Verfasst von: Eva | 24/09/2015

Wut

zornEin spannendes Thema, aber eins, das einem auch die Haare zu Berge stehen lassen kann. Wut ist ein elementares Gefühl, das zum Menschen gehört und evolutionstechnisch auch seinen Sinn hat. Niemand ist frei davon, der Umgang damit variiert jedoch beträchtlich von Mensch zu Mensch.

An sich halte ich die gesündeste Form, mit Wut umzugehen, sie zuzulassen. Alles Unterdrückte hat die Tendenz, uns von innen her zu vergiften, da es ja nicht weg ist, sondern im Untergrund schwelt. Ich halte es für ein abartiges Ideal, „wutlos“ zu leben. Man braucht sich nur kleine Kinder anzusehen, um zu verstehen, wie sehr dieses Gefühl zu uns gehört und welche starke Energie da am Werk ist.

Wut ist ein Gefühl, genau so wie Freude oder Trauer und an sich wertneutral. Die Bewertung trifft der Mensch, indem er Gefühle in „gut“ und „schlecht“ einteilt. Kaum jemand wird es negativ sehen, wenn man einem Menschen spontan aus Freude um den Hals fällt, aber wenn man aus dem Gefühl der Wut heraus aggressve Handlungen gegen jemanden setzt, sieht das schon anders aus.

Allerdings darf man Wut und Aggression nicht gleich setzen. Wut ist ein Gefühl, Aggression ist gegen etwas/jemand gerichteter Ausdruck von Wut. Und nicht unbedingt der beste Umgang damit!

Trotzdem kann natürlich Wut aus dem Verhalten oder den Handlungen eines anderen resultieren. Das passiert immer dann, wenn dieser Mensch etwas tut, das für uns unangenehm ist. Sei es eine Beleidigung, eine Ungerechtigkeit, Betrug – oder ein Angriff (verbal oder körperlich). Doch gilt es auch hier zu unterscheiden, ob die Beweggründe dieser Person tatsächlich gegen uns gerichtet sind oder ob es ganz andere Gründe dafür gibt, welche wir falsch interpretieren.

Ein Arzt, der mir eine Spritze gibt und mir damit Schmerzen verursacht, greift mich damit natürlich nicht an. Weil wir das wissen, entsteht auch keine Wut auf ihn (außer vielleicht bei Kindern oder Tieren, die das nicht verstehen können). Es gibt aber auch viele Fälle, wo die Beweggründe des Gegenübers nicht hinterfragt werden und von vorneherein angenommen wird, er würde uns „absichtlich“ – und ganz besonders schlimm – „grundlos“ angreifen. Dies ruft meist besonders große Empörung hervor.

Es gibt in Familien oft die Aussage von Eltern gegenüber ihren Kindern, die sich nicht so verhalten, wie gewünscht: „Warum tust du mir das an?“. Das ist ein klassisches Beispiel von falsch verstandenen Beweggründen. Die allermeisten Kinder tun ihren Eltern nichts an, wenn sie sich nicht wie gewünscht verhalten (es sei denn, sie wollen provozieren – aber auch das hat meist gute Gründe), sondern verhalten sich einfach authentisch. Der Vorwurf ist also komplett unberechtigt. Er zeugt zudem von einer ziemlich egozentrischen Sichtweise der Eltern.

Natürlich kann das Verhalten des Kindes trotzdem Wut in den Eltern hervorrufen. Sie haben vielleicht genug Stress und wenn neuer hinzu kommt, fühlen sie sich überfordert und ärgerlich. Trotzdem hat das Kind keine Schuld daran. In diesem Fall müsste der Erwachsene sich selbst hinterfragen, sich seine Wut eingestehen, aber zugleich erkennen, dass er dem Kind nicht die Schuld dafür geben kann.

Seine Wut löst sich damit wahrscheinlich nicht gleich auf, aber er richtet sie nicht gegen denjenigen, dem er Absicht oder sogar Boshaftigkeit unterstellt. Selbstverständlich ist das nicht einfach, denn Wut hat nun mal die Eigenschaft, ein hitziges Gefühl zu sein und drängt zu Aktion und Angriff. Das ist ja auch ihr evolutionärer Hintergrund. Wer aber nie gelernt hat, auf unschädliche Weise mit ihr umzugehen, tappt immer in dieselbe Falle. Er muss sich damit auseinander setzen und „nachlernen“, was er nie gelernt hat.

Nun gibt es grundlegend zwei unterschiedliche Gruppen im „falschen“ Umgang mit Wut: die einen richten ihre Aggressionen unreflektiert sofort auf andere (auch auf andere, die ursächlich damit überhaupt nichts zu tun haben – sie suchen sozusagen Sündenböcke bzw. Blitzableiter), während die anderen aus verschiedenen Gründen ihre Wut überhaupt nicht zulassen wollen oder können und sich selbst und anderen vorspielen, sie wären gar nicht wütend. Natürlich löst sich auch damit die Wut nicht auf, die Wahrscheinlichkeit dazu ist sogar noch geringer als bei der anderen Gruppe.

In der wissenschaftlichen Psychologie spricht man von der „passiv-aggressiven Persönlichkeitsstörung“, wenn Menschen ihre Wut nur indirekt ausdrücken (können).

Dafür gibt es eine Menge Ursachen:

  • In unserer doch recht oberflächlichen, fassadenhaften Gesellschaft gibt es wenig Raum für Wut.
  • Besonders in religiös-spirituellen Kreisen wird das Ideal von Gelassenheit, Nachsicht und „Über-den-Dingen-stehen“ kultiviert. Wut wird als etwas „Niedriges“ angesehen, worüber man erhaben sein muss.
  • Viele hängen der Überzeugung an, Frauen dürften nicht wütend sein, weil das „unweiblich“ sei und nur Privileg von Männern.
  • Es gibt aber auch – wie bei allen Überzeugungen, die wir unreflektiert von klein auf bis ins hohe Erwachsenenalter mitnehmen – die Erfahrungen, die wir als Kinder mit Wut gemacht haben. Erlebten wir den ungehemmten Ausdruck von Aggressionen, hat das Angst in uns erzeugt und wir setzen Wut mit Aggression gleich, bewerten beides daher so negativ, dass wir es weit von uns weisen. Erlebten wir nie oder kaum jemals den freien Ausdruck von Wut und nur ihre indirekten Formen, übernehmen wir dieses Tabu und wir meiden sie ebenfalls.

Mit keiner dieser beiden Erfahrungen haben wir jemals gelernt, dass Wut nichts Schreckliches, sondern etwas Natürliches ist, dem wir auch Platz geben müssen. Gefühle haben die Eigenschaft, nicht statisch zu sein, sondern zu fließen. Behindern wir ihren Fluss, halten wir sie in uns fest. Dies bindet wiederum sehr viel Energie, weil wir damit das Lebendige in uns zurück halten. Nicht umsonst heißt es, Depressionen hätten oft viel mit unterdrückter Wut zu tun. Da Wut ein Ausdruck von Lebendigkeit ist, führt deren Unterdrückung zu einem generellen Mangel an Lebendigkeit. Man kann nicht selektieren, wo man lebendig sein möchte und wo nicht: man ist es oder man ist es nicht.

Aber nicht jeder kann seine Wut so umfassend unterdrücken. Viele wählen (meist nicht bewusst) den Weg der indirekten Aggression. Das bedeutet, dass sie zwar insgeheim anderen Vorwürfe machen, diese aber nicht artikulieren bzw. vielleicht sogar selber nicht klar erkennen, Was zurück bleibt ist ein diffuses Gefühl von Ärger und Gereiztheit. So sammelt sich viel Negativität an und diese bricht sich in Nörgeleien, spitzen Bemerkungen oder diversen anderen Verhaltensweisen Bahn, die das Gegenüber nie richtig zu fassen bekommt, obwohl er sie natürlich spürt.

Da Gefühle ansteckend sein können, überträgt sich mit der Zeit diese verhalten-aggressive Stimmung auch auf den anderen. Unterdrückt er diese nun ebenfalls kommt es irgendwann unweigerlich zur Explosion – oder zum kompletten Rückzug.

Es ist sehr schwierig, mit passiv-aggressiven Menschen umzugehen. Spricht man die unterschwelligen Aggressionen offen an, werden sie verleugnet. Spricht man sie nicht an, staut man Ärger an und der Ausbruch ist vorprogrammiert. In beiden Fällen steht man schlecht da. Der andere streitet die Signale ab, die er aussendet, übernimmt keine Verantwortung für sein Verhalten. Damit wäscht er seine Hände in Unschuld und weist seinem Gegenüber alle Schuld zu.

In vielen Fällen sind diese Menschen sehr weit von sich selbst entfernt, verwechseln ihre Rolle bzw. Fassade mit sich selbst. Aber es gibt auch Fälle, in denen Aggressionen bewusst subtil eingesetzt werden, um „unangreifbar“ zu bleiben, dennoch ordentlich austeilen zu können. Ich rate jedem, um solche Menschen einen großen Bogen zu machen, da eine offene Konfliktaustragung hier aussichtslos ist.

Wie geht man aber „gesund“ mit Wut um? Ich glaube, es wird niemandem in jeder Situation gelingen. Dazu müsste der Mensch perfekt sein. Jedoch ist es hilfreich, zu wissen, wie es gehen könnte.

Patentrezept gibt es natürlich keines. Menschen sind alleine schon vom Temperament her unterschiedlich. Aber generell gilt für alle: Weder verleugnen, noch unterdrücken – sondern die Wut anerkennen. Das ist der wichtigste Schritt. Wie man sie auslebt, bleibt jedem selbst überlassen. Aber ausleben muss man sie, wenn sie sich auflösen soll – und zwar ohne negative Folgen für sich selbst und andere.

Es ist unerheblich, ob jemand lautes Schreien bevorzugt (am besten im Auto oder an einem anderen Platz, wo man dafür nicht für verrückt gehalten wird), ob man Dinge gegen die Wand wirft, wilde Musik hört, mit jemand anderem über seine Wut redet, oder sich die Wut aus der Seele schreibt – jeder muss herausfinden, was ihm darin am besten hilft. Aber eines ist für alle wichtig: diese starke Energie nicht zu negieren. Sie kann im wahrsten Sinne krank machen oder sich durch destruktive Aggressionen auf andere richten (wo sie meist wie ein Bumerang durch die Reaktionen des Gegenüber  wieder zurück kommt).

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Verfasst von: Eva | 06/09/2015

Flüchtlingsthema

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Das wird vielleicht den einen oder anderen wundern, dass ich dieses Thema hier aufgreife. Aber ich finde, dass es ebenso ein Thema ist, das mit Bewusstheit und Authentizität zu tun hat.

Europa ächzt derzeit unter dem Flüchtlingsstrom, der im Gange ist. Obwohl wir aus Italien und diversen anderen Küstenländern tägliche Horrormeldungen über Hunderte von ertrunkenen Flüchtlingen gewohnt waren, hat sich durch die enormen Flüchtlingszahlen, die nach Österreich und vor allem nach Deutschland kommen, einiges geändert.

Ich möchte mich nicht mit den Hintergründen der Flüchtlingswelle beschäftigen, weil es so viele unterschiedliche Expertisen zu den Zusammenhängen gibt, dass ich mich schwer tue, sie zu verifizieren. Es ist eine Tatsache, dass Abertausende von Flüchtlingen derzeit in die EU-Länder kommen und auch weiterhin kommen werden. Davon ausgehend, dass sich die Zustände in den Herkunftsländern wie Syrien und anderen, nicht kurzfristig ändern werden, werden die meisten dieser Flüchtlinge auch für längere Zeit (oder immer) hier bleiben.

Ich begrüße die Hilfsbereitschaft, die Österreich und Deutschland zeigen – sie ist ein Gebot der Humanität. Ich hoffe auch, dass sie nicht wieder abebben wird. Ich halte es jedoch für äußerst wichtig, dass sich diese Hilfsbereitschaft nicht aus vorübergehender Sozialromantik speist, sondern dass wir uns klar machen, wie viel sich grundlegend verändern wird.

Damit meine ich nicht, dass wir alle bald am Hungertuch nagen werden, wie es eingefleischte Pessimisten gerne verkünden. Ich meine damit, dass multikulturelles Zusammenleben immer mehr zur Normalität und Selbstverständlichkeit werden muss. Die Probleme damit orte ich weit weniger direkt im Zusammenleben, sondern in den Köpfen der Menschen.

Nicht nur bei Tieren, auch beim Menschen gibt es Revierdenken – ausgerichtet auf die Sicherung seiner eigenen oder der Vorteile seiner Gruppe – die notfalls aggressiv gegen jene verteidigt wird, die sie ihm vielleicht streitig machen möchten. Ich halte es nicht für sinnvoll, sich diese Impulse nicht einzugestehen oder sie zu unterdrücken, weil sie zum evolutionären Erbe des Menschen gehören und ursprünglich dem Fortbestand seiner Art dienten.

ABER – wir sind nicht nur Tiere, sondern unterscheiden uns gerade dadurch von ihnen, dass wir reflektieren können. Unser heutiges Leben unterscheidet sich immens von dem unserer frühesten Vorfahren. Diese Fähigkeit zur Reflexion brachte im Laufe der Zeit grandiose technische bzw. medizinische Errungenschaften hervor und führte zu hochkomplexen sozialen Systemen.

Dass es die Menschheit trotzdem nicht schafft, in Frieden miteinander zu leben, dass allzu oft Gier und Hass regieren, dass sich Menschen grundlegend verhalten, als wären wir noch immer in der Steinzeit, liegt daran, dass wir in vielen Bereichen von unserem sogenannten „Reptiliengehirn“ gesteuert sind. Dem ältesten und tiefliegendsten Teil unseres Gehirns, das für unsere Instinkte und urtümlichen Reaktionen verantwortlich ist. Es hat lebenswichtige Aufgaben für körperliche Funktionen, regelt aber auch Angriffs- und Selbstverteidigungsmechanismen und ist voll und ganz auf Wettbewerb ausgerichtet.

Auf diesem Stammhirn sitzt das sog. Säugetierhirn (limbisches System), welches die Basis für Emo­tio­nen, sozia­les Ver­hal­ten und die Sorge um den Nach­wuchs bildet. Da die Anla­gen des Rep­ti­li­en­ge­hirns aber auch hier vor­han­den sind, bewegt sich die Moti­va­tion des Säu­ge­tier­ge­hirns stän­dig zwi­schen Wett­be­werb und Koope­ra­tion. Einen Teil davon bildet die Amyg­dala. Die Funk­tion der Amyg­dala gleicht einem Schal­ter, der ent­we­der „rep­ti­li­sche Reaktionen“ her­vor­ruft oder die Fron­tal­lap­pen akti­viert und somit Spaß, Freude und intui­tive Intel­li­genz – je nach­dem, wel­che Seite sti­mu­liert wird.

Unter Frontallappen sind die Stirn­lap­pen des Neocortex zu verstehen, die uns erlau­ben, kom­plexe Dinge wie Spra­che, Musik, ver­fei­nerte moto­ri­sche Fähig­kei­ten, Vor­aus­sicht und abs­trakte Ideen zu ent­wi­ckeln. Die Stirn­lap­pen den­ken 100% koope­ra­tiv.

Die Amyg­dala lässt sich mit Hilfe der Vor­stel­lungs­kraft so sti­mu­lie­ren, dass sie die Stirn­lap­pen aktiviert. Das funk­tio­niert sogar in Stress­si­tua­tio­nen, in denen unsere auto­ma­ti­sche Reak­tion in der Regel die Akti­vie­rung des Rep­ti­li­en­ge­hirns ist. Jedoch aktivieren Traumata das Stamm(Reptilien)gehirn, wodurch die Stirnlappen-Aktivierung nur temporär bleibt.

Was bedeutet das für unser Leben? Es bedeutet im Grunde, dass wir durch Bewusstheit (die wiederum ein Produkt von hoher Reflexion ist) andere Bereiche unseres Gehirns – und somit unseres Verhaltens und unseres Wesens aktivieren – als wenn wir unreflektiert unsere Altlasten mitschleppen. Es bedeutet weiterhin, wie stark unser späteres Verhalten, unsere Einstellungen und unser Verhalten davon abhängt, wie wir aufgewachsen sind.

Bewusstheit hört sich zwar sehr nach eigenem Verdienst an, aber ganz so ist es nicht. Bewusstheit entsteht auch dadurch, was wir von klein auf vermittelt bekamen. Hatten wir kooperative, einfühlsame, vorausschauende Bezugspersonen oder wurden wir mit negativen Erfahrungen bombardiert? Wobei negativ als Ausrichtung auf Wettkampf, Selbstverteidigung und Angriff zu verstehen ist. Und dabei ist es ganz egal, ob dieser Wettkampf offen oder versteckt war. Auch ein Mensch, der sich an ein Ideal von Perfektion heftet, ist auf Wettbewerb ausgerichtet.

Dass es Menschen, die darin negative Erfahrungen gemacht haben und sich auch später niemals darum bemüht haben, durch Selbstreflexion davon freizustrampeln, praktisch unmöglich ist, Kooperation über Wettbewerb zu stellen, liegt auf der Hand.

Nun rollt diese große Flüchtlingswelle auf uns zu. Zum Glück und höchst erfreulicherweise ruft sie bei vielen Menschen enorme Hilfsbereitschaft und Empathie hervor. Aber längst nicht bei allen. Es gibt eine große Anzahl von Leuten, die sich komplett heraus halten und mit gemischten Gefühlen die Medienberichte aufnehmen. Es gibt eingefleischte Pessimisten, die nur das Negative daran sehen – und es gibt leider auch die Hetzer und Aggressiven. Das fängt bei bösartigen und menschenverachtenden Kommentaren in diversen Medien an und endet bei den aktiven rechten Gruppierungen, die am liebsten alle Landesgrenzen mit Stacheldraht umzäumen möchten oder – den ganz schlimmen – die aggressiv gegen alles Fremde und damit auch Flüchtlinge vorgehen.

Ich habe vor kurzem ein Video gesehen, in dem ein älterer Mann voller Inbrunst behauptete, er wäre nur für sich selbst verantwortlich, im besten Fall noch für seine Familie, aber für sonst niemanden, schon gar nicht für die Weltpolitik oder den Weltfrieden. Das ist natürlich vollkommener Quatsch, denn Menschen sind keine Einzelgänger und leben in sozialen Verbänden. Daher kommt es auch darauf an, wie dieser Mann zu anderen steht und sich ihnen gegenüber verhält. Er scheint nicht begriffen zu haben, dass jeder einen gewissen sozialen Wirkungsbereich hat – ob er will oder nicht, ob er das akzeptiert oder nicht. Auch die Weltpolitik ist nicht vom Himmel gefallen, sondern sie wird von vielen, vielen Einzelnen getragen und ermöglicht.

Daher denke ich, man kann den derzeitigen Flüchtlingsstrom von zwei Seiten betrachten: die eine ist jene, sich permanent Sorgen darum zu machen, was nicht alles Schlimme passieren könnte, ihnen mit Missgunst und Abwehr zu begegnen. Die andere ist, zu akzeptieren, wie es ist und zu versuchen, das Allerbeste daraus zu machen.

Variante eins wird unweigerlich dazu führen, dass es wieder eine Spaltung geben wird, die von Ressentiments genährt wird und ein gutes Zusammenleben unmöglich macht.

Variante zwei würde aber dazu führen, dass sich jeder ein Stück weit dafür verantwortlich fühlt, wie gut das Zusammenleben funktioniert. Menschen spüren natürlich, wie sie aufgenommen und angesehen werden. Denn ganz egal, aus welcher Kultur jemand stammt – Menschen sind wir alle. Und niemand wird auf Ablehnung positiv reagieren.

Ich habe sehr lange gebraucht, um Narzissmus wirklich verstehen zu können. Konfrontiert war ich damit oft, aber einfühlen konnte ich mich kaum. Es war jedoch wichtig für mich, auch diese (neurotische) Verhaltensvariante verstehen zu können, um nicht zu leicht in die Falle zu tappen. Es ist nämlich kein Zufall, immer wieder schlechte Erfahrungen mit Narzissten zu machen – irgendwie muss man sich komplementär zu ihnen verhalten, um als „Opfer“ in Frage zu kommen.

Es gibt leider nicht nur den „klassischen Narzissten“, der offen egoistisch agiert. Es gibt viele verschiedene Spielarten, von denen manche gar nicht so einfach zu erkennen sind. Deshalb ist er auch für ein aufmerksame Gegenüber oft schwierig zu erkennen. Im Gegensatz zum dominant-egoistischen Narzissten gibt es zum Beispiel auch den devot-unterwürfigen.

Auch wenn Letzterer nicht auf den ersten Blick narzisstisch erscheint, teilt er sich doch mit dem klassischen Narzissten das entscheidende Merkmal aller Narzissten:

Er kann andere Menschen nicht als „DU“ wahrnehmen. Er ist übermäßig auf sein „ICH“ fixiert.

Andere sind nur insofern wichtig für ihn, als sie ihn bestätigen – oder ablehnen. Er sucht permanent Anerkennung, sein Selbstwertgefühl ist äußerst brüchig, er hat keinen stabilen inneren Wesenskern. Er will andere beeindrucken, er will nicht kritisierbar sein. Ob er das durch Demonstration von Überlegenheit oder unterwürfige Liebenswürdigkeit erreicht, ist letztlich egal. Er sucht ständig nach Bestätigung seines Werts.

Narzissten haben kein stabiles Ich-Gefühl. Es definiert sich in erster Linie über die Rückmeldung anderer. Sie müssen positives Feedback erhalten, um sich gut zu fühlen, da sie so weit entfernt von Selbstannahme sind. Und ebenso weit entfernt sind sie von ihrem ursprünglichen Selbst. Sie beziehen ihre Identität nur von außen. Auf Kritik reagieren sie entweder überempfindlich und deprimiert – oder überzogen abwehrend und aggressiv. Beides deutet auf ein im Grunde sehr schwaches Selbstwertgefühl hin.

Ihre Überlebensstrategie in der Kindheit war, durch Anpassung schmerzhafter Kritik zu entgehen. So verknüpften sie von klein auf ein gutes Seinsgefühl mit Lob für die Anpassung an die Erwartungen anderer. Dieses Muster – jahrelang gelebt und eingeschliffen – wurde zu ihrer Normalität.

Bis hierhin unterscheiden sich unterwürfig und offen egoistisch agierende Narzissten nicht. Beide haben wenig Gefühl für ihre wirklichen Bedürfnisse (und damit natürlich auch für die anderer), erhielten nur durch bestimmte Verhaltensweisen und Leistungen diese an Bedingungen geknüpfte Zuneigung. Es gibt vielfältige Gründe, warum manche vollkommen in diesem Muster stecken bleiben und andere es quasi „umkehren“. Diejenigen, die es umkehren, spüren irgendwann den Betrug.

In Wirklichkeit sind sie tatsächlich betrogen worden. Sie haben früh gelernt, dass es „Liebe“ nur unter bestimmten Bedingungen gibt. Liebe ist aber keine Liebe, wenn sie an Bedingungen geknüpft ist – im besten Fall ist sie Zufriedenheit mit dem gewünschten Verhalten, das positiv honoriert wird. Aber ein Kind, das nur „geliebt“ wird, wenn es sich wie gewünscht verhält, wird in Wahrheit überhaupt nicht geliebt.
Diejenigen, die den Betrug erkennen, entwickeln daraus die Einstellung, dass ihnen die Welt etwas schulde. Da sie sich so sehr bemüht haben, alles gut und richtig (wie gewünscht) zu machen, aber dennoch am Ende nicht das bekommen haben, was ihnen dafür versprochen wurde (Liebe), ist später ihr Grundlebensgefühl des „Zu-kurz-Gekommenseins“.
Sie irren sich nicht, denn so war es auch. Sie erkennen nur nicht, dass sie einem fundamentalem Irrtum aufgesessen sind: Liebe kann man sich nicht verdienen, es ist komplett unmöglich, nur wegen seiner Leistungen geliebt zu werden. Aber sie versuchen es immer weiter.

Natürlich geht es ihnen vordergründig nicht um Liebe, denn die haben sie ja nie kennen gelernt. Es geht ihnen um Anerkennung bis hin zu Bewunderung. Im Grunde erwarten sie von anderen Menschen das, womit sie sich endlich wertvoll fühlen könnten. Das kann paradoxerweise bis zur Selbstaufgabe gehen, indem sie sich irgendwelchen „Erfolgsregeln“ unserer Gesellschaft unterwerfen, ohne auch nur im Geringsten zu hinterfragen, ob sie diese sinnvoll finden – bzw. durch permanentes „Zu-Diensten-sein“, mit dem sie sich als den perfekten Menschen darstellen.

Der Irrtum ist jedoch bei beiden der gleiche: echtes Selbstwertgefühl kann nie durch Lob entstehen, jedenfalls nicht mehr beim Erwachsenen. Und ich denke, in Wahrheit eigentlich auch nicht beim Kind. Es muss spüren, dass es auch mit seinen Fehlern und Schwächen um seiner selbst willen geliebt wird, sonst hilft alles Lob für gewünschtes Verhalten oder gute Leistungen nicht.

Sie haben keinen klaren Blick auf die Gegenwart, sie realisieren nicht, dass sie selber längst erwachsen geworden sind und ihnen keiner ihrer Mitmenschen etwas schuldet. Dass es sich dabei nur um ein inneres Manko handelt, das sie nur selbst auflösen können, indem sie sich ihm stellen, begreifen die wenigsten. Aber damit sehen sie in anderen immer wieder nur „ideale Stellvertreter“ ihrer frühen Bezugspersonen und werden schnell grausam, wenn sich diese nicht als ideal erweisen.

Ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, dass narzisstisch geprägte Menschen unglaublich wenig Gespür für sich selbst haben. Sie sehen weder ihre Stärken noch ihre Schwächen klar. Sie überhöhen sich in einigen Bereichen zu stark (ich vermute, das sind jene Bereiche, die von ihren Bezugspersonen besonders honoriert wurden) und negieren dafür andere Eigenschaften, die offensichtlich sind. Oft sogar ihre wirkliche Stärken.

Da die meisten Menschen selten tiefer unter die Oberfläche ihrer Mitmenschen dringen, können sie auf diese Art recht erfolgreich blenden. Problematisch wird es nur dann, wenn ihnen jemand tatsächlich nahe kommt und sich nicht von ihrer Fassade täuschen lässt. Doch das passiert ihnen selten, weil sie alles tun, um dies zu vermeiden.
Am ehesten ziehen die zwei Gegentypen von Narzissten sich an: der Unterwürfige den Großartigen und umgekehrt. Sie sind durch dasselbe Grundthema verbunden und passen in ihren Mustern perfekt zusammen. Keiner hat ein echtes Gespür für sich selbst oder den anderen. Derjenige, der bewundert, wird von niemand sonst so viel positive Rückmeldung bekommen wie von dem, der seine Großartigkeit bestätigt sehen will. Und dieser erfährt von niemand sonst so viel Bewunderung. Das Traurige ist nur, dass die Beziehung nicht echt ist – jeder sucht nur seinen eigenen Vorteil, auch wenn ihm das nicht bewusst ist. Zudem respektiert der Großartige in Wirklichkeit den Unterwürfigen nicht – er ist Mittel zum Zweck und sollte er sich je entwickeln und aus seinen Mustern aussteigen, würden sich quasi zwei Fremde gegenüber stehen.

Es gibt aber noch eine Konstellation, die häufig auftritt: Der Narzisst und der naive Idealist. Sie geht selten lange gut, aber eine Weile profitiert der Narzisst sehr stark von den Mustern des Naiven. Dieser neigt zum Idealisieren, weil das ein Muster von ihm ist. Er bekam echte Liebe von einer Bezugsperson, die schwach war und ihm keinen Halt bot. Er musste sie idealisieren, um das Bisschen Liebe nicht zu verlieren. Seine feinen Sensoren lassen diese frühe Liebesbeziehung wieder aufleben, wenn er an einen liebenswürdig auftretenden Narzissten gerät, hinter dessen Fassade er Schwäche spürt. Er tut alles, um ihn zu stärken – wie schon bei seiner frühen Bezugsperson. Um irgendwann völlig desillusioniert feststellen zu müssen, dass er bei der leisesten Forderung – sie muss nicht einmal ausgesprochen sein, es kann auch sein, dass dem Narzissten klar wird, dass da jemand eine „echte Beziehung“ haben will (egal, ob Freundschaft oder Liebesbeziehung), die mit einer gewissen Verantwortung einher geht – und damit ist er komplett überfordert.

Denn eine echte Beziehung bedeutet auch, nicht nur dem anderen, sondern auch sich selbst nahe zu kommen. Und das kann er einfach nicht, weil die Angst davor viel zu groß ist. Wenn Gefahr droht, sein überhöhtes Selbstbild zu verlieren, bleibt nur mehr sehr wenig von ihm übrig.

Natürlich gibt es einige Wenige, die es schaffen, ihre Muster aufzubrechen und sich dem zu stellen, was dahinter liegt. Aber es ist höchst unwahrscheinlich, denn normalerweise bleiben die Menschen in ihren Mustern – bis zu ihrem Tod. Sie suchen sich immer wieder Menschen, die sie aufgrund ihrer eigenen ungesunden Muster in ihren bestätigen. Es scheint, als wäre das der einfachere Weg.

Allerdings ist es nicht so. Denn es verhindert die Befreiung von schädlichen Prägungen und dem authentischen Lebensausdruck. Und nur damit können wir echte Lebensfreude empfinden. Doch in den meisten Fällen wird dies auf dem Altar des Egos geopfert. Es ist wahrscheinlich in letzer Konsequenz eine Frage des Bewusstseins, welchen Weg man wählt. Und warum manche sich der Bewusstheit zuwenden und manche nicht, kann ich auch nicht sagen. Das ist ein Rätsel, das ich bisher nicht lösen konnte.

Vermutlich hat es viel mit Leidensdruck zu tun: solange man noch halbwegs erträglich mit seinen Mustern durch kommt, hält man an ihnen fest. Erst wenn man gar nicht mehr kann, ist man gezwungen, sie loszulassen und sich neu zu orientieren.

Verfasst von: Eva | 23/04/2015

FRÜHLING

JEDER, DER SICH DIE FÄHIGKEIT ERHÄLT, SCHÖNES ZU ERKENNEN, WIRD NIE ALT WERDEN.

(Franz Kafka)

 

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Verfasst von: Eva | 29/03/2015

Ein authentisches, lebendiges Leben

DSCN8395 - Kopie (1280x960)Viele Menschen sehnen sich nach einem authentischen, lebendigen Leben. Sie suchen es jedoch zumeist in äußeren Dingen. Sie denken, wenn nur dies und jenes wäre, wären sie glücklich. Meist sind diese Dinge soziale Anerkennung, Beziehungen und Materielles. Wenn sich aber diese Wünsche verwirklichen, merken sie oft ziemlich schnell, dass sich an ihrem inneren Zustand nichts nachhaltig verändert hat. Nachdem die erste Euphorie verflogen ist, landen sie wieder dort, wo sie anfangs waren. Es gibt tatsächlich Menschen, die alles haben, was man sich nur wünschen kann, die aber dennoch Suizid begehen.

Um authentisch leben zu können, musst du zu deinem natürlichen, angeborenen Wesen finden. Vorbedingung dafür ist, dass du dich bewusst dafür entscheidest, diesen Weg zu gehen. Wenn du ihn nicht gehen willst, wirst du ihn auch nicht gehen. Es sei denn, du kommst durch irgendwelche Umstände in so starken Leidensdruck, dass deine Abwehr mit Gewalt aufgebrochen wird. Das muss natürlich nicht geschehen, du kannst es aber auch nicht ausschließen. Diese Variante ist die schwerste und schmerzhafteste aller vorstellbaren, weil sie wie eine Naturgewalt über dich herein bricht. Es sind die klassischen schweren Lebenskrisen, die das oft bewirken. Und an denen manche Menschen auch zerbrechen. Entwicklung muss aber nicht so vonstatten gehen. Wenn du sie in deinem Leben begrüßt und dich dafür entscheidest, wählst du einen weit sanfteren Weg.

Wer und wie du heute bist, ist durch vielfältige übernommene Sichtweisen und einem fremdbestimmten Selbstbild entstanden. Natürlich gibt es Kinder, die in sehr liebevollen Familien aufgewachsen sind, wo sie sich frei entfalten durften. Das ist jedoch in unserer Gesellschaft nicht der Normalfall. Wir leben in einer sehr neurotischen Gesellschaft, viele sind von ihrem natürlichen Wesen abgeschnitten und tragen eine Menge innere Probleme in sich. Diese Probleme geben Eltern auf verschiedenste Art an ihre Kinder weiter. Es gibt nur einen Weg, diese Kette zu unterbrechen: du musst auf die Suche nach dir selbst gehen und die vielen Beeinflussungen abstreifen.

Der erste Schritt dazu ist, dich damit zu befassen, welche Menschen deine Bezugspersonen waren. Es ist unerlässlich, dafür zu seinen früheren Bezugspersonen mental und emotional auf Distanz zu gehen. Denn diese Menschen haben dich seit deiner Geburt geformt und geprägt. Deine komplette Weltsicht basiert auf ihrem Einfluss. Du hast auf viele Arten ihren Zugang zum Leben übernommen: durch das, was sie gesagt haben, wie sie „richtig“ und „falsch“ definiert haben, infolge deiner natürlichen kindliche Nachahmung ihres Verhalten, durch Übernahme ihres Umgangs mit Gefühlen. Und dadurch, wie sie dich beurteilt und behandelt haben, ist dein Selbstbild entstanden.

Dies funktioniert nicht, indem du dich einfach von gewissen Dingen, die du als schlecht erkannt hast, distanzierst. Du trägst trotzdem eine riesige Menge an Beeinflussungen in dir, die dir nicht bewusst sind. Zudem bedeutet die Distanzierung von gewissen Werten, Sichtweisen oder Verhaltensweisen nicht, dass du dich frei dafür entschieden hast. Du lehnst sie ab, weil du damit Negatives verbindest. Das kann in vielen Fällen dazu führen, „das Kind mit dem Bade auszuschütten“. Du verbaust dir damit die Wahlmöglichkeit eines oft sehr gesunden Mittelwegs, denn das Gegenteil von etwas sehr Schlechtem ist nicht etwas sehr Gutes, sondern meist etwas anderes sehr Schlechtes.

Du wirst im Laufe deiner Distanzierung erkennen, wie viel du von ihnen übernommen hast, ohne dass dir das bewusst war. Die wichtigste Bedingung dabei ist, dass du dich als von deinen Bezugspersonen getrennten erwachsenen Menschen begreifst. Der du ja auch bist. Du bist vielleicht heute schon um einiges älter als die damaligen Bezugspersonen deiner Kindheit. Solange du diese Distanzierung nicht wagst, bleibst du in ihrem System. Das hat nichts mit Lieblosigkeit zu tun, es ist eine notwendige Phase auf dem Weg zu deiner eigenen Unabhängigkeit und Authentizität als erwachsener Mensch.

Du wirst auf diesem Weg vermutlich auf Lebenslügen stoßen, die deine Bezugspersonen vertreten haben, von denen du heute noch selbst viele weiter führst. Du wirst Überzeugungen in dir entdecken, die du niemals bewusst gewählt hast und ein Selbstbild von dir, das in vielem falsch ist. Wenn du dich selber wirklich kennenlernen willst, musst du all die Dinge, die dich als Kind geformt haben, hinterfragen. Du wirst einige Dinge als positiv entdecken und auch weiter behalten wollen. Du wirst aber auch viele Dinge entdecken, die alles andere als positiv und lebensbejahend sind – und die wirst du nicht behalten wollen.

Warum ist dieser Weg für viele Menschen so beängstigend? Woher kommt die Angst davor, seine Bezugspersonen, aber auch sich selbst, klar zu sehen? Es ist im Grunde die Angst des Kindes, das du einmal warst. Da du mit vielen Gefühlen als Kind in deiner grenzenlosen Abhängigkeit nicht anders umgehen konntest, musstest du sie aus deinem Bewusstsein verbannen. Sie sind aber noch in dir. Als Erwachsener brauchst du keine Angst mehr davor zu haben, weil du nicht mehr in deiner Existenz von deinen Bezugspersonen abhängig bist. Aber leider ist dir auch das nicht bewusst. Du fühlst wie ein Kind, obwohl du wie ein Erwachsener auftrittst.

Viele Menschen bleiben ihr Leben lang in kindlichen Prägungen – und damit innerlich auf der Stufe eines Kindes – stecken. Ich bin davon überzeugt, dass fast jede psychische Störung darin ihren Ursprung hat. Du bist seelisch gesund zur Welt gekommen, aber in der Obhut seelisch nicht gesunder Menschen war es dir unmöglich, dich gesund zu entwickeln. Wobei ich unter psychischer Störung keine auffällige psychische Krankheit verstehe, sondern das Abgeschnittensein von seinem natürlichen Wesen und damit auch die verpasste Entwicklung zum authentischen Erwachsenen. Damit einher geht ein Mangel an echtem Selbstbewusstsein und Selbstakzeptanz. In diesem Zustand kann niemand seelisch gesund agieren.

Jedes Erlebnis, das du jemals hattest, ist in deinem Gehirn und deinem Körper gespeichert. Nichts geht verloren. Auch wenn du glaubst, du triffst bewusste Entscheidungen aus deinem freien Willen heraus, irrst du dich dennoch. Du wirst von all den Dingen, die dir nicht bewusst sind, gesteuert. Du hungerst nach der Anerkennung, die du nie bekommen hast, du begibst dich aus Angst vor echter Nähe in Beziehungen, die nur oberflächlich, lieblos oder langweilig sind, du verleugnest deine Gefühle, weil du dich dafür schämst. Da die Mehrheit der Menschen in unserer Gesellschaft so lebt, bist du unfähig, anders zu handeln, weil du ihre Ablehnung fürchtest. Es ist ein Teufelskreis, aus dem du nur heraus kommst, wenn du irgendwann den Mut aufbringst, an dich zu glauben. Das Ziel jeder Weiterentwicklung im positiven Sinne ist, dass du dich selbst annimmst, dass du dich nicht mit deiner sozialen Rolle, sondern mit deinem Selbst identifizierst.

Um das zu erreichen, musst du dir die bedingungslose Liebe, nach der du so sehr suchst, selber geben. Viele wissen nicht, wie sie das bewerkstelligen können. Sie verstehen vielleicht, dass es der richtige Ansatz ist, aber sie sind nicht fähig dazu, ihn umzusetzen. Das ist auch nicht verwunderlich, denn darum ranken sich sehr starke Idealvorstellungen. Besonders bei Menschen, die einen Hang zum Religiösen oder Esoterischen haben, sitzt dahinter die Vorstellung von einem Meer von Liebe, in das sie plötzlich eintauchen, in dem sie sich mit der ganzen Welt verbunden fühlen. Diese Vorstellung entspringt einer großen kindlichen Sehnsucht, die aus einem Mangel heraus entstanden ist. Du musst dich vielmehr als Erwachsener, der du bist, abseits jeglicher Idealvorstellungen selbst annehmen. Du musst dich mit deinem Inneren verbinden und es als das akzeptieren, was es ist: der Kern deiner Identität.

Du kannst das, denn du bist kein Kind mehr, du hast heute viel mehr Fähigkeiten, Ressourcen und Möglichkeiten. Du musst dich diesem verletzten, sehnsüchtigen, traurigen, wütenden Kind in dir zuwenden. Zuwendung bedeutet aber nicht Verurteilung, sondern Verständnis. Jedes Gefühl hat seine Ursache und deshalb darfst du auch keines deiner Gefühl verurteilen. Stell dir vor, du hast ein Pflegekind, das einiges Schlimme erlebt hat und nun versuchst du es aufzupäppeln. Du musst in der Gegenwart deine eigene gute Mutter, dein eigener guter Vater werden. Dazu musst du zwei Anteile in dir getrennt wahrnehmen: Das Kind in dir und dich selbst als Erwachsenen. Wenn du nur in der Identifikation mit dem Kind bleibst, wird sich nichts ändern, da es hilflos ist. Wenn du nur in der Identifikation mit dem Erwachsenen bleibst, wird sich auch nichts ändern, da er keine Verbindung zu seinen seelischen Grund hat. Nur beides zusammen macht dich als Ganzes aus.

Am Anfang wirst du sehr viel über den Verstand gehen müssen, dir also bewusst diese „Elternrolle“ gegenüber deinem inneren Kind überstülpen müssen. Es werden aber immer wieder auch sehr viele alte Gefühle hochgespült werden. Du darfst (und sollst) dich – vorübergehend – mit ihnen identifizieren, um sie fühlen zu können. Gefühle sind nicht statisch. Sobald sie fließen, fließen sie auch irgendwann ab. Wenn du sie nicht blockierst, geschieht genau das. Die schlimmen Momente sind nur jene, in denen du ganz im Fühlen bist. Aber du kannst dich damit motivieren, durchzuhalten, indem du weißt, es wird vorüber gehen. Gefühle, die früher blockiert wurden, sind in ihrer vollen Intensität innerlich gespeichert. Ganz egal, ob es sich um Wut oder Trauer handelt. Sobald sie ins Fließen kommen, fühlst du das, was du als Kind nicht aushalten konntest. Vertraue jedoch darauf, dass du es heute sehr wohl aushalten kannst. Wenn du an bestimmte Gefühle nicht ran kommst, lass dir Zeit. Es hat keinen Sinn, etwas erzwingen zu wollen. Es wird eine andere Zeit kommen, die besser passt.

Zudem wirst du zu Beginn eher auf blockierte Gefühle stoßen, die nicht so schlimm sind. Denn je leidvoller oder intensiver diese Gefühle sind, umso tiefer sind sie verdrängt. Es ist wie mit Schichten, die übereinander liegen, ähnlich einer Zwiebel. Es kann nicht passieren, dass du dich überforderst, denn solange du nicht genügend Ressourcen aufgebaut hast, um dem standzuhalten, wirst du keinen Zugang zu diesen Gefühlen finden. Dafür sorgt schon dein Unterbewusstsein. Je weiter du mit deiner Entwicklung kommst, umso mehr Persönlichkeitsstärke baust du auf. Damit verfügst du über mehr Ressourcen und kannst dich an weitere Gefühle heran wagen, für die du nun die Stabilität hast.

Es wird dir im Laufe dieses Prozesses immer besser gehen, weil deine gesunden Anteile stärker werden. Normalerweise verläuft diese Entwicklung aber in Schüben. Es ist wahrscheinlich, dass du Zeiten erlebst, wo du wochen- oder sogar monatelang am Verarbeiten bist und dich irgendwann so gut fühlst, dass du kein Bedürfnis nach mehr verspürst, weil eine wichtige Etappe abgeschlossen ist. Da jede innere Entwicklung auch äußere Veränderungen nach sich zieht, werden sich deine Beziehungen verändern, du wechselst vielleicht den Beruf, du ziehst um oder du lebst mit Begeisterung Fähigkeiten aus, die vorher brach lagen.

Aber mache nicht den Fehler, zu glauben, das sei es schon gewesen. Es werden wieder Phasen auf dich zukommen, wo deine Entwicklung weiter geht. Je bewusster du damit umgehst, umso leichter wird sie dir fallen. Wenn du offen dafür bleibst, wirst du diese Phasen sogar begrüßen, sie werden dich immer weniger beeinträchtigen. Der Zugewinn an Lebensqualität, der Wegfall von Abhängigkeiten, das Gefühl in sich „rund“ zu sein, die innere Lebendigkeit, dein authentischer Selbstausdruck werden immer wichtiger. Du wirst merken, dass du zwar verwundbar bist, weil du deine Gefühle nicht mehr ablehnst, aber du kannst besser damit umgehen. Krisen werden nie ganz ausbleiben, jedoch hast du die Fähigkeit, sie zu bewältigen, bevor sie dich in tiefste Verzweiflung stürzen. Wenn du den Kampf gegen deine Gefühle aufgibst, werden sie zu wahren Entwicklungshelfern. Du brauchst nicht mehr in theoretischen Konzepten zu leben, sondern deine Intuition und deine Kreativität werden dir die verlässlichsten Orientierungshilfen im Leben sein.

Verfasst von: Eva | 06/03/2015

„Normalzustand“

Obwohl ich gar nicht bewusst weiter darüber nachgedacht habe, fiel mir gestern eine Aussage der Tierärztin meines Hundes ein. Wir sprachen darüber, dass mein Hund von Geburt an einen degenerierten Wirbel hat, trotz der Schmerzen, die er immer hatte, aber jahrelang sehr agil und bewegungsfreudig war. Ich sagte, er täte mir leid, weil er immer mit Schmerzen leben musste. Sie antwortete, dass ich das so nicht sehen dürfe: Für ihn seien das keine Schmerzen gewesen, sondern er hätte nichts anderes kennen gelernt, daher wäre es für ihn der „Normalzustand“ seines Lebens. Erst als die Schmerzen später durch die Folgeerkrankungen schlimmer geworden sind, wäre das nicht mehr normal für ihn gewesen.

Eigentlich weiß ich, dass es bei Menschen auch so ist – wenn man die körperlichen auf seelische Schmerzen umlegt. Aber bis heute habe ich nie richtig begriffen, was das eigentlich bedeutet. Ich habe mich sehr oft gefragt, warum so viele Menschen nichts dafür tun, sich von ihren alten, offensichtlich einschränkenden, oft auch destruktiven Mustern zu befreien.

Der Schlüsselsatz dazu kam von der Tierärztin: Weil sie nichts anderes kennen!

Somit wird klar, warum sich Menschen erst dann selbst hinterfragen bzw. nach Hilfe suchen, wenn die Schmerzen stärker werden, vielleicht erst, wenn sie unerträglich sind. Deshalb beharren so viele darauf, eine „gute Familie“ gehabt zu haben und bestreiten jegliche schlechten Auswirkungen auf ihr gegenwärtiges Leben. Sie kennen schlicht keinen anderen Zustand als den, den sie von klein auf erlebt haben und halten ihre damaligen Überlebensstrategien bis heute für so normal, dass sie unfähig sind, diese überhaupt als solche zu erkennen.

Der Psychotherapeut Dr. Franz Ruppert, der sich vorwiegend mit Trauma-Aufstellungen befasst, sagt dazu: „Wir können nicht frei sein, wenn wir in der Vergangenheit verhaftet sind. Die Zukunft ist ansonsten nur eine Wiederholung dessen, was wir schon getan und erlebt haben und es kann damit wenig Neues passieren, wenn wir uns nicht der eigenen Vergangenheit stellen. Autonomie stehe unter dem Vorzeichen einer Geschichte, einer Lebensgeschichte, einer menschlichen Biographie, einer Familienbiographie und einer Biographie, in der man aufgewachsen und groß geworden sei. All das prägt und bindet uns. Autonomie kann nur dort wachsen, wo wir uns ein Stück aus den Bindungen frei machen können.

Die dominanten Überlebensanteile entstehen aus dem Existenzkampf und der daraus resultierenden ständigen Traumatisierung, die sich quasi selbst erhält und von Generation zu Generation übertragen wird. Einerseits sichert ihre Dominanz das Überleben in einer feindseligen Umwelt, andererseits sorgt sie für immer neue Traumatisierung, weil das Überleben stets durch Gewalt nach innen oder außen gesichert werden muss, denn ein anderes Überlebensmuster wurde nicht erlernt.“
(http://vorarlberg.orf.at/radio/stories/2594931/)

Ich denke, es gibt nur zwei Anstöße, seine Überlebensmuster als kindliche Überlebensstrategien zu erkennen: Wir haben irgendwann die Erfahrung gemacht, dass es auch einen anderen (besseren) Zustand gibt und wissen daher vage um den Unterschied – oder wir leiden so sehr, dass wir dies nicht mehr als „Normalzustand“ ansehen können.

Zu letzterem kommt es vor allem dann, wenn äußere Umstände uns so zusetzen, dass wir den Schein der Normalität vor uns selbst nicht mehr aufrecht erhalten können. Im Grunde handelt es sich dabei fast immer um den Verlust von die Überlebensmuster stabilisierenden Faktoren. Dazu zählt alles, das wir uns aufgebaut haben, um mit den alten Mustern weiterhin mehr oder weniger gut leben zu können. Ob es sich um einen Partner/eine Partnerin handelt, mit der wir neurotische Beziehungsmuster weiter leben, uns über Status definieren, wir unser Selbstwertgefühl in einer Machtposition aufpolieren oder ob wir uns an irgendwelche religiösen Vorstellungen klammern, ist letztlich unerheblich. Sobald diesen Abwehrmechanismen der Boden entzogen wird – der Partner verlässt uns, wir verlieren den gesellschaftlichen Status oder die Machtposition, die religiösen Vorstellungen kollidieren zu sehr mit der Realität – fallen wir sehr unsanft auf uns selbst zurück.

Oft genug mündet das aber noch immer nicht in Selbstreflexion, sondern in Hass auf die scheinbaren Verursacher unseres Leids. Wir greifen auf den Abwehrmechanismus der Entwertung zurück und verdammen die „Feinde“, um unseren eigenen Anteil nicht sehen zu müssen.

Gelingt es nicht, diese äußeren Stützen möglichst rasch durch neue zu ersetzen, dehnt sich die Abwertung gar nicht so selten auf die ganze Welt aus – samt damit einhergehender Verbitterung . Es gibt Menschen, die auf diese Art ihr ganzes restliches Leben verbringen. Eine andere Variante wäre noch, sich selbst zu entwerten und in Selbstmitleid bzw. Depressionen zu versinken.

Beiden Varianten ist jedoch die Opferrolle gemeinsam. Sei es die Wertlosigkeit der anderen oder unsere eigene – wir fühlen uns machtlos ausgeliefert. Damit befinden wir uns aber noch immer im kindlichen „Normalzustand“. Äußerlich erwachsen agieren wir keineswegs als autonome Erwachsene (da wir nie dazu geworden sind), sondern leben innerlich weiterhin in den alten Verstrickungen unserer Familienproblematik, ohne ein Bewusstsein dafür entwickeln zu können.

Die wichtigste Frage, die sich dazu stellt, ist eine, die nicht nur den Einzelnen, sondern unsere gesamte Gesellschaft betrifft: Was kann dem Bewusstsein dafür auf die Sprünge helfen?

Ich denke, das Wissen über all diese Zusammenhänge müsste sich viel mehr verbreiten. Denn solange die Mehrheit der Menschen in ähnlichen Verstrickungen lebt, wird auch sie zum stabilisierenden Faktor eines ungesunden Normalzustands!

Es gibt heute ein ziemlich breites Allgemeinwissen über körperliche Funktionen, leider jedoch nicht über seelische. Auch wenn sich darin in den letzten Jahrzehnten einiges verbessert hat, denke ich trotzdem, es ist noch viel zu wenig.

Ein Mensch mit Magenkrämpfen wird kaum die Frage „Wie geht’s“ mit „Gut“ beantworten. Solange sie aber der Mensch, der sich seelisch nicht wohlfühlt, mit „Gut“ beantwortet, stimmt etwas nicht in unserer Gesellschaft.

Mir ist bewusst, dass es eine provokante Aussage ist, dass wir die Vergangenheit verändern können. Und damit auch die Gegenwart. Es ist damit aber nicht gemeint, dass wir die Vergangenheit nachträglich verändern können, sondern dass wir sie in unserer Vorstellung verändern können.

Es geht nicht darum, uns selbst zu belügen. Damit wäre nichts gewonnen. Doch mir ist klar geworden, dass unsere Vergangenheit im Heute nichts anderes als eine Vorstellung ist. Und diese Vorstellung können wir verändern. Nicht, indem wir uns etwas anderes vorstellen als das, was tatsächlich geschehen ist – sondern indem wir der Erinnerung eine weitere Vorstellung hinzufügen.

Ich bin darauf gestoßen, als ich mich innerlich in eine sehr verletzende Situation mit einer meiner frühen Bezugspersonen versetzte. Ich konnte die alten Empfindungen wieder spüren, die Kränkung und die Ohnmacht. Dahinter lag allerdings auch beträchtliche Wut, was mir erst nach einiger Zeit klar wurde. Als diese Wut hochstieg, hatte ich das Bedürfnis, sie irgendwie auszuagieren und stellte mir plötzlich vor, ich hätte damals anders gehandelt als stumm da zu sitzen und mich kränken zu lassen.

Ich „erfand“ ein Szenario, wo ich mit Türen knallte und mich vehement gegen die Kränkung wehrte. Das hatte ich damals nicht gekonnt. Erstaunlicherweise fühlte ich mich danach sehr wohl. Es geht also um Handlungsalternativen, die uns damals nicht zur Verfügung standen. Eigentlich ist dies ja das Ziel in der Gegenwart: ein altes Muster aufzulösen und an dessen Stelle eine gesunde Reaktion zu setzen.

Ein Kind, dem jemand Schaden zufügt und das aus dieser Situation weder flüchten noch sich dagegen wehren kann, verfällt in den „Totstell-Reflex“. Dabei müssen natürliche Impulse vollkommen blockiert werden. Und das bedeutet hohen Stress.

Man braucht sich nur vorzustellen, wie es für einen erwachsenen Menschen ist, wenn er von seinem Chef – also einer Autoritätsperson – gedemütigt wird. Er wird sich darüber ärgern!

Ein Kind ist aber in einer weit schwierigeren Position. Sein Leben hängt vom Wohlwollen seiner Bezugspersonen ab. Es befindet sich damit in einem Dilemma und kann sich nicht einfach wehren. Um die Situation erträglicher zu machen, setzt der biologische Schutzmechanismus des Abspaltens von Gefühlen ein – ähnlich wie in einer Schocksituation (die es ja oft genug auch tatsächlich für das Kind ist).

Wenn wir nun wieder zum Erwachsenen zurück kehren, der von seinem Chef gedemütigt wird – was geschieht, wenn er damit etwas wieder erlebt, das ihm gar nicht bewusst ist? Er fällt damit sofort in die Kind-Rolle: Entweder er spaltet die Wut wieder ab, bekommt ein Magengeschwür oder sonstige körperliche Symptome, die er sich nicht erklären kann – oder ihm platzt endgültig der Kragen und er agiert seine Wut blind aus.

Es ist aber gar nicht die Wut eines erwachsenen Menschen, der auf die Beleidigung reagiert, sondern die alte Wut, die er jahrelang in sich aufgestaut hat. Ein erwachsener Mensch, der entweder solche Erfahrungen als Kind nie gemacht hat oder sie bereits verarbeitet hat, hat ganze andere Handlungsmöglichkeiten. Er könnte denken, dass sein Chef einen ziemlich schlechten Tag hat, er könnte ihn sachlich darauf ansprechen, sich von ihm ungerecht behandelt zu fühlen, er könnte darum bitten, nicht auf diese beleidigende Art angesprochen zu werden – kurz gesagt, er könnte erwachsen darauf reagieren.

Ich kann nur sagen, jeder Mensch tut sich selber einen ganz großen Gefallen damit, seine alten Erlebnisse aufzuarbeiten! Er befreit sich damit von destruktiven Mustern in der Gegenwart. Es ist hundert Mal besser, sich in eine typische frühe Ohnmachtssituation wieder einzufühlen – auch wenn es schmerzlich sein mag – und danach endgültig damit abschließen zu können, als sich sein Leben lang damit herum schlagen zu müssen.

Es ist jedoch nicht genug, nur die alten Gefühle wieder zu erleben. Es geht auch darum, die  Ohnmacht, die damit verbunden war, aufzulösen. Dabei kann die Imagination einer gesunden Reaktion sehr helfen.  Zum Beispiel könnte es die Vorstellung sein, dass wir als Kind die Polizei anrufen und sie holt den gewalttätigen Vater ab, damit er seine verdiente Strafe bekommt. Oder dass wir ihn anschreien und ihm damit Einhalt gebieten – oder wir einfach davon rennen. Was auch immer – es geht um die Vorstellung, diesen Erlebnissen ein Ende hinzuzufügen, bei dem wir nicht blockiert und ohnmächtig sind und es einfach nur „aushalten“. Wenn wir uns das so richtig plastisch ausmalen, verändert sich etwas in uns.

Durch das Wiedererleben der alten Gefühle und blockierten Impulse sowie durch das „mentale Ausagieren“ von Handlungen, die damals gesund für uns gewesen wären (jemand greift mich an – ich wehre mich oder flüchte), verändern wir die Vorstellungen unserer Vergangenheit. Eigentlich gar nicht so sehr von unserer Vergangenheit, sondern von uns selbst! Wir trauen uns – in unserer Vorstellung – zu handeln. Das bleibt nicht ohne Folgen, denn Vorstellungen bewirken etwas in uns .

Stellt man sich zum Beispiel intensiv eine Zitrone vor und wie sie schmeckt, spüren wir sofort, wie das unseren Speichelfluss anregt. Das heißt, wir können nur mit Vorstellungen körperliche Reaktionen auslösen.

Es macht praktisch keinen Unterschied, ob wir das wirklich erlebt haben oder ob wir es uns nur vorstellen. Die Wirkung wird im Jetzt dieselbe sein. Es geht um die eigene Handlungsfähigkeit, die uns davor bewahrt, traumatisiert zu werden. Es geht bei jeder traumatischen Erfahrung um Ausgeliefertsein. Sobald Flucht oder Kampf unmöglich sind, bleibt uns keine andere Wahl als „auszuhalten“. Die Energien wenden sich nach innen und erzeugen massiven Druck in uns.

Ein schlimmes Erlebnis in unserer Vergangenheit, bei dem wir die Möglichkeit hatten, uns entweder zu wehren oder zu flüchten, löst kein Trauma aus. Warum also nicht dieses Wissen in Vorstellungen umsetzen? Und sie auf uns wirken lassen. Wenn es die Vorstellung einer Zitrone schafft, unseren Speichelfluss anzuregen, schaffen es auch andere Vorstellung, etwas in uns zu bewegen.

Mir ist klar, dass dies theoretisch nicht leicht nachzuvollziehen ist. Dazu muss man es einfach ausprobieren. Wir können nur erleben, was es bewirkt, wir können es gedanklich nicht vorweg nehmen. Mir erscheint die Wirkung jedoch sehr natürlich. Wenn Tiere Schockzustände auflösen, indem sie in einem tranceähnlichen Zustand die unterbrochene Flucht zu Ende führen und mit den Beinen rudern (ich habe das Phänomen in den Artikeln „Katharsis“ bzw. „Wiederholungszwang“ ausführlicher beschrieben), dann wird dasselbe Phänomen auch Menschen in ihrer Tiernatur betreffen.

Auch das Tier ist in der vergangenen Situation, die den Schock ausgelöst hat, nicht tatsächlich geflüchtet. Es tut danach nur so als ob, um die erstarrte Energie wieder in Fluss zu bringen. Wenn wir unsere Vorstellungen einsetzen, tun wir genau dasselbe.

 

 

Verfasst von: Eva | 28/02/2015

Gefühlte Erinnerungen

In meinem letzten Artikel ging es um den „Wiederholungszwang“ bzw. dem für mich stimmigeren Begriff „Vollendungsdrang“ und dass man mit Hilfe eines Therapeuten durch Übertragung auf die Ursachen dieses Drangs stoßen kann. Ich sehe „Wiederholungszwang“ als etwas, das ohne Bewusstheit abläuft und „Vollendungsdrang“ als etwas, das man bewusst einsetzen kann.

Ganz ähnlich sehe ich die Begriffe „Regression“ (unbewusst) und „gefühlte Erinnerung“ (bewusst). Gefühlte Erinnerungen können uns vom Einfluss früh blockierter Gefühle befreien, die uns unbewusst steuern. Dieser Weg verlangt jedoch ein gewisses Maß an Bewusstheit sowie Wissen um diese Zusammenhänge.

Unser Leben ist voll von Hinweisen, wo unsere Probleme liegen, die wir noch nicht verarbeitet und integriert haben. Wir können sie erkennen, wenn wir achtsam sind. Im Grunde brauchen wir keine partnerschaftlichen „Stellvertreter“, denn jeder Kontakt, den wir haben – und sei es oft nur ein paar Minuten lang – ruft in uns etwas hervor. Man fühlt sich wohl oder unwohl, man spürt Widerwillen, vage Angst/Abwehr oder was auch immer. Wer heraus finden möchte, warum das so ist, muss sich an diese Gefühle „andocken“.

Die Königsfrage, die wir dabei uns stellen sollten, ist:

„Woran erinnert mich das?“

(Und weiter oft: Woher kenne ich dieses Gefühl? Bei/mit wem habe ich das schon einmal erlebt? Warum fühlt es sich so vertraut an? Was wird hier wieder aktiviert? Wem galt dieses Gefühl ursprünglich?)

Im Grunde ist diese Vorgehensweise eine Art von „Focusing“ (eine Selbsthilfemethode von Eugene T. Gendlin).

lt. Wikipedia: „Ausgangspunkt des Gendlinschen Entwurfs ist sein überraschendes und ernüchterndes Eingeständnis, dass die eigentliche Arbeit nicht der Therapeut leistet, sondern der Klient. Zu dieser Erkenntnis kam er durch die sorgfältige Beobachtung erfolgreicher Patienten. Als gemeinsames Merkmal fiel ihm die Art und Weise auf, wie sie unabhängig vom Therapeuten über ein Problem sprachen und sich dabei in immer neuer Hinwendung ihrer körperlichen Empfindungen vergewisserten. Diese Rückkoppelung ist für Gendlin der Schlüssel zum Erfolg und bildet die Grundlage des Focusing. Eine Folge dieses Ansatzes ist die geänderte Rollenverteilung. Nach Gendlin besitzt der Klient bei der Lösung seiner persönlichen Probleme die alleinige Autorität, die alleinige Kompetenz und das alleinige Wissen. Er ist sein eigener Therapeut. Aus dem Klienten wird der Focuser, der den Prozess autonom beginnt, steuert und beendet. Der Therapeut wird zum Begleiter. Ein Abhängigkeitsverhältnis entsteht nicht. Begleiter kann nach Gendlin jeder Focusing-kundige Laie sein. Die Begleitung im Focusing-Prozess muss lediglich darauf bedacht sein, „nicht im Weg zu stehen“, womit Gendlins wichtigste Regel genannt ist. Jede Form von Störung durch ungebetene Kritik, Interpretation oder gar Intervention ist ausgeschlossen. Analysen und Ratschläge gehören ebenso nicht zum Focusing.“

Focusing bedeutet nichts weiter als Fokussierung auf etwas. In diesem Fall auf ein Gefühl. Ich begebe mich so intensiv wie möglich in dieses Gefühl hinein und versuche herauszufinden, woher es mir bekannt ist. Die richtige Antwort darauf ist jene, die eine Art inneres Aha-Erlebnis samt Erinnerungen auslöst. Es lässt sich in etwa damit vergleichen, wenn wir uns nicht an den Vornamen einer Person erinnern können, der uns fast auf der Zunge liegt, uns aber dennoch nicht einfällt. Wir probieren verschiedene Namen aus. Bei manchen fühlt es sich „näher“ an, bei manchen weiß man gleich, er ist falsch. So hanteln wir uns Schritt für Schritt weiter, bis uns plötzlich der richtige Name einfällt. Wir wissen sofort, dass er stimmt. Die Erkenntnis ist ein erleichterndes Gefühl, die Anspannung fällt ab.

Auch Focusing wird so betrieben. Wir lassen die Erinnerung, woher wir dieses Gefühl kennen, aufsteigen, kriegen es aber nicht gleich zu fassen. Wir ordnen es da und dort zu, es bleibt jedoch unbefriedigend. Wenn wir den „Treffer“ landen, wissen wir das aber augenblicklich. Stellt er sich nicht ein, handelt es sich nur um Spekulation.

Wenn wir in solchen Situationen emotional in Kontakt mit unserer Vergangenheit kommen, stoßen wir auf jene Gefühle, die wir als Kind in einer bestimmten Situation mit einer bestimmten Person hatten. Wir können auf diese Gefühle aber nur fühlend stoßen, denn Gefühle lassen sich nicht denken. Wir werden also die alte Wut, die alte Angst oder die alte Trauer plötzlich wieder in uns haben und uns erinnern, wie das damals für uns war.

Durch diesen Prozess löst sich letztlich eine innere Blockade und wir können auf einmal sehr gut verstehen, warum wir in der Gegenwart auf jemand, der uns an das alte Erlebnis erinnert hat (und sei es auch nur durch eine Kleinigkeit), auf diese Art reagiert haben. Es ist nichts anderes geschehen als eine unbewusste Regression. Wir fühlten uns wie damals, aber es war uns nicht bewusst.

Wir müssen, um das zu erkennen, allerdings ganz in die Rolle des Kindes schlüpfen, das wir waren. Obwohl unser erwachsenes Ich den Prozess steuert, muss es sich als neutraler Beobachter völlig im Hintergrund halten. Es geht weder um Bewertung noch um Interpretation, schon gar nicht um Verständnis für die Person, die uns gekränkt, beleidigt, zurück gestoßen oder sonstwie enttäuscht hat. Das wäre schon ein Vermischen von Gegenwärtigem und Vergangenem. Wir stülpen damit der alten Situation Teile unseres Erwachsenen-Ichs als Zensor über. Als Kind hatten wir jedoch kein Erwachsenen-Ich!

Um in diesen Zustand zu kommen, braucht es ein wenig Übung und Experimentieren. Es ist eine tiefe Konzentration auf Erinnerungen und bedarf daher auch einer ungestörten Umgebung. Ob sich jemand im Sitzen, Liegen oder in Bewegung (auf einem Spaziergang in der Natur) leichter in seine Vergangenheit versetzen kann, muss er selber heraus finden. Die größte Hürde ist aber zu Anfang, dass wir alles bewusste Denken abstellen müssen. Es hat seinen Platz danach, nicht jedoch währenddessen. Sollten Gedanken auftauchen, müssen wir sie wie Wolken am Himmel weiter ziehen lassen und ihnen keine Beachtung schenken.

Dabei hilft es, sich auf seine Körperempfindungen zu konzentrieren. Wie spüre ich mein Atmen, fühle ich ein Kribbeln oder eine Verspannung? Reines Fühlen hat auch immer mit dem Körper zu tun, da alle Erinnerungen im Körper abgespeichert sind. Vielleicht hilft es manchen dabei, sich vorzustellen, man würde in einem Film das Kind von früher darstellen? Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, jeder muss seinen eigenen Zugang finden.

Sobald man es jedoch auch nur ein einziges Mal geschafft hat, wird es zu einer sehr einfachen Sache, die sich immer leichter reproduzieren lässt. Auf diese Art können wir vielen Spuren nachgehen, die uns bis heute nur als unveränderliche „Immer-wieder-Reaktionen“ erschienen sind.

Das gewisse Maß an Bewusstheit ist dabei deshalb nötig, weil die erwachsene Instanz diesen Prozess steuert. Wer noch zum Großteil unbewusst in seiner Kind-Rolle lebt,  kann das nicht. Der erwachsene Mensch braucht sich vor seinen Kindheitserinnerungen nicht zu fürchten, da er weiß, er hat sie ja schon als Kind überlebt (wenn auch mit Hilfe von Verdrängung). Das Kind hatte aber noch nicht seine erwachsenen Ressourcen. Ist dieser Mensch im Jetzt aber noch sehr stark in seiner Kind-Rolle verhaftet (und das sind weit mehr Menschen als man annehmen würde!), wird er diese Gefühle wieder nur abblocken.

Wenn es so ist, brauchen wir für diese Prozesse ein menschliches Gegenüber, das unser „Erwachsenen-Ich“ stärkt. Natürlich sind wir ab einem gewissen Alter alle erwachsen – wir wissen es nur nicht. Ein stärkendes Gegenüber in der Gegenwart kann dabei helfen, uns das klar zu machen.

Wir werden mit jeder „gefühlten Erinnerung“, mit der wir alte Automatismen aufheben, automatisch erwachsener. Es kann also durchaus sein, dass wir anfangs noch therapeutische Unterstützung benötigen, später aber nicht mehr.

Das erwachsene Ich in uns ist auch die einzige Instanz, die uns dazu bringen kann, sich auf diese Prozesse freiwillig einzulassen. Es braucht keine schweren Krisen, die dazu zwingen. Wir erkennen mit ihm die Verantwortung, die wir für uns – und andere – haben. Wir können für uns selber sorgen und brauchen keine „Ersatzeltern“ mehr, mit denen wir in kindlicher Abhängigkeit leben.

 

 

Verfasst von: Eva | 28/02/2015

Wiederholungszwang = Vollendungsdrang

DSCN6042 (1280x1209)Ich möchte mich mit dem Thema – das ich ihm vorhergehenden Blog-Artikel zu Katharsis bereits erwähnt habe – nun weiter befassen.

„Wiederholungszwang“ ist ein Begriff, der auf Sigmund Freud zurück geht:

lt. Wikipedia: Wiederholungszwang ist ein von Sigmund Freud definierter Begriff zur Begründung des sonst schwer erklärbaren menschlichen Impulses, unangenehme oder sogar schmerzhafte Gedanken, Handlungen, Träume, Spiele, Szenen oder Situationen zu wiederholen…….
Freud setzt sich in dieser Arbeit auch mit der Fragestellung auseinander, woher die Beharrlichkeit eines neurotischen Symptoms komme, wenn diese offensichtlich für den Analysanden ein Leiden darstellt…“

Verbindet man Freuds Beobachtung, die er als „neurotisches Symptom, das Leiden verursacht“ mit Peter A. Levines Erkenntnissen durch Beobachtungen an Wildtieren, liegt klar auf der Hand, dass es sich um ein und dasselbe Phänomen handelt.

Ich wiederhole der Einfachheit halber hier die Schilderung in Levines Buch “Vom Trauma befreien: Wie Sie seelische und körperliche Blockaden lösen”:

„Wildtier-Biologen verfolgen einen verängstigten Bären, umzingeln ihn und setzen ihn mit einem Betäubungspfeil außer Gefecht. Als sich das Tier später aus seinem Schockzustand heraus bewegt, beginnt es leicht zu zittern. Das Zittern nimmt bis zu einem fast krampfartigen Schütteln zu, bei dem die Gliedmaßen scheinbar willkürlich bewegt werden. Nach dem Abflauen des Schüttelns nimmt der Bär einige tiefe Atemzüge, die sich über den ganzen Körper ausbreiten. Danach ist der Schock aufgelöst. Das besonders Spannende ist aber, dass Levine die Reaktion des Bären in Zeitlupe betrachtet hat und erkannte, dass die scheinbar willkürlichen Reaktionen der Beine in Wahrheit koordinierte Laufbewegungen sind. Es war, als ob das Tier “seine Flucht vollenden wollte”, indem es die Bewegungen, die unterbrochen wurden, aktiv nachholte. Er hat später dasselbe Muster an vielen anderen Tieren beobachtet.“

Der Wiederholungszwang des Menschen wurde bisher als unbewusstes Replizieren alter Erlebnisse, speziell aus der Kindheit, angesehen, das nur schwer erklärbar schien, da sich der betreffende Mensch scheinbar immer und immer wieder alten Leidenszuständen aussetzte. Selbst wenn die Betroffenen Einsicht in ihr Verhalten bekamen, konnten sie sich dennoch nur ganz schwer aus diesen Re-Inszenierungen lösen.

Freud hat nicht in Betracht gezogen hat, dass dahinter ein sehr natürlicher Instinkt stehen könnte, den auch Tiere haben. Er entwickelte sogar den Begriff „Todestrieb“ und ordnete den Wiederholungszwang diesem zu. Somit sah er darin etwas rein Destruktives.

Ich glaube an keinen Todestrieb im Menschen. Das biologische Programm jedes Lebewesens ist auf Überleben ausgerichtet. Wenn sich Destruktivität entwickelt, dann deshalb, weil keine natürliche und gesunde Entwicklung möglich war und gesunde Überlebenstriebe von vielfältigen Störungen überlagert werden. Ein depressiver Mensch, der Suizid begeht, ist nicht mit einem Todestrieb zur Welt gekommen, der ihn dann plötzlich überwältigt, sondern die Ursache des Suizids sind seine unerträglichen Depressionen. Es kommt aber kein Säugling mit Depressionen zur Welt. Depressionen werden erworben, sind eine Reaktion auf unverarbeitetes Leiden.

Da der Mensch durch seine Denkfähigkeit, die Kultur, die er geschaffen hat und damit der Abkehr von einem artgerechten Leben entsprechend seiner Tiernatur, in einer weit komplexeren und künstlicheren Welt lebt als jedes Wildtier, ist es ihm nicht so einfach wie Tieren möglich, Zugang zu seinen Instinkten zu finden. Sie sind selbstverständlich vorhanden, insbesondere an Säuglingen lassen sie sich noch gut beobachten, jedoch verlieren sie im gesellschaftlichen Leben immer mehr den Fokus.

Descartes berühmter Ausspruch „Ich denke, also bin ich“ zeigt sehr deutlich, in welche Richtung die Entwicklung des modernen Menschen ging. Das Denken wurde zum goldenen Kalb, um das die ganze zivilisierte Welt tanzt.

Denken kann großartige Dinge hervorbringen! Die Intelligenz ist ein segensreiches Werkzeug, das ebenfalls dem Überleben der Spezies Mensch dient. Aber wir sind nicht nur denkende Lebewesen, wir haben einen Körper, wir haben Gefühle und Instinkte. Unsere Gesamtheit ergibt sich aus allen Komponenten. Wird eine Komponente zu Lasten der anderen überbetont, fallen wir aus der Balance.

Die am meisten vernachlässigte Seite des Menschen sind seine Gefühle, die ich zu den Instinkten zählen möchte. Auch Tiere haben Gefühle, jene von höheren Säugetieren sind denen von kleinen Kindern sogar äußerst ähnlich, wenn nicht sogar gleich.

Wenn nun Tiere nach traumatischen Erlebnissen den Drang verspüren, das, was unterbrochen wurde (zum Beispiel das Flüchten) in einer Art tranceähnlichem Zustand fortzusetzen und damit das Trauma auflösen, sind die Parallelen zum Menschen, der immer wieder dieselben Konstellationen aufsucht, um etwas wieder zu erleben, offensichtlich.

Es geht aber keinesfalls darum, dass er dasselbe Leid wieder erleben möchte, es geht darum, dass er etwas zu Ende bringen möchte. Denn ausnahmslos jeder, der sich in einer Wiederholungssituation befindet, hofft zutiefst auf ein gutes Ende. Es geht nicht darum, den ehemals brutalen Vater und dasselbe Leid noch einmal zu erleben, es geht vor allem um die Hoffnung, dass er endlich zum guten Vater wird.

Was natürlich nie geschieht, denn die Chance dafür geht gegen Null. Der „Stellvertreter“ des Vaters in der Gegenwart müsste Einsicht zeigen, sich ev. mit Hilfe von Therapie auf einen Selbstreflexions- und Selbsterfahrungsprozess einlassen, um am Ende das im Guten zu vollenden, was der frühere Vater nicht zustande brachte. Erfahrungsberichte zeigen, dass dies so gut wie nie geschieht. Und selbst wenn, würde es fatale Folgen haben: die Frau würde lebenslang in ihrer Kind-Rolle mit dem „guten Vater“ als Partner bleiben und nie die Ablösung in ein selbständiges Leben schaffen. Sie würde nie erwachsen werden.

Was wäre aber, wenn wir uns – wie Tiere – in einer Art Trance oder Meditationszustand wieder in die alte Situation zurückversetzen, in Kontakt zu den alten Gefühlen kommen und das „nicht Vollendete“ nachträglich vollenden? Das Zurückversetzen bezeichnet man in der Psychologie üblicherweise mit Regression. Auch dieser Begriff stammt von Freud und wird ähnlich negativ wie der Wiederholungszwang als Abwehrmechanismus dargestellt.

Doch der ungarische Psychoanalytiker Michael Balint sah in Regression einen Bewältigungsmechanismus. Besonders in therapeutischen Beziehungen wird der „heilende“ Aspekt betont.

Der Unterschied zwischen einer Frau, die sich einen gewalttätigen Partner wählt und bei ihm unbewusst in kindliche Verhaltensweisen verfällt und einer anderen, die diese Thematik mit einem Therapeuten durchlebt, ist offensichtlich. Im ersten Fall wiederholen die Frau und ihr Partner nur immer wieder ihre alten Muster und Leiden, ohne jemals heraus zu finden, im zweiten Fall kann durch die Intervention des Therapeuten über kurz oder lang der tatsächliche Ursprung der Problematik ans Licht gebracht werden. Insbesondere sind im zweiten Fall die Chancen, zu einem guten Ende zu finden, hervorragend. Da die Übertragung nur temporär erfolgte, bleibt auch keine Abhängigkeit zurück.

Es ist ein Weg, Erlebnisse in der Vergangenheit zu verstehen, die nie innerlich abgeschlossen wurden. Ich sehe sowohl den Wiederholungszwang als auch Regression als instinktive menschliche Bewältigungsmechanismen, auch wenn sie in Form von unbewusstem Ausagieren tatsächlich keine Hilfe sind und nur immer wieder das alte Leiden erzeugen. Wir drehen uns damit im Kreis und finden keinen Ausgang. Der Schlüssel zur Bewältigung ist Bewusstheit – das Erkennen, warum wir das tun.

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