Verfasst von: Eva | 20/12/2015

Einsamkeit

DSC01140 - Kopie

In unserer Gesellschaft gibt es nicht mehr allzu viele Tabuthemen. Doch Einsamkeit gehört dazu. Auch wenn die Zahl einsamer Menschen stetig ansteigt, liegt ein Stigma darüber. Wer von sich sagt, er sei einsam, hat äußerst schlechte Karten und erntet dafür vor allem eines: noch mehr Ausgrenzung.

Es gibt eine Menge Ratgeber-Bücher mit etlichen Tipps dagegen, die garantiert wirken sollen, wenn man sich nur darauf einlässt. Kurz zusammen gefasst beinhalten alle in etwa dieselben Ratschläge:

  • denke positiv
  • werde kontaktfreudiger
  • suche dir eine Aufgabe, am besten ehrenamtlich, denn Helfen hilft auch dir selbst

Wie in allen Ratgeber-Büchern werden nach dem Gießkannenprinzip Rezepte angeboten, die für alle gültig sein sollen. Bedingung dafür ist nur, dass man alle Tipps ernsthaft befolgt.

Weder wird dabei hinterfragt, ob die Tipps für den Betroffenen überhaupt umsetzbar sind, noch werden Faktoren wie Persönlichkeit, äußere Umstände, Vorgeschichte oder die konkrete individuelle Lebenssituation berücksichtigt.

Das gleicht in etwa einem Arzt, der aufgrund der Tatsache, dass ein Patient Bauchschmerzen hat, eine Ferndiagnose erstellt, ohne ihn zu untersuchen und ihm genaue Anweisungen gibt, was er tun muss, um die Bauchschmerzen wieder los zu werden. Es ist ein bisschen wie die Computerlogik von „Wenn A, dann B“. Aber Menschen sind keine Computer und übertreffen sie bei weitem an Komplexität. Es ist völlig naiv, zu glauben, man könne sein Leben grundlegend mit einfachen Ratschlägen nachhaltig verbessern.

Zumeist sind die Autoren solcher Ratgeber-Bücher auch noch in der grauen Theorie unterwegs, weil ihr eigenes Leben ja ganz anders aussieht. Aber selbst wenn sie tatsächlich selber eine einsamere Phase überwunden haben und daraus nun ableiten, ihre Maßnahmen seien allgemeingültig und würden jedem helfen, sind sie damit auf dem Holzweg. Außer von einem gewissen Hang zum Missionieren zeugt das leider nur davon, dass sie ihre subjektiven Erfahrungen zum Dogma machen.

Abgesehen davon – mich wundert immer wieder, wie naiv solche Ratgeber sind – eine Anweisung à la „denke positiv“ oder „werde kontaktfreudiger“ ist ungefähr so sinnvoll, als würde man von jemandem verlangen, er solle denselben Geschmack wie man selbst haben, weil das von Vorteil sei. Der individuellen Person und ihrer ebenfalls individuellen Lage wird also nicht im Geringsten Rechnung getragen. Und ganz tot geschwiegen wird dabei unsere Konsumgesellschaft, die Einsamkeit sehr begünstigt.

Am schlimmsten ist aber die Behauptung, man sei selber daran schuld, wenn die Ratschläge nicht das gewünschte Ergebnis bringen. In diesem Fall wird einem kurzerhand unterstellt, man hätte sie nicht wirklich begriffen.

Im Grunde handelt es sich bei all diesen Ratgebern um Anhänger des derzeitigen Trends von „Jeder kann alles schaffen“ – unserer modernen Omnipotenz-Philosophie. Ich bin mir zwar zutiefst sicher, dass es auch für diese Menschen Bereiche gibt, in denen sie bei weitem nicht alles schaffen können, aber so weit denken sie wohl nicht darüber nach. Es wäre sehr erhellend für sie, einmal ordentlich an etwas zu scheitern, um dadurch zu erkennen, dass Allmachtsfantasien wenig mit der Realität zu tun haben. Aber natürlich verkünden sie ihre Tipps nur zu solchen Themen, an denen sie nicht gescheitert sind. Ihr Motto ist völlig daneben gegriffen: „Was für mich gilt, gilt auch für jeden anderen“. Die Verallgemeinerung eigener Lösungsmöglichkeiten dominiert zwar die Ratgeberszene in sehr vielen Bereichen, besser wird sie dadurch trotzdem nicht.

Da aber Einsamkeit ansonsten kaum thematisiert wird, bestimmen diese gleich geschalteten „Expertisen“ die öffentliche Meinung. Weil die meisten Menschen kaum über derartige Themen selbständig reflektieren, bilden sie sich ihre Meinung dazu aus dem, was es eben an Informationen gibt. Diese Theorien bleiben ja nicht nur in den Regalen der Buchgeschäfte oder in den Händen einzelner Ratsuchender, sondern sie kursieren auch im Internet und in diversen Massenmedien. Und damit werden sie über kurz oder lang zur öffentlichen Meinung.

Zwar glaube ich keinesfalls, dass die Ratgeber das bezwecken oder überhaupt nur ansatzweise darüber nachdenken, was sie bewirken, aber die bittere Erkenntnis ist nun mal, dass sie kräftig dazu beitragen, Einsamkeit zum Tabuthema zu machen.

Wenn Einsamkeit nämlich als eine Art selbstverschuldeter Zustand angesehen wird, ist das nicht verwunderlich. Wer gibt sich schon die Blöße, sich zu dieser Schuld zu bekennen? Also wird sie tot geschwiegen und soweit wie möglich gute Miene zum bösen Spiel gemacht. Wenn noch dazu alle „todsicheren“ Tipps dagegen auch nicht geholfen haben, führt das auch noch zu Schamgefühlen über die (vermeintliche) eigene Unfähigkeit.

Daher kann ich jedem, der unter Einsamkeit leidet, nur die dringende Empfehlung geben: Entsorgt all diese Ratgeber-Bücher in der Mülltonne und glaubt nicht, was da geschrieben wird. Einfach, weil es nicht wahr ist. Setzt euch nicht selbst unter Druck, eure Situation durch diese Tipps verändern zu wollen/müssen, weil sie nämlich in sehr vielen Fällen gar nicht funktionieren können.

Es gibt drei Hauptgründe in unserer Kultur bzw. Gesellschaft für Einsamkeit, die mit der Verantwortung oder gar Schuld des Einzelnen wenig bis gar nichts zu tun haben:

  1. den Zerfall der Familienverbände durch Etablierung der Kleinfamilie
  2. die Wohlstandsgesellschaft, welche den Wert von Menschen nach Status bestimmt
  3. ein durch Medien und Werbung transportiertes „synthetisches Ideal“ von Menschenleben

zu 1)

Man mag es gut oder schlecht finden, aber die übliche Lebensform in unserer Kultur ist die der Kleinfamilie. Familienverbände mit mehreren Generationen gibt es kaum mehr. Wenn nun die Kleinfamilie zerbricht, steht man ziemlich alleine da. Und zwar in jeder Generation. Kinder wachsen oft ohne mehrere familiäre Bezugspersonen auf, Alleinerziehende tragen viel zu viel Verantwortung, die sie schwer überfordert und alte Menschen werden in Pensionisten- oder Pflegeheime abgeschoben, wenn sie nicht mehr ohne Hilfe alleine leben können. Ich bin keine Befürworterin der Großfamilie, weil sie auch viel Konfliktstoff und Einschränkung beinhaltet, aber es gibt leider auch keinen Ersatz dafür in unserer Gesellschaft. Man öffnet nach ihrem Wegfall nicht die Türen für andere Menschen, sondern man grenzt sich im sehr kleinen Verband ab. Das hat zur Folge, dass vielen Einzelnen nichts anderes übrig bleibt, als alleine über die Runden zu kommen. Das probateste Mittel dagegen ist der Aufbau einer neuen Kleinfamilie. Die Suche nach dem nächsten Partner ist die am meisten verbreitete Strategie. Dadurch wiederum werden Menschen immer einfacher austauschbar – man kann seine Abhängigkeit quasi von einem auf den anderen übertragen und entflieht dadurch der Einsamkeit.

zu 2)

Das führt dazu, dass der Status für Menschen extrem wichtig wird. Und zwar auf verschiedenen Ebenen je nach gesellschaftlichem Umfeld. Es ist im Grunde die Verherrlichung der Leistungsgesellschaft. Ob es sich dabei um die Höhe des Einkommens, die Anzahl der Luxusartikel, über die man verfügt oder um das Renommee handelt, das man öffentlich oder innerhalb einer bestimmten Gruppe genießt – wichtig sind vor allem diejenigen, die sich in der Hierarchie darin im oberen Bereich befinden. Es geht nicht darum, ob jemand menschlich wertvoll ist, ob er verantwortlich handelt oder einfach ein kluger Mensch ist. Wenn er gesellschaftlich „nichts darstellt“, ist er unwichtig. Das wiederum führt dazu, dass viele – gemäß ihren Möglichkeiten – danach streben, „etwas darzustellen“. Angefangen von teuren Autos, die das Ego aufwerten bis hin zu glänzenden Karrieren im privaten oder öffentlichen Bereich.

zu 3)

Uns hat es allen gut zu gehen. Das ist die Norm. Dass es längst nicht allen gut geht und sehr viele sogar ziemlich große Probleme mit dem Leben haben, wird schlicht und einfach negiert. Ein Ideal, das es kaum bis gar nicht gibt, wird trotzdem zur Norm erhoben und jeder versucht, so gut es geht, diesem zu entsprechen. Das hat die paradoxe Wirkung, dass es jedem, für den es unerreichbar ist, noch ein bisschen schlechter geht. Weil er offenbar nicht mithalten kann. Ich rede dabei gar nicht von Menschen, die offensichtlich diesem Ideal nicht entsprechen, sondern auch und vor allem von jenen, die von außen besehen durchaus diesem Ideal entsprechen, aber in Wirklichkeit weit davon entfernt sind. Je mehr wir uns gegenseitig über unsere wahre Befindlichkeit belügen, umso mehr beeinflussen wir andere darin, dasselbe zu tun. Denn Scheitern kratzt arg am Idealbild und wenn so viele damit scheinbar keine Probleme haben, würde Aufrichtigkeit bedeuten, sich in der Hierarchie unter sie zu begeben. Was wiederum negative (im besten Fall mitleidige) Reaktionen nach sich ziehen würde.

Auch wenn ich glaube, dass die Gleichberechtigung von Frauen eine absolut wichtige Sache ist, meine ich, dass wir uns darin viel zu viel vormachen. Denn archetypisch dem Weiblichen zugeordnete Werte haben in unserer Gesellschaft (wie in allen anderen übrigens auch) bis heute keinen hohen Stellenwert. Die Gleichberechtigung von Frauen hat sich in erster Linie darüber definiert, wie „gut“ wir auch in klassisch männlichen Bereichen sein können. Das ist natürlich wichtig, sollte im Grunde längst selbstverständlich sein. Aber die Welt ist dennoch von männlichen Werten bestimmt und auf sie ausgerichtet.

Wer alleine ist, ist selber daran schuld, wer erfolglos im Sinne von Status ist, ist eben rangmäßig unten und wer noch dazu alt und zunehmend hilflos wird, soll froh sein, dass er in einer der Anstalten, die dafür geschaffen wurden, von irgendwelchen fremden Menschen lebenserhaltend versorgt wird.

Und in dieser Gesellschaft werden Menschen, die einsam leben, verurteilt und müssen sich anhören, dass sie selber daran schuld sind. Wären sie doch nur positiver eingestellt und sich viel öfter vor dem Spiegel vorsagen „Ich liebe mich, ich schaffe das, …“. Ganz ehrlich gesagt – kann man diesem Schwachsinn noch weitere Worte zufügen? Ich glaube  kaum.

Advertisements

Responses

  1. Hallo Eva,
    ich verneige mich vor Dir für diesen grandiosen Artikel. Wie sehr Du mir doch aus der Seele sprichst. Ich bin so unheimlich dankbar, diese Zeilen „gefunden“ zu haben und natürlich den Menschen dahinter, der in der Lage ist, die Gabe besitzt, solch komplexe Lebensthemen in der Art und Weise in Worte zu fassen. Deine Zeilen berühren mich gerade so sehr, dass ich heule wie ein Schlosshund und für den Moment auch aufhören musste, zu schreiben, da ich die Tastatur nicht mehr gesehen habe, aber ich halte meine Tränen auch nicht zurück, da diese mich gleichzeitig auch unheimlich „entlasten“.
    Danke, danke und nochmals DANKE für diese Seite. Schön, dass es Dich gibt – fühle Dich liebevoll umarmt.
    Muss mich jetzt leider erst einmal verabschieden.
    Bis bald und herzliche Grüße von
    Angel


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: