicht verstehen können). Es gibt aber auch viele Fälle, wo die Beweggründe des Gegenübers nicht hinterfragt werden und von vorneherein angenommen wird, er würde uns „absichtlich“ – und ganz besonders schlimm – „grundlos“ angreifen. Dies ruft meist besonders große Empörung hervor.

Es gibt in Familien oft die Aussage von Eltern gegenüber ihren Kindern, die sich nicht so verhalten, wie gewünscht: „Warum tust du mir das an?“. Das ist ein klassisches Beispiel von falsch verstandenen Beweggründen. Die allermeisten Kinder tun ihren Eltern nichts an, wenn sie sich nicht wie gewünscht verhalten (es sei denn, sie wollen provozieren – aber auch das hat meist gute Gründe), sondern verhalten sich einfach authentisch. Der Vorwurf ist also komplett unberechtigt. Er zeugt zudem von einer ziemlich egozentrischen Sichtweise der Eltern.

Natürlich kann das Verhalten des Kindes trotzdem Wut in den Eltern hervorrufen. Sie haben vielleicht genug Stress und wenn neuer hinzu kommt, fühlen sie sich überfordert und ärgerlich. Trotzdem hat das Kind keine Schuld daran. In diesem Fall müsste der Erwachsene sich selbst hinterfragen, sich seine Wut eingestehen, aber zugleich erkennen, dass er dem Kind nicht die Schuld dafür geben kann.

Seine Wut löst sich damit wahrscheinlich nicht gleich auf, aber er richtet sie nicht gegen denjenigen, dem er Absicht oder sogar Boshaftigkeit unterstellt. Selbstverständlich ist das nicht einfach, denn Wut hat nun mal die Eigenschaft, ein hitziges Gefühl zu sein und drängt zu Aktion und Angriff. Das ist ja auch ihr evolutionärer Hintergrund. Wer aber nie gelernt hat, auf unschädliche Weise mit ihr umzugehen, tappt immer in dieselbe Falle. Er muss sich damit auseinander setzen und „nachlernen“, was er nie gelernt hat.

Nun gibt es grundlegend zwei unterschiedliche Gruppen im „falschen“ Umgang mit Wut: die einen richten ihre Aggressionen unreflektiert sofort auf andere (auch auf andere, die ursächlich damit überhaupt nichts zu tun haben – sie suchen sozusagen Sündenböcke bzw. Blitzableiter), während die anderen aus verschiedenen Gründen ihre Wut überhaupt nicht zulassen wollen oder können und sich selbst und anderen vorspielen, sie wären gar nicht wütend. Natürlich löst sich auch damit die Wut nicht auf, die Wahrscheinlichkeit dazu ist sogar noch geringer als bei der anderen Gruppe.

In der wissenschaftlichen Psychologie spricht man von der „passiv-aggressiven Persönlichkeitsstörung“, wenn Menschen ihre Wut nur indirekt ausdrücken (können).

Dafür gibt es eine Menge Ursachen:

  • In unserer doch recht oberflächlichen, fassadenhaften Gesellschaft gibt es wenig Raum für Wut.
  • Besonders in religiös-spirituellen Kreisen wird das Ideal von Gelassenheit, Nachsicht und „Über-den-Dingen-stehen“ kultiviert. Wut wird als etwas „Niedriges“ angesehen, worüber man erhaben sein muss.
  • Viele hängen der Überzeugung an, Frauen dürften nicht wütend sein, weil das „unweiblich“ sei und nur Privileg von Männern.
  • Es gibt aber auch – wie bei allen Überzeugungen, die wir unreflektiert von klein auf bis ins hohe Erwachsenenalter mitnehmen – die Erfahrungen, die wir als Kinder mit Wut gemacht haben. Erlebten wir den ungehemmten Ausdruck von Aggressionen, hat das Angst in uns erzeugt und wir setzen Wut mit Aggression gleich, bewerten beides daher so negativ, dass wir es weit von uns weisen. Erlebten wir nie oder kaum jemals den freien Ausdruck von Wut und nur ihre indirekten Formen, übernehmen wir dieses Tabu und wir meiden sie ebenfalls.

Mit keiner dieser beiden Erfahrungen haben wir jemals gelernt, dass Wut nichts Schreckliches, sondern etwas Natürliches ist, dem wir auch Platz geben müssen. Gefühle haben die Eigenschaft, nicht statisch zu sein, sondern zu fließen. Behindern wir ihren Fluss, halten wir sie in uns fest. Dies bindet wiederum sehr viel Energie, weil wir damit das Lebendige in uns zurück halten. Nicht umsonst heißt es, Depressionen hätten oft viel mit unterdrückter Wut zu tun. Da Wut ein Ausdruck von Lebendigkeit ist, führt deren Unterdrückung zu einem generellen Mangel an Lebendigkeit. Man kann nicht selektieren, wo man lebendig sein möchte und wo nicht: man ist es oder man ist es nicht.

Aber nicht jeder kann seine Wut so umfassend unterdrücken. Viele wählen (meist nicht bewusst) den Weg der indirekten Aggression. Das bedeutet, dass sie zwar insgeheim anderen Vorwürfe machen, diese aber nicht artikulieren bzw. vielleicht sogar selber nicht klar erkennen, Was zurück bleibt ist ein diffuses Gefühl von Ärger und Gereiztheit. So sammelt sich viel Negativität an und diese bricht sich in Nörgeleien, spitzen Bemerkungen oder diversen anderen Verhaltensweisen Bahn, die das Gegenüber nie richtig zu fassen bekommt, obwohl er sie natürlich spürt.

Da Gefühle ansteckend sein können, überträgt sich mit der Zeit diese verhalten-aggressive Stimmung auch auf den anderen. Unterdrückt er diese nun ebenfalls kommt es irgendwann unweigerlich zur Explosion – oder zum kompletten Rückzug.

Es ist sehr schwierig, mit passiv-aggressiven Menschen umzugehen. Spricht man die unterschwelligen Aggressionen offen an, werden sie verleugnet. Spricht man sie nicht an, staut man Ärger an und der Ausbruch ist vorprogrammiert. In beiden Fällen steht man schlecht da. Der andere streitet die Signale ab, die er aussendet, übernimmt keine Verantwortung für sein Verhalten. Damit wäscht er seine Hände in Unschuld und weist seinem Gegenüber alle Schuld zu.

In vielen Fällen sind diese Menschen sehr weit von sich selbst entfernt, verwechseln ihre Rolle bzw. Fassade mit sich selbst. Aber es gibt auch Fälle, in denen Aggressionen bewusst subtil eingesetzt werden, um „unangreifbar“ zu bleiben, dennoch ordentlich austeilen zu können. Ich rate jedem, um solche Menschen einen großen Bogen zu machen, da eine offene Konfliktaustragung hier aussichtslos ist.

Wie geht man aber „gesund“ mit Wut um? Ich glaube, es wird niemandem in jeder Situation gelingen. Dazu müsste der Mensch perfekt sein. Jedoch ist es hilfreich, zu wissen, wie es gehen könnte.

Patentrezept gibt es natürlich keines. Menschen sind alleine schon vom Temperament her unterschiedlich. Aber generell gilt für alle: Weder verleugnen, noch unterdrücken – sondern die Wut anerkennen. Das ist der wichtigste Schritt. Wie man sie auslebt, bleibt jedem selbst überlassen. Aber ausleben muss man sie, wenn sie sich auflösen soll – und zwar ohne negative Folgen für sich selbst und andere.

Es ist unerheblich, ob jemand lautes Schreien bevorzugt (am besten im Auto oder an einem anderen Platz, wo man dafür nicht für verrückt gehalten wird), ob man Dinge gegen die Wand wirft, wilde Musik hört, mit jemand anderem über seine Wut redet, oder sich die Wut aus der Seele schreibt – jeder muss herausfinden, was ihm darin am besten hilft. Aber eines ist für alle wichtig: diese starke Energie nicht zu negieren. Sie kann im wahrsten Sinne krank machen oder sich durch destruktive Aggressionen auf andere richten (wo sie meist wie ein Bumerang durch die Reaktionen des Gegenüber  wieder zurück kommt).

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Responses

  1. .. ja, sehr richtig. Auch die Wut gegen die Eltern muss man anerkennen – man muss ihnen nicht verzeihen, schreibt Alice Miller.

    Toller Blog! Janina

  2. Hallo Janina,

    freut mich, dass dir mein Blog gefällt.

    Den Eltern verzeihen – das ist ein eigenes Thema! Alles ist nicht verzeihbar, für wichtig halte ich es dennoch, in sich damit irgendwann Frieden zu schließen. Das kann allerdings ein sehr langer Weg sein, denn sich das nur einzureden, weil man weiß, es wäre besser, bringt gar nichts.

    Frieden mit etwas zu schließen ist aber nicht mit Verzeihen gleich zu setzen – es ist eine andere Kategorie. Meiner Meinung nach geht es dabei um Loslassen. Zum Loslassen kommt man aber nur, wenn alle zugehörigen Gefühle (Wut ist mit Sicherheit dabei) zuerst einmal „raus lässt“. Etwas loszulassen, das nicht raus gelassen wird, ist praktisch unmöglich. Es wird ja weiterhin im Inneren festgehalten.

    LG
    Eva


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