Verfasst von: Eva | 10/05/2017

Wie bin ich – und warum? (Teil 1)

Ich möchte hiermit eine Art Fortsetzungs-Reihe beginnen. Mir liegt ein Thema schon lange auf dem Herzen – man könnte es grob zusammengefasst „Prägung“ nennen. Deren Auswirkung auf unser gesamtes Leben ist kolossal. Sie betrifft unser Selbstbild, unser Verhalten, unsere Entscheidungen und insbesondere unserer Probleme mit uns selbst. Erwachsen zu sein und eigenverantwortlich zu handeln bedeutet nicht, unsere Vergangenheit hinter uns zu lassen, weil wir glauben, sie hätte heute keinen Einfluss mehr auf uns, sondern vielmehr zu verstehen, wie sie auf uns weiter einwirkt. Das ist der allererste Schritt, sich von manch unseligen Nachwirkungen zu befreien.

Einleitung

Der Themenmix auf meinem Blog ist bisher aus einzelnen Themen entstanden, mit denen ich mich intensiv befasst habe, da ich selbst davon betroffen bin/war. Ich habe den Drang, Dinge, die mich persönlich (oder Menschen, mit denen ich in Beziehung stehe) betreffen, die ich aber nicht verstehen kann, zu ergründen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Hätte ich damals meinen Beruf frei wählen können, wäre ich vermutlich Psychoanalytikerin geworden. Allerdings war das in meinem Umfeld in etwa so realistisch, als hätte ich den Wunsch gehabt, Astronautin zu werden, weshalb ich wohl oder übel einen ganz anderen beruflichen Weg eingeschlagen habe. Ich konnte nicht frei entscheiden, weil ich diese Freiheit nie hatte. Man könnte auch sagen: Sie wurde mir nie gewährt.

Was ich dennoch nie aufgegeben habe, ist die Beschäftigung mit psychologischen Themen. Das war nur zum Teil eine intellektuelle Sache, denn enorm wichtig war und ist mir die Praxis, d.h. die Anwendbarkeit und der Nutzen für die eigene Entwicklung. Letztlich die praktische Umsetzung für ein besseres Leben.

Schon früh war mir bewusst – anfangs war es mehr Spüren als Wissen – dass in meiner Familie/meinem Umfeld einiges sehr schlecht gelaufen ist. Ich bin ein Kind der sogenannten „schwarzen Pädagogik“. Diese definiert sich über Erziehungsmethoden, die Gewalt, Bestrafung und Einschüchterung gutheißen. Einerseits war es „Normalität“, da ich ja nichts anderes kannte, andererseits gab es eine Menge Probleme in dieser sog. Normalität, die nicht zu übersehen waren.

Es soll nun aber nicht der Eindruck entstehen, dass alleine diese Erziehungsmethode viel Unheil anrichten kann – es gibt auch andere Erziehungsstile, die das tun. Aber darauf möchte ich erst in späteren Artikeln eingehen.

Fühlen oder Denken?

Man kann sich vieles ein-, aus- oder schönreden, aber man kann sich nichts „schönfühlen“. Und da ich ein ausgeprägter Gefühls- und Spürmensch bin, war mir der Weg, Dinge einfach umzudeuten, zu banalisieren oder wegzuschieben, versperrt. Jedenfalls hat es nie lange angehalten.

Da es in mir diese große Diskrepanz zwischen Spüren und Verstehen gab, sich so vieles unstimmig anfühlte, obwohl in meinem Umfeld betont wurde, ich würde mir etliche Probleme nur „einbilden“, zweifelte ich lange Zeit an meiner Wahrnehmung und versuchte, mich anzupassen. Das gelang mir aber nie, weil ich weder meine Wahrnehmung noch meine Gefühle unterdrücken konnte. Der Druck von außen brachte mich in eine Zwickmühle, der sich im Kern darauf reduzieren ließ: Glaube ich mir oder glaube ich den anderen? Keine einfache Sache, da ich nicht gelernt hatte, mir zu glauben.

Als Kind, Jugendlicher oder junger Erwachsener ist es so gut wie unmöglich, sich selbst zu glauben, wenn man einer Wand von Andersgesinnten gegenüber steht. Da uns sowohl das Selbstbild als auch das Selbstwertgefühl von unseren Bezugspersonen vermittelt wird, wir vom Anfang unseres Lebens an vollkommen abhängig von ihnen sind, übernehmen wir so gut wie alles von ihnen. Wir denken wie sie, wir verhalten uns wie sie  (oder wie sie es von uns verlangen), wir sehen sozusagen mit ihren Augen und hören mit ihren Ohren, übernehmen ihre Werte und Verhaltensweisen. Ganz einfach deshalb, weil wir von ihnen zu leben lernen.

Dies ist von der Natur so vorgesehen, darin sind wir allen höheren Säugetieren gleich. Aber auch wenn wir selbst im Grund nichts anderes sind als höchstentwickelte Säugetiere, sind wir doch anders, weil wir Fähigkeiten haben, die kein Tier besitzt. Dazu zählt ein im Vergleich zu Tieren höchst ausgeprägter Verstand (das intellektuelle Denken) und eine äußerst differenzierte Form der Kommunikation – das Vermitteln von Inhalten in Form von Sprache. Unser Leben ist insgesamt um vieles komplizierter als das von Tieren, da uns nicht nur unsere Instinkte leiten, sondern es kommt eine abstrakte Gedankenwelt hinzu, welche letztlich für uns genauso real sein kann wie die uns umgebende Realität selbst. Wir können uns damit gedanklich vollkommen „verrennen“, ohne es zu merken. Aber wir können auch eine weitere Fähigkeit, die uns von Tieren unterscheidet, einsetzen: die (Selbst)Reflexion.

Obwohl wir weiterhin körpersprachlich agieren und Gefühle ein wichtiger Bestandteil unseres Wesens sind,  liegt der Fokus der Menschen hauptsächlich auf dem Intellekt. Gefühle galten lange als nicht edle Regungen – dazu passt das weltbekannte Zitat des französischen Philosophen, Mathematikers und Naturwissenschaftlers René Descartes im 17. Jahrhundert „COGITO ERGO SUM“ („Ich denke, als bin ich“). Aber auch schon der antike griechische Philosoph Platon hielt Emotionen für eine Art Krankheit. Auch wenn die wissenschaftliche Psychologie und die Neurowissenschaften das mittlerweile ganz anders sehen, ist doch die Huldigung des Intellekts bis heute ungebrochen. Der Verstand gilt als weit hochstehender als Gefühle, mit ihm können wir klare, logische Entscheidungen treffen, er macht uns zu „vernünftigen“ Wesen.

Ist das wirklich so? Es ist geradezu paradox, dass nun gerade durch die Wissenschaft erkannt wird, dass der Verstand nur die Spitze des Eisbergs ist. Bahnbrechende Erkenntnisse dazu lieferte in erster Linie Sigmund Freud. Freuds Lehre sollte man allerdings nicht verabsolutieren und 1:1 auslegen, da sie – wie alle Lehren – ein Kind der Zeit war, in der er lebte. Doch grundlegend hat Freud etwas erkannt, das bis dahin kaum Aufmerksamkeit erhielt: das Unbewusste und wie es uns steuert. Dazu die grafische Darstellung des sog. „Eisbergmodells“:

 

 

 

 

 

 

 

 

Doch – trotz Freuds Erkenntnissen und den Ergebnissen der Neurowissenschaften, welche in die gleiche Richtung gehen (Prozesse im Gehirn werden von unbewusst tätigen Neuronennetzen gesteuert) – scheint das im Selbstverständnis der Menschen noch nicht angekommen zu sein. Es gilt weiterhin die Sichtweise: der Verstand ist rational, alles andere irrational.

Die Rolle, die damit dem reinen Verstand zugeschrieben wird, ist allerdings eine große Illusion. Denn der Einfluss unbewusster Inhalte bewirkt, was wir denken, wie wir ausgerichtet sind, welche Werte wir vertreten und welche Ideale wir haben. Letztlich sind wir weit mehr vom Unbewussten gesteuert, als wir glauben. Um diese Tatsache auszublenden, werden wir ziemlich kreativ darin, Argumente zu erfinden, um unsere Haltung „logisch“ zu untermauern. So narren wir uns gedanklich selbst. Es gibt etliche Studien darüber, die belegen, dass sich der Mensch alles erklären möchte. Ungewissheit bedeutet Unsicherheit und daher ziehen wir es vor, lieber in Sicherheit zu leben. Auch wenn die Erklärungen völlig falsch sind, ist es beruhigender, in Scheinwelten zu leben, die uns schlüssig erscheinen, als zu akzeptieren, dass wir die Zusammenhänge gar nicht kennen.

Wir schließen uns Ideologien nicht nur an, weil wir sie für vernünftig und sinnvoll halten, sondern weil sie unseren unbewussten Motiven und Bedürfnissen entgegenkommen. Wobei die Übernahme von Ideologien selbst schon ein Bedürfnis signalisiert: Sicherheit in einem vorgefertigten Weltbild zu finden, an dem wir uns orientieren können. Da wir soziale Wesen sind, fällt es schwer, Orientierung in uns selbst zu finden. Es würde bedeuten, aus dem allgemeinen Konsens (in welcher Gruppe auch immer) auszuscheren. Wer aber nicht zu einer gewissen inneren Unabhängigkeit (wozu auch ein stabiles Selbstwertgefühl gehört) gefunden hat, schafft das nicht. Er kann bestenfalls zu einer anderen Gruppe (einem anderen Weltbild) wechseln, um das Spiel unter anderen Vorzeichen weiterzuführen.

Fortsetzung folgt

 

 

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