Verfasst von: Eva | 10/02/2016

Gefühle und Verstand

Die Einstellung zu Gefühlen ist in unserer Gesellschaft zwiespältig. Einerseits ist ihr Wert ziemlich gering, andererseits wird ständig propagiert, jeder müsse ständig gut drauf sein (was ja viel mit Gefühlen zu tun hat).

Wir setzen vielmehr auf den Verstand, der praktisch mit Vernunft gleich gesetzt wird, obwohl das gar nicht der Fall ist. Der Verstand ist ein hochentwickeltes Werkzeug des Menschen zur (besseren) Lebensbewältigung und damit ein riesiger Wettbewerbsvorteil Tieren gegenüber, weil kein Tier über so einen komplexen Verstand wie der Mensch verfügt.

Jedoch ist der Verstand etwas vollkommen Neutrales, eben ein Werkzeug und er füllt sich nicht aus sich selbst heraus mit Inhalten. Ein Hochstapler kann seinen Verstand zu gänzlich anderen Zwecken einsetzen wie ein Universitätsprofessor, auch wenn beide gleich intelligent sind. Mit Vernunft hat beides nichts zu tun, das ist eine gänzlich andere Kategorie. Vernunft hat viel mit dem Erkennen und der klugen Einschätzung der Realität zu tun, lässt sich aber moralisch weder im positiven noch im negativen Sinn festmachen. Sowohl Hochstapler als auch Universitätsprofessor können vernünftig agieren.

In der Gesellschaft hält sich jedoch hartnäckig die Ansicht, dass der Verstand etwas ist, das „über“ den Gefühlen steht. Wie oft wird dem einen die Eigenschaft „rational“ und dem anderen „irrational“ zugeschrieben. Ich denke jedoch, dabei werden Äpfel mit Birnen verglichen. Die Funktionsweise von Gefühlen ist anders als die des Verstands – ebenso besteht ein Unterschied darin, wozu beides gut ist. Gemeinsam ist ihnen jedoch – wie allem, das sich evolutionär entwickelt hat – dass sie dem Leben dienen und gleichermaßen zum Menschen gehören.

Die extreme Ausrichtung auf die Wichtigkeit des Verstands und die Vernachlässigung von Gefühlen hat aber für uns alle einen hohen Preis. Wir werden von klein auf in die Richtung sozialisiert, dem Denken gegenüber dem Fühlen den Vorzug zu geben. So wie wir bei uns selbst unangenehme Gefühle nicht mögen, mögen wir sie auch nicht bei unseren Kindern. Ein weinendes Baby versuchen wir mit Grimassen und Spielzeug „abzulenken“, um das Weinen zu stoppen. Schreit es zu viel und hat das keine nachvollziehbaren körperlichen Ursachen, werden wir ungehalten.

In den seltensten Fällen versuchen wir, das Kind nicht zu beeinflussen, nehmen es einfach nur in den Arm und begleiten es damit in seinem Schmerz, schenken ihm Geborgenheit und Nähe, um ihm beizustehen. Der stärkste Impuls ist: die Gefühle müssen aufhören. Und das betrifft alle Gefühle, welche kleine Kinder noch uneingeschränkter als Erwachsene ausleben: Wut, Trauer, Mitgefühl, sogar Freude.

Damit erziehen wir sie dazu, wozu wir erzogen wurden: Gefühle als etwas anzusehen, das in der Gesellschaft nur in geringem Ausmaß erwünscht ist. In letzter Konsequenz führt das zu ihrer Verdrängung. Die völlig falsche Annahme, die dahinter steht, lautet: Wenn Gefühle zurück gedrängt werden, lösen sie sich auf, sind sie praktisch weg. Doch das stimmt ganz und gar nicht. Gefühle „sind“, sie existieren und gehören zum menschlichen Wesen, ob wir das wollen oder nicht. Wer in ein System derart eingreift, indem er einem Teil dieses Systems das Recht abspricht, zu existieren (oder damit unnatürlich umzugehen), wird unweigerlich das gesamte System beschädigen.

Je mehr unterdrückte Gefühle in uns sind, umso stärker wirken sie sich auf unser Denken aus. Wir sind unfähig, frei und klar zu denken, weil Gefühle die Denkrichtung vorgeben. Damit sind wir praktisch gefühlsgesteuert, auch wenn es uns nicht bewusst ist. Nun ist der menschliche Verstand aber so schlau, dass er für seine Denkrichtungen „rationale“ Ursachen erfindet. Würde er das nicht tun, hätte er keine Erklärung und das ist etwas, das dem verstandesbetonten Menschen zutiefst unangenehm ist.
Ohne Erklärung hängen wir geradezu in der Luft und können uns nicht orientieren, verlieren die (vermeintliche) Kontrolle über die Situation. Somit sind falsche Erklärungen immer noch angenehmer als gar keine.

Jeder kennt die Situationen: Sind wir gut gelaunt, sehen wir die Welt positiv, sind wir schlecht gelaunt, negativ. Wir können uns das in der entsprechenden Situation immer auch sehr gut belegen. Positiv: es ist doch alles nicht so schlimm, es gibt so viel Positives. Negativ: es ist alles furchtbar, man braucht sich nur umzusehen, es gibt so viel Negatives.

In beiden Fällen spielt eine Menge verdrängtes Material mit, das aufgrund bestimmter Auslöser in der Gegenwart angesprochen wird. Jeder weiß, dass erfreuliche Erlebnisse uns nahezu in Euphorie versetzen und unerfreuliche uns niederdrücken können. Das ist zwar alles natürlich und normal, allerdings fällt die Euphorie oder Niedergedrücktheit umso extremer aus, je mehr sie Gefühle berührt, die wir verdrängt haben. Ein Mensch, der sich aufgrund seiner ungünstigen Sozialisation innerlich wertlos fühlt, wird auf Erfolg und Anerkennung mehr Wert legen als einer, der dieses Problem nicht hat. Umgekehrt wird ein Mensch, der viel Trauer oder Wut verdrängt hat, auf einen frustrierenden Auslöser in der Gegenwart weit dramatischer reagieren als einer, bei dem das nicht der Fall ist.

Kurz gesagt: Verdrängung lässt uns nicht angemessen auf die Gegenwart reagieren, weil zugleich innerlich etwas berührt wird, das uns sehr stark beeinflusst. Die Gründe dafür liegen ins uns, in unserer Geschichte, in dem, was wir erlebt haben und von dem wir fälschlicherweise glauben, weil es lange her ist, hätte es keine Bedeutung mehr. Das Gegenteil ist aber der Fall, denn alles Unverarbeitete existiert weiter, ganz egal, ob es uns bewusst ist oder nicht. Die Seele hat keinen Zeitbegriff.

Obwohl wir so gerne von uns behaupten, vernunftbegabte Wesen zu sein und uns selbstverständlich davon leiten lassen, ist das nichts als eine einzige Illusion. Auf Menschen trifft es nicht zu, auch nur halbwegs unbeeinflusst von inneren Befindlichkeiten zu denken.

Auch viele hochintelligente Köpfe gehen davon aus, dass die Lösung allen Übels auf der Welt nur vom Verstand abhängt. Was dabei heraus kommt, sieht man ja an allen Ecken und Enden, sodass die Hoffnung sehr gering ist, diese Strategie könnte aufgehen.

Unrecht haben sie dennoch nicht, denn der Mensch muss und kann nur das einsetzen, was er hat und sein schärfstes Werkzeug ist tatsächlich der Verstand. Aber mit dem Denken alleine wird es nicht gehen. Solange es von unbewussten Gefühlen gesteuert ist, wird die Richtung immer vorgegeben sein. Er muss seinen Verstand auch dazu einsetzen – viel mehr als das bisher üblich ist – sich selbst zu verstehen. Das würde wirklich Sinn machen. Ob es je dazu kommt, sei dahin gestellt, die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Wenn nur halb so viel Energie in diesen Bereich gesteckt würde wie in die Weiterentwicklung der Technik, wäre schon viel gewonnen.

Was kann man aber konkret jetzt tun, um die Macht dieser unbewussten Gefühlen aufzuheben? Sie weiter zu unterdrücken, ja sogar zu negieren, kann nicht die Lösung sein, weil damit der alte Mechanismus aufrecht erhalten wird. Die beste Lösung wäre natürlich, überhaupt anders mit Gefühlen umzugehen und ihnen den Raum zu geben, der ihnen zusteht. Das ist aber gesellschaftlich gesehen nur ein frommer Wunsch, der sich – wenn überhaupt – erst nach langer Zeit langsam durchsetzen könnte, weil es ein komplettes Umdenken bedingen würde.

Es gibt dennoch für den Einzelnen einen Weg, sich Schritt für Schritt von auch sehr tiefliegenden, frühen Gefühlen zu befreien. So banal es klingt, so ungewohnt es für die meisten Menschen auch ist: wir müssen sie einfach fühlen.

Gefühle zu fühlen, bedeutet, sie zuzulassen – und sonst nichts. Die Betonung liegt dabei auf „sonst nichts“. Denn wir haben es alle verlernt, zu fühlen ohne zu denken. Ich weiß nicht, wie es Neurowissenschaftler definieren würden – vermutlich, dass der Ort der Gefühle im Gehirn ein anderer ist als jener des Denkens. Die praktische Auswirkung davon ist jedenfalls, dass Gefühle „reine Gefühle“ nur dann sind, wenn sie nicht ans Denken gekoppelt werden. Sollen sie ungehindert fließen, darf nicht das Denken dazu geschaltet werden. Denn einerseits ist dieses Denken ja von den Gefühlen beeinflusst und führt damit wieder in den oben beschriebenen Teufelskreis, andererseits nimmt es den Gefühlen den Raum weg, den sie brauchen.

Praktisch gesehen, ergäbe daraus folgende Situation:

  • Ich fühle mich niedergeschlagen (aufgrund einer mir bewussten Ursache oder auch nicht)
  • Ich fange NICHT an zu grübeln und interpretiere 1000fach den Auslöser als absolute Ursache, sondern
  • setze/lege mich in Ruhe hin und gehe ins Fühlen –
  • und zwar ohne zu denken.

Es ist zugleich unheimlich einfach und zugleich schwierig: Weil wir so sehr daran gewöhnt sind, immer zu denken, immer zu interpretieren und zu urteilen, braucht es Übung, bis wir dahin kommen, ohne Denken fühlen zu können. Mir haben dabei anfangs vor allem zwei „Tricks“ geholfen – der eine war, dass ich mir die Gedanken, die aufgekommen sind, auf einem weißen Zettel vorgestellt habe, den ich zusammengeknüllt und weg geworfen habe – der andere war, mich auf ein einziges Wort zu konzentrieren, um andere Gedanken damit zu verscheuchen. Das kann „ruhig“ oder „Ruhe“ sein oder „Ja“ usw. Ganz egal, welches Wort man nimmt, es sollte nur eines sein, mit dem man Offenheit und Widerstandslosigkeit verbindet.

Es funktioniert allerdings mit unterdrückter Wut ein bisschen anders: hier sollte man dem Drang nachgeben, zu zetern, zu schreien, ein Kissen zu werfen, aufzustampfen, 5 km zu laufen – was auch immer hilft. Denn Wut lässt sich nicht ruhig fühlen, sondern verlangt nach (körperlicher) Abreaktion, um sich entladen zu können. Reine Wut richtet sich jedoch nicht gegen etwas oder jemand, sondern sie ist einfach Wut, die man spürt. Auch hier sollte jedes Denken vermieden werden.

Das Fühlen kann sehr unangenehm oder schmerzhaft sein, der Körper kann zu kribbeln beginnen, die Atmung kann sich beschleunigen etc.. Allerdings stellt sich – soferne man das wirklich ohne Gedanken zulassen kann – im Nachhinein eine tiefgehendes Gefühl von Befreiung ein und zugleich steigt der Energiepegel. Danach ist das Denken wieder frei und klar. Und bringt zwar nicht immer – aber oft – neue Erkenntnisse mit sich. Sie stellen sich von ganz alleine ein, ohne dass man nach ihnen gesucht hat.

Dass man sich bei dieser Art des Umgangs mit Gefühlen aber nicht eine Sache von Minuten vorstellen soll, liegt auf der Hand. Es kann bei kleinen Beeinträchtigungen nur Minuten dauern, in aller Regel braucht es jedoch länger. Im Extremfall etliche Tage bis Wochen. Natürlich ist nicht gemeint, dass man tagelang 24 Stunden lang nur Gefühle zulässt, aber man sollte sich eben immer wieder die Zeit dafür nehmen, solange die Gefühle da sind. Und zwar genauso lange, bis man spürt (man spürt das sehr deutlich), da kommt nun nichts mehr nach, weil sich das Gefühl aufgelöst hat (weil es ausgelebt wurde). Es kann auch sein, dass man meint, man sei damit durch, aber nach einiger Zeit geht es doch noch weiter. Dann ist es eben so, denn am hinderlichsten ist Erfolgsdruck. Es sollte ein reines Zulassen sein, weder ein Wollen noch ein Drängen – absichtslos, erwartungslos. Auch kann es durchaus sein, dass wieder andere verdrängte Gefühle nachdrängen – es bedeutet nicht, dass man auf der Stelle tritt.

Wir vernachlässigen es zutiefst in unseren Gesellschaften, unseren Gefühlen Raum zu geben. Die Menschen übergehen sie, nehmen sich keine Zeit dafür und laufen dann wie tickende Zeitbomben herum. Doch wenn wir stundenlang vor dem Fernseher oder PC sitzen, haben wir dafür sehr wohl die Zeit. Es liegt daher nicht an der Zeit, sondern vielmehr daran, dass uns das niemand nahe gebracht hat.

Ich kann durchaus die Parallelen zu Meditation und innerer Achtsamkeit sehen. Vielleicht – oder sogar wahrscheinlich – ist es ein sehr ähnlicher Mechanismus, der hier wirkt. Nur braucht man keine Ideologie dazu, auch kein spirituelles Konzept (das schränkt ja wieder ein), weil es ohne all das genau so funktioniert. Es geht um die Trennung von Fühlen und Denken. Darauf kommt es an, wenn Gefühle ungehindert fließen sollen. Gefühle brauchen keine Gedanken, sie fließen am besten ganz von alleine ohne jede Beeinflussung.

Der Vergleich mit einer besonderen Energieform, die sie darstellen, ist sicher nicht verkehrt. Wenn wir diese Energie nicht zurückhalten und blockieren, kann sie sich „entladen“. Und wenn sie entladen ist, steckt sie nicht mehr in uns fest. Entsprechend ihrem Wesen lassen uns Gefühle natürlich viel spüren, während sie fließen. Das kann von Euphorie bis zu großen Schmerzen gehen. Doch so seltsam das auch klingen mag: selbst schmerzhafte Gefühle sind nicht in dem Sinn unangenehm, wie wir das von ihnen kennen, wenn wir dazu die schwärzesten Gedanken, (Selbst)Vorwürfe usw. parallel aufkommen lassen. Man kann es auf körperlicher Ebene ein bisschen mit Wehen vergleichen. Sie sind alles andere als angenehm und oft äußerst schmerzhaft, aber weil wir wissen, dass sie zu einer Geburt gehören, lassen wir sie zu, gehen mit. Würden wir sie blockieren, aufzuhalten zu versuchen, wären die Folgen katastrophal.

Zuletzt möchte ich noch einen Vergleich nennen, der vielleicht ein bisschen besser zum Verständnis beitragen könnte. Die Transaktionsanalyse hat ja ein Modell der Psyche des Menschen, das sie in Kindheits-Ich, Erwachsenen-Ich und Eltern-Ich einteilt.

Wenn wir Gefühle als dem Kindheits-Ich zugehörig sehen, wird schnell klar, dass die Gedanken dem Eltern-Ich entspringen. Es handelt sich also nicht um das klare und freie Denken des Erwachsenen. Das Eltern-Ich steht nicht nur für die Menschen, die unsere Eltern oder Bezugspersonen waren, sondern auch für unsere Kultur und Gesellschaft. Es beinhaltet alle Reaktionen der Umwelt auf uns in unserer Kindheit, die unsere Glaubenssätze formten und die Basis unserer heutigen Befindlichkeit sind.

Sobald wir nun von unangenehmen Gefühlen gesteuert werden, lassen wir die Vergangenheit wieder aufleben, indem wir nicht nur die alten Gefühle, sondern noch dazu die alten negativen Reaktionen darauf reaktivieren. Diese Reaktionen haben die „schlechten“ Gefühle aber ehemals erzeugt und wenn wir sie wieder und wieder abspulen, bleiben wir in derselben Schleife gefangen. Es müssen nicht dieselben Worte oder Handlungen sein, die uns damals zu schaffen gemacht haben – es geht vor allem darum, dass wir negativ denken. Denn das wiederholen wir. Würden wir uns jedoch in der Gegenwart so verhalten, wie es schon damals unsere Bezugspersonen tun hätten sollen – indem wir uns selber in unseren Gefühlen annehmen und begleiten, ohne sie uns auszureden oder sie stoppen zu wollen – können wir tatsächlich nachholen, was uns gefehlt hat und den „inneren Stau“ endlich auflösen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: