Verfasst von: Eva | 24/11/2015

Tiere als Lebensinhalt

DSCN1740 - KopieIch möchte vorausschicken, dass ich selber sehr tierliebend bin, zwei Haustiere besitze (Katze und Hund) und den Wunsch, mit Haustieren zu leben, sehr gut nachvollziehen kann. Die Gesellschaft eines Tieres kann eine große Bereicherung sein, macht im Idealfall erd- und naturverbunden und ist einfach eine schöne Sache, wenn die Umstände passen (ausreichend Zeit, finanzielle Mittel und ein Gespür für sie). Menschen haben selbst einen tierischen Kern und können zu ihren Haustieren Bindungen aufbauen.

Soweit so gut. Allerdings gibt es auch Menschen (gar nicht so wenige), die davon überzeugt sind, Tiere seien „die besseren Menschen“ und diese verherrlichen. Diese Menschen haben oft Probleme im sozialen Umgang, kaum Interessen und Tiere stellen für sie die Lösung dar. Es sind oft Leute, die stark zur Flucht vor Problemen und Konflikten neigen und sich lieber auf dem ungefährlichen Terrain der „Tierliebe“ bewegen. Hier haben sie die Macht, eine kleine Welt nach eigenen Regeln zu erschaffen.

Ihr Vergleich von Tieren und Menschen ist natürlich Unsinn, da Tiere keine Menschen sind und damit Äpfel mit Birnen verglichen werden. Verhaltensweisen von Tieren – zumeist domestizierten – können nicht jenen von „charakterlosen“ Menschen gegenüber gestellt werden, um daraus den Schluss zu ziehen, dass Menschen beleidigen, betrügen und enttäuschen, ein Tier würde das aber niemals tun. Diese Aussage drückt nicht aus, wie gut Tiere sind, sondern wie schlecht Menschen sind.

Der Grund, warum Tiere sich nicht so (schlecht) wie Menschen verhalten, ist aber einzig und alleine, dass Tiere dazu gar nicht in der Lage sind. Hochentwickelte Säugetiere können maximal mit zwei- bis dreijährigen Kindern verglichen werden, wenn denn schon unbedingt ein Vergleich zwischen Mensch und Tier sein muss. Kinder in diesem Alter sind jedoch ebenso unfähig, zu enttäuschen und zu beleidigen. Hätten Tiere dieselben Fähigkeiten wie Menschen, wären sie ja Menschen und dann nicht anders als diese.

Was in Wirklichkeit damit ausgesagt wird, ist eher, dass der Umgang mit Tieren bei weitem ungefährlicher und problemloser ist als mit Menschen: Sie sind „treu wie Gold“ und schenken  „bedingungslose Liebe“. Entgegen dieser realitätsfernen Annahme ist das aber nicht ihre Entscheidung, sondern beruht ausschließlich auf ihrem genetischen Programm. Menschliche Kinder unterscheiden sich davon nur wenig, sie lieben ihre Bezugspersonen ebenso bedingungslos – selbst wenn diese sie schlecht behandeln. Der Grund dafür ist ihre Abhängigkeit. Die starke Bindung dient dem Überleben, da sie alleine zugrunde gehen würden. Bedingungen können sie dafür nicht stellen.

Noch einmal: ich schätze das Zusammenleben mit Tieren und möchte es nicht missen. Schon als kleines Kind fühlte ich mich sehr zu ihnen hingezogen. Sie sind einfach ein Teil meines Lebens. Aber die Betonung liegt auf „Teil“. Ich fühle mich nicht von Menschen angezogen, deren Leben sich ausschließlich um ihre Tiere dreht. Abgesehen von den ersten Monaten, wo verständlicherweise der neue Hausgenosse im Mittelpunkt steht, ist es weit weniger natürlich, ihn zum Lebensinhalt zu machen. Es ist fast wie bei Müttern, deren gesamte Energie sich auf das Leben ihrer Kinder bis weit über die angemessene Altersgrenze bündelt. Tiere eigenen sich hervorragend dafür, weil sie immer abhängig bleiben. Und wenn sie sterben, kann man sich neue anzuschaffen, um dasselbe Spiel unendlich fortzusetzen.

Ich kenne tatsächlich Leute, die über die Kontakte zu anderen Hundehaltern hinaus keine anderen Beziehungen haben, sich praktisch für nichts anderes interessieren und ständig nur über die Befindlichkeit ihrer Tiere sprechen. Diese nehmen einen so zentralen Stellenwert in ihrem Leben ein, dass es kaum noch andere Inhalte und Interessen gibt. Alle Gespräche kreisen um diverse Futtersorten, Erziehungsmaßnahmen, Accessoires (wie Futterschüsseln, Halsbänder und Leinen mit besonderem Design) bzw. was der Hund wann und wie getan hat. Das eigene Leben wird um die Tiere herum ausgerichtet. Der gesamte Bekanntenkreis besteht aus anderen Hundehaltern mit ähnlicher Ausrichtung, echte persönliche Beziehung gibt es kaum. Wären sie gezwungen, ein oder zwei Jahre „hundelos“ zu leben, wären sie mit einer Leere konfrontiert, die sie wohl nur schwer ertragen könnten.

Insofern kann man nicht nur exzessives Arbeiten, ständigen Aktionismus, Alkohol oder Drogen, sondern auch Tiere dazu benutzen, um davon abzulenken, was im eigenen Leben nicht stimmt. Die absolute Extremform davon ist das sogenannte „animal hoarding“ – eine Art Messie-Syndrom in Bezug auf Tiere.

Man kann natürlich argumentieren, dass es doch eine relativ harmlose Abwehrstrategie ist, sein gesamtes Leben um Tiere auszurichten. Man kümmert sich doch liebevoll um sie und Tiere zu lieben, ist eine schöne Seite am Menschen. Doch dagegen spricht zweierlei:

Einerseits ist man keineswegs der große Tierliebhaber, als den man sich gerne sieht, denn mit dem Wohl von Tieren im Allgemeinen (wie es zum Beispiel aktive Tierschützer anstreben), hat man wenig am Hut. Üblicherweise nehmen solche Leute auch eher selten Hunde aus dem Tierheim auf, sondern kaufen sich Rassehunde nach ihrem Geschmack und fördern damit deren „Produktion“, während andere Hunde ein elendes Leben in Tierheimen oder Tötungsstationen fristen. Ich kenne auch kaum welche, die zumindest für Tierorganisationen regelmäßig Geld spenden, obwohl für ihre eigenen Tiere das Feinste gerade gut genug ist. Allzu groß ist ihre Sorge um die Tierwelt damit ja nicht gerade.

Andererseits reduzieren sie ihr eigenes Leben auf sehr wenig. Wer das tut, dem fehlt es an Wertschätzung sich selbst gegenüber – kurz gesagt an Selbstliebe. Und daher ist es nicht verwunderlich, wenn nur unverfängliche Kontakte zu anderen Tierhaltern existieren. Engen Kontakt hält er nur zu seinen Haustieren, die ihn „bedingungslos lieben“. Er kann mit Reibung und Meinungsverschiedenheiten kaum umgehen, fühlt sich davon in seinem Selbstwertgefühl bedroht, bleibt lieber auf der „sicheren Seite“ mit seinen Tieren, von denen keine Gefahr darin droht. Nur daraus schöpft er Sicherheit.

Was ich damit nicht sagen möchte, ist, dass ich das verurteile. Ein Tier, das gut behandelt wird, leidet nicht und es ist ihm egal, aus welchen Gründen es angeschafft wurde. Wenn ein Mensch nichts weiter mit seinem Leben anzufangen weiß, als um sein Haustier zu kreisen, dann schadet er sich damit in erster Linie selbst und niemand anderem. Woran mir jedoch liegt, ist die schiefe Optik zurecht zu rücken. Ich habe erlebt, dass solche Menschen auf andere herab blicken, die um ihre Authentizität kämpfen, sie für ihre Bemühungen um Aufrichtigkeit und Selbsterkenntnis als „versponnen“ ansehen, da sie meinen, „besser“ zurechtkommen, auch wenn es in Wahrheit nur Lebensflucht ist.

In unserer Gesellschaft bescheinigen sich leider allzu viele „Normalität“, die sich selber nicht durchschauen.

 

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